Offene Tür - DER SPIEGEL
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TOURISTIK Offene Tür

»Möchten Sie Hunderte von Freunden haben in aller Welt, die Sie besuchen können?« -- so lautet die Werbung für einen neuen Reiseführer, der kostenloses Logis bei Privatpersonen vermittelt.
• aus DER SPIEGEL 49/1971
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Dreimal bin ich von einem Ende Amerikas zum anderen gereist«, berichtete ein zufriedener Kunde, »dabei habe ich für Kost und Logis keinen Pfennig bezahlt und noch eine Menge interessanter Leute kennengelernt.«

Der glückliche Globetrotter ist einer von 1200 Abonnenten eines neuartigen Reiseführers, der zweimal jährlich in New York herauskommt. Auf 130 Druckseiten empfehlen sich darin Gastgeber in New York und San Francisco, in London und Paris, aber auch in Bombay oder Monrovia: Sie alle haben sich verpflichtet, dem Fremden, der an ihre TOr klopft, kostenlos Quartier und Beköstigung zu bieten -- und womöglich interessante Gespräche, eine Stadtbesichtigung oder gar ein fröhliches Sexspielchen dazu.

»Travelers« Directory« heißt das vielseitige Adressenbuch, das -- gegen eine Gebühr von drei Dollar -- von seinem Herausgeber Peter Kacalanos zu beziehen ist. Anschrift: 51-02 39th Avenue, Woodside, NY 11 377, USA.

Nach Art eines Guide Michelin bietet das Handbuch freilich nicht nur die Anschriften der Gratis-Unterkünfte, sondern auch noch deren Besonderheiten: Jeder potentielle Gastgeber gibt Auskunft, wer er ist und was er zu bieten hat.

Ein Mr. Jefferson Poland aus San Francisco beispielsweise, Gründer der »Liga für sexuelle Freiheit« offeriert Führungen zu Nacktpartys -- und auf Wunsch auch die kirchliche Eheschließung, zu deren Vollzug er als ordinierter Geistlicher der Neu-Amerikanischen Kirche befugt ist.

Eine 24jährige Miss Patt im kalifornischen Oakland. Studentin der Kriminologie, möchte mit dem Besucher über russische Zigeunerweisen diskutieren. aber auch über Gedichte, Jazz und religiösen Existentialismus; sie bietet Kaffeehaus-Touren »plus Gespräch, Wein, Mahlzeiten und einen Schlafplatz auf dem Fußboden«.

Manche Inserenten machen es kurz: »Wir