POPMUSIK Normaler Typ
Wenn Kritikerworte eine Wirkung hätten, müßte sich der britische Popstar Phil Collins, 34, längst nach einem neuen Beruf umsehen.
So hagelten gedruckte Unfreundlichkeiten auf den kleinen Mann mit der Napoleon-Statur, als ihn seine gegenwärtige Welttournee durch Europa führte.
»Ordentlich und fehlerlos« sei sein Auftritt, fand die »Süddeutsche Zeitung«, aber »der Funke will nicht überspringen«. Durchaus wohlgesinnt war die »Frankfurter Allgemeine« dem Künstler, als sie ihn einen »Alleskönner« nannte. Einen Einwand aber hatte das Blatt: »Collins ist zu gut.«
Jeglichen »Magnetismus« vermißte der Pariser »Monde« in der Show des Briten, und der Kritiker der Londoner »Times« sah sich beim Collins-Auftritt in der Royal Albert Hall in ein »emotionales Vakuum« gefallen. Der »Guardian« beobachtete »mehr einen freundlichen Familienvater mit einem versteckten Anflug von Wildheit als einen Popsänger«.
Schon oft bekamen Kritiker das Gähnen, während um sie herum das Publikum in Jubeltaumel ausbrach. Der Mann, der hier zu einem Langweiler erster Güte gestempelt wird, hat sich, unbehindert von Schmähungen der Presse, in diesem Jahr endgültig als Pop-Weltstar durchgesetzt. Seine Platten erreichen Millionenauflagen.
Seit Wochen steht die jüngste Collins-LP, Titel: »No Jacket Required«, an der Spitze der bundesdeutschen Hitparade. In den USA und Kanada, fast überall in Europa, in Japan und in Australien rangiert das Werk auf den obersten Plätzen.
Der Titel der LP, auf deutsch etwa: »Kein Jackenzwang«, berührt ein gravierendes Problem der Menschheit, insbesondere von Popstars, die oft auf Reisen sind. In lockerem Aufzug werden die nicht selten, obwohl steinreich, in der Fremde von der Schwelle feiner gastronomischer Einrichtungen gewiesen, wenn sie nicht das obligate Jackett tragen. Manchmal war dieses Mißgeschick Collins zugestoßen, obwohl er »eine Lederjacke anhatte, die wahrscheinlich teurer war als die Jacke der Leute, die schon in der Bar waren«. Höchste Zeit, daß diese schreiende Ungerechtigkeit, dank Collins, nun einmal gegeißelt wird.
Der Jacken-Bestseller enthält sentimentale Balladen im Stil des Single-Hits »One More Night«, in dem Collins, wie jüngst sein Kollege Mick Jagger im Song »Just Another Night«, mit hochgequetschter Schmeichelstimme eine Dame flehentlich um »noch eine Nacht« bittet. Außerdem befindet sich auf der Platte viel gängiger Disco-Funk für den Genuß ohne Reue, zu dem die exquisiten »Phenix Horns« von der US-Band »Earth, Wind & Fire« messerscharf swingende Bläser-Riffs beisteuern.
Daß der Schlagzeuger, Sänger, Komponist und Plattenproduzent Collins so ungemein erfolgreich ist, verdankt er überdurchschnittlichen handwerklichen Fähigkeiten, verbissenem Fleiß und dem
Geschick, aktuelle Pop-Sounds zu stromlinienförmigen Gebilden zu mixen.
Schon mit fünf Jahren hatte Collins seine Karriere gestartet, als ihm ein Onkel eine Spielzeugtrommel schenkte. Mit zwölf schlug er die Felle seines ersten richtigen Schlagzeugs, und es stand fest, daß dies einmal sein Beruf werden sollte.
Um die Zeit zu überbrücken, die ihn noch vom Musikprofi-Dasein trennte, betätigte er sich als Kinderschauspieler. Mit 14 Jahren spielte er eine Hauptrolle in dem Londoner Erfolgs-Musical »Oliver!«. In häufig wechselnden Bands ertrommelte sich der Teenager für karges Salär die ersten Bühnenerfahrungen. Schließlich landete er in der Kapelle »Flaming Youth«, die auch eine LP auf den Markt bringen konnte.
