KUNST Offene Frage
Das »Neue Deutschland« wertet die Transaktion als »Erfüllung völkerrechtlicher Grundsätze«, der Rotterdamer Museumsmann Bram Meij hingegen findet das »großzügige Verhalten« der DDR-Regierung bemerkenswert. Mit der Rückgabe von 33 Altmeister-Blättern wird eine prekäre Episode deutsch-niederländischer Kunstmarkt-Beziehungen versöhnlich abgeschlossen.
Was Meij am Donnerstag letzter Woche als Eisenbahn-Gepäck nach Hause brachte das sind eine von Albrecht Dürer auf Pergament gemalte »Heilige Familie«, zehn Federzeichnungen desselben Künstlers und weitere 22 von dessen Zeitgenossen. Das Dürer-Pergament war beim Leipziger Kunstmuseum in Verwahrung gewesen, der Rest beim Kupferstichkabinett der Dresdner Staatlichen Kunstsammlungen. Vom 22. Februar an sollen die Kunstwerke nun im Museum Boymans - van Beuningen in Rotterdam ausgestellt werden.
Dort hatten sie schon einmal ihren Platz gehabt - bis sie nämlich 1940 von der deutschen Besatzungsmacht »verschleppt« ("Neues Deutschland") wurden. Der Dresdner Galeriedirektor Hans Posse, zugleich Chef-Akquisiteur für Adolf Hitlers gigantisches Museumsprojekt in Linz, brachte die Blätter damals an sich.
Deutscher Kunst-Erwerb in den okkupierten Niederlanden - das ist für beide Seiten ein noch kaum bewältigtes Geschichtskapitel. Der Amsterdamer Kunsthändler und Autor Adriaan Venema, der es kürzlich nachgezeichnet und reichlich mit Dokumenten belegt hat, _(Adriaan Venema: »Kunsthandel in ) _(Niederland 1940 - 1945«. Verlag De ) _(Arbeiderspers, Amster dam; 652 Seiten; ) _(59 Gulden. )
weckt dadurch viele peinliche Erinnerungen. Denn seine älteren Kollegen und Landsleute, von jeher international und speziell nach Deutschland ausgerichtet, hatten - nicht allzu verwunderlich - auch über den Einmarsch hinaus ausgiebig Geschäfte mit Deutschen gemacht. Nach dem Krieg wurde das, freilich ohne ernste Folgen für die Beteiligten, als Kollaboration gebrandmarkt. Alle nach Deutschland verbrachten Kunstwerke fordern der niederländische Staat entschädigungslos zurück.
Mit unbestreitbarem Recht, soweit es um konfisziertes Eigentum ging. Doch die Deutschen kauften vielfach auch von legalen Besitzern. Daß dies oft unter Druck (und unter Preis) geschah, ist nicht zu bezweifeln, im Einzelfall nachträglich aber schwer zu beweisen. »Legalität« bei Verkäufen an Besatzer bleibt, wie Museumsmann Meij einräumt, »natürlich eine offene Frage«.
Die Geschichte der jetzt aus der DDR zurückgekommenen Zeichnungen ist besonders kompliziert. Sie hatten dem 1933 aus Deutschland emigrierten, 1939 in Holland eingebürgerten, 1941 in Köln tödlich verunglückten Kaufmann Franz Königs gehört, den der (bei Venema so zitierte) spätere Rotterdamer Museumsdirektor Jan C. Ebbinge Wubben als sehr großen Kunstsammler« einstuft - »groß nicht durch den Umfang der Kollektion oder das eingesetzte Kapital, sondern durch seine Leidenschaft für die Erkenntnis des wahren Kunstwerks«.
Auch das Kapital muß aber nennenswert gewesen sein; der Umfang der Sammlung war es jedenfalls. Noch in Deutschland, während der 20er Jahre, hatte Königs laut Ebbinge Wubben Gemälde von Bosch und Grünewald, Rubens
und van Dyck, Manet und Degas sowie über 2000 Zeichnungen italienischer, französischer, niederländischer und deutscher Künstler zusammengebracht. Als der Kunstfreund jedoch einen großen Bankkredit brauchte, mußte er seinen Kunstbesitz als Sicherheit einsetzen; leihweise gelangten die Werke 1935 in das Rotterdamer Boymans-Museum, mit dessen damaligem Direktor, D. Hannema, Königs befreundet war.
Hannema widersetzte sich energisch dem Bank-Plan, die Sammlung vor der drohenden Invasion nach den USA in Sicherheit zu bringen, und betrieb statt dessen einen Ankauf durch Museums-Mäzene. Tatsächlich griff der Steinkohlen-Magnat Daniel George van Beuningen zu. Vor seinem Tod 1955 erlegte er dann den Erben auf, günstig an das Museum (das demnach auch den Namen van Beuningen trägt) zu verkaufen - inklusive bedeutender Königs-Anteile. Vor allem die Bosch-Bilder geben der Gemäldesammlung, die Zeichnungen dem Kupferstichkabinett internationalen Rang.
Ein Konvolut von vielleicht 300 Blättern (Meij: »Niemand weiß Genaues") hatte aber Hitlers Emissär Posse dem Wohltäter Beuningen abgehandelt: die deutschen Zeichnungen der Dürerzeit sowie eine »Auswahl« (Ebbinge Wubben) aus anderen Ländern. Ein Gerücht, das einem Königs-Sohn zu Ohren kam, besagt, van Beuningen habe dafür eine Million Gulden bekommen - genausoviel, wie ihn die ganze Sammlung gekostet hatte. Kunsthandels-Rechercheur Venema teilt ferner mit, Königs selbst habe Gemälde an Hermann Göring verkauft.
Dokumente über den Zeichnungen-Verkauf scheint es nicht mehr zu geben, und lange schienen auch die Kunstwerke selber vollzählig und spurlos verschwunden zu sein; Posse, der hätte Auskunft geben können, war 1942 gestorben.
Nur auf Verdacht brachten die Niederländer auch das Königs-Beuningen-Gut in ihre Wunschliste ein, als sie 1973/74 mit der DDR über Kriegsverluste verhandelten. Und nachdem der Aufenthaltsort des Dürer-Pergaments schon vorher bekanntgeworden war, kam Ende 1985 die Nachricht über den Dresdner Teil-Fund. Dann, findet der Kunst-Abholer Meij, »ging alles ziemlich schnell«.
Gemäß dem Rechtsstandpunkt der Niederländer bleibt das zurückgeholte Kunstgut Staatsbesitz. Das Museum Boymans - van Beuningen kann aber damit rechnen, es dauernd als Leihgabe hüten zu dürfen.
Adriaan Venema: »Kunsthandel in Niederland 1940 - 1945«. Verlag DeArbeiderspers, Amster dam; 652 Seiten; 59 Gulden.