»Oben ist oben«
SPIEGEL: Herr Walser, wie sind Sie dem Vorbild Ihres Romanhelden Fink begegnet, dem Ministerialrat Rudolf Wirtz?
Walser: Ende der achtziger Jahre lernte ich Wirtz als einen der wenigen kennen, die dem Vorbild einer anderen meiner Romanfiguren, nämlich des Alfred Dorn aus der »Verteidigung der Kindheit«, vorurteilsfrei begegnet waren. Was mich an ihm faszinierte, war eine verwandte »Leidenstemperatur«.
SPIEGEL: Wer hatte als erster die Idee, aus dem Fall einen Roman zu machen: Wirtz oder Walser?
Walser: Als Schriftsteller spürt man, wenn einem jemand seine Leidensgeschichte nicht als Privatgeschichte, sondern als möglichen Stoff erzählt. Es ist ja auch keine private Geschichte, sondern eine Gesellschafts- und Politikgeschichte.
SPIEGEL: Was reizt Sie an authentischen Stoffen? Keine Lust mehr, etwas zu erfinden?
Walser: Ich bin nie aufgebrochen und habe derlei gesucht. Das ist mir damals mit dem Nachlaß von Alfred Dorn ins Haus gekommen, und durch Dorn ist mir jetzt Stefan Fink ins Haus gekommen. Ich hätte mehr als genug an eigenem Arbeitsprogramm zu bewältigen . . .
SPIEGEL: . . . es fehlt also nicht an privatem Stoff . . .
Walser: . . . im Gegenteil. Aber man kommt sich irgendwann komisch vor, wenn einem wirkliches Leid begegnet, zumal wenn ein Leiden so politisch geprägt ist wie hier.
SPIEGEL: Aber Sie haben doch Eigenes in »Finks Krieg« eingebracht?
Walser: Leiden erträgt keine Fremdsprache: Wenn es mir fremd wäre, könnte ich darüber nicht schreiben. Sobald man anfängt mit der Arbeit, spielt die Quelle keine Rolle mehr. Wenn man fertig ist, muß man es natürlich verantworten können vor dem, der da eine Rolle spielt. Im übrigen halte ich Machtmißbrauch für den alltäglichsten Tatbestand unserer Gesellschaft.
SPIEGEL: Kommt da wieder der linke Gesellschaftskritiker Martin Walser ins Spiel?
Walser: Für mich war der Roman nie Gesellschaftskritik, sondern immer Geschichtsschreibung des Alltags. Wenn dann Kritisches entsteht, darf es nicht aus einer Absicht, sondern nur durch Genauigkeit zustande kommen. Aber das Politische dieses Falls hat mich schon fasziniert, ich habe gewissermaßen keinen Quadratmillimeter auslassen können. Ich wollte so etwas einmal kennenlernen, in der ganzen grotesken Erbärmlichkeit und Unannehmbarkeit. Jetzt erhalte ich Post: daß es auch in der Industrie so sei wie im Roman beschrieben.
SPIEGEL: Typisch nur für die kapitalistische Gesellschaft?
Walser: Meine Romanfigur begegnet mehrmals Joschka Fischer und stellt sich den an der Macht vor: ohne Begeisterung. Obensein ist Obensein.
SPIEGEL: Gehören für Sie Fink und Dorn, die Helden nach realem Vorbild, in eine Reihe mit Ihren Romanfiguren Zürn, Halm und Horn?
Walser: Ja, ich habe das Gefühl, daß die beiden Burschen in meine Leidensgemeinschaft hineingehören. Sehen Sie: Es gab natürlich in all den Jahren viele Angebote von außen, vielleicht 50, vielleicht 100. Nur bei diesen beiden habe ich zugegriffen. Da mußte ich zugreifen. Es wäre kaltschnäuzig gewesen, darüber wegzugehen.
SPIEGEL: Und nun, angesichts der fertigen Arbeit: was ist Ihr Resümee?
Walser: Nie mehr so viel Stoff!
SPIEGEL: Das Vorbild für Finks Gegner, der ehemalige Staatssekretär Alexander Gauland, hat Ihnen vorgeworfen, Sie hätten nicht mit ihm gesprochen. Wäre das nicht geboten gewesen?
Walser: Nein. Ich habe nur über Tronkenburgs Machtausübung geschrieben, nicht über seine Person. Mich interessierte nur seine Funktion meinem Helden gegenüber. Der Roman ist ja mehr oder weniger ein Monolog: Alle Personen tauchen nur nach Maßgabe ihrer Unrechtsfunktionen auf.
SPIEGEL: Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Walser: Kindheitsstoff. 1932, 1938 und 1945. Leitendes Gefühl: Vergangenheit als Gegenwart. Y