Von 19 an ging's dann steil bergauf. In einer Kleinanzeige wurde ein Schlagzeuger für die aufstrebende Band »Genesis« gesucht, die aus Oberschülern mit dem Hang zu monumentaler Bildungs-Popmusik bestand.
Collins bekam den Job und wurde Mitglied einer der populärsten Bands der siebziger Jahre. »Genesis« seifte ein Millionenpublikum mit einem Stil ein, der als »Art Rock« Geschichte machte und inzwischen, exemplarisch, für die Hohlheit eines ganzen Popmusik-Jahrzehnts verantwortlich gemacht wird.
»Genesis« zelebrierte bombastische, opernhafte Shows, die sich in ihrer Bildungsbeflissenheit von den Trivialquellen des Pop entfernt hatten. Der Sänger Peter Gabriel sang, oft in lächerlichen Fantasy-Kostümen steckend, tiefsinnige Pennäler-Lyrik, während die Band in pompösen Harmonien orgelte und von Rhythmuswechsel zu Rhythmuswechsel eilte. Die Konzerte gerieten immer mehr zu stinkseriösen Veranstaltungen, und diese Hypothek belastet Collins heute noch.
Nach dem Abgang Gabriels rückte Collins 1975 als Sänger ins Rampenlicht, und mit ein bißchen Klang- und Show-Kosmetik brachte er die Band weiter erfolgreich in die achtziger Jahre.
Aber Collins, dem workaholic, reichte das »Genesis«-Pensum nicht aus, um seine Tage auszufüllen. Er spielte nebenher in der Band »Brand X«, die hauptsächlich den Jazzrock pflegte.
Klar, daß diese Nonstop-Ackerei den Ehemann und Familienvater Collins weitgehend davon abhielt, sich zu Hause blicken zu lassen. Seine Frau reichte die Scheidung ein, und Collins fiel in ein Tal der Tränen. Aber der ganze Jammer verwandelte sich bald in einen Segen.
Denn nun fing Collins an, sein Leid in sentimentalen Popsongs zu verarbeiten, und das Resultat war, 1981, die erste Solo-LP »Face Value«. Das Werk kam an und wurde ein Bestseller. 1982 schob er das Solo-Album »Hello, I Must Be Going!« nach, und »weil ich mich nicht schon wieder scheiden lassen konnte, mußte ich die Songs ein bißchen anders schreiben«.
So schrieb er halt über die handfesten Nachwehen seiner Krise. In dem Song »I Cannot Believe It's True« etwa führt er Klage über die Briefe des Anwalts seiner Frau, die immer neue Geldforderungen an ihn enthielten. Auch die zweite LP wurde ein Bestseller.
Inzwischen hatte es sich in der Musikbranche herumgesprochen, daß Collins ein Stil-Chamäleon war, dem man, mit Aussicht auf Erfolg, die unterschiedlichsten Plattenproduktionen anvertrauen konnte. So ließ sich die Abba-Dame Frida von Collins für ihr internationales Solo-Debüt ein passendes Sound-Kostüm schneidern, und der alternde Gitarren-Star Eric Clapton baute für sein jüngstes Album auf die Produzentenhilfe des »Genesis«-Drummers.
Sogar ein Meisterstück ist Collins gelungen, als er die Platte des schwarzen Sängers Philip Bailey, Titel: »Chinese Wall«, produzierte und im Duett mit ihm den Welthit »Easy Lover« fabrizierte. Das Collins-Markenzeichen, ein mächtiger Schlagzeug-Sound, der wie aus einer Drum-Maschine knallt, ist mittlerweile fast die Muster-Rhythmusspur der Achtziger-Jahre-Popmusik. Daß Collins nun ein Solo-Superstar ist, hindert ihn nicht daran, weiter bei »Genesis« mitzuwirken. Auch dieser Band hat er, für ihre letzte LP, einen ertragreichen Tages-Sound verpaßt und sie behutsam vom Rock- aufs Funk-Gleis geschoben.
Das Erfolgsrezept des Mannes, der mit Recht von sich behauptet, er sei »ein langweiliger normaler Typ«, ist einfach: »Meine Musik unterscheidet sich von der anderer Leute, weil ich Schwarz und Weiß nehme und daraus etwas anderes mache.«