BÜHNE Nö, also nö, nich so 'n Theater, nö
Man sollte denken, und die Erfahrung lehrt es ja, dass man den »Hamlet« nicht totinszenieren kann. Aber man kann es doch, wie uns im Hamburger Thalia Theater vor Augen geführt wurde. Ein toller Scherz jagt den anderen, man weiß nur nicht, was der Dänenprinz da noch soll.
Der hauptsächlich Verantwortliche für diese Missgeburt heißt Jürgen Kruse, »ein grau gewordener junger Wilder aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts«, so sieht ihn die »Frankfurter Allgemeine«.
Kruse lässt Ophelia schwanger sein, offenbar von Hamlet defloriert. Das findet sich in keinem Shakespeare-Text. Dort steht vielmehr: »Ich habe keine Lust am Manne - und am Weibe auch nicht.« Vielleicht ist diese Interpretation ja »postdramatisch« und somit à la mode? Denn auch in der »Hamlet«-Verfilmung von Kenneth Branagh kann man sehen, dass die geschlechtliche Beziehung zwischen Hamlet und Ophelia außer Frage steht.
Außerdem übersetzt Branagh übrigens »knowledge« mit »Gewissen«, da ist sogar Kruses »Bewusstsein« noch besser. Gemeint, und das lässt sich auf der Bühne schwer klarmachen, ist aber »Nichtwissen«, das Feige aus uns allen macht.
Während Branagh als Hamlet diesem wenigstens Glaubwürdigkeit verleiht, macht Kruse aus Hamlet durch das Outfit eher einen Grunge-Bandleader. Mehr noch als in Zadeks »Hamlet«, übersetzt von seiner Elisabeth Plessen, soll hier eine Bonanza aufgetan werden. Nur lässt sich die Jugend von heute durch sprachliche Rohheiten allein nicht einfangen. Die von Hamlet meistgebrauchte Standardbenennung heißt: »Na, du alte Sau.« Das spricht er zu Yoricks Totenschädel und Onkel Claudius, wohl auch zu sich selbst und zum ganzen Stück. Man sieht sich umstellt von Makulatur und Abfall.
Als Hamlet den Oberkämmerer Polonius ersticht, fliegt ein Pferdekopf durch die Luft - warum nicht gleich: »Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand«? Hamlets Aushorcher Rosenkranz und Güldenstern heißen bei Kruse »Hodensack« und »Sa-
menstrang«. Wie witzig! Unverkennbar tragen sie Kaftan und Hüte mit Schläfenlocken, Hamlet jiddelt und grüßt mit »Schalom« - Achtung, ihr Neonazis!
Vater Hamlets Geist, wie die »Süddeutsche Zeitung« beobachtete, wirkte wie »ein etwas durchgeknallter, aufwendig verpackter Imker«, stammelte und schwitzte »wie ein Schwein«. Kein Wunder. Kein Buh ertönte im Publikum, als Hamlet nach England in den sicheren Tod verschifft werden soll und er sich lauthals beschwert: »Nö, also nö, ich will nich nach England.«
Die »Frankfurter Allgemeine«, gnadenlos wie nie, richtete Jürgen Kruses OEuvre hin: »Hamlet« von Shakespeare sei dies alles nicht. Das Stück, das erst noch hätte geschrieben werden müssen, hätte nach allem, was man sah, genauso gut »Der arme Bub«, »Der Stotterer« oder auch »Der Pop-Plattenhörer« heißen können.
Mit seinem Kollegen Leander Haußmann hat Kruse sich in der Bochumer Theaterkantine schon einmal geprügelt. Nirgendwo kann er die Prügel beziehen, die er für dieses Machwerk redlich verdient hätte.
* Mit Paul Wolff-Plottegg (Claudius), Angelika Thomas(Gertrud), Peter Jordan (Hamlet) und Judith Rosmair (Ophelia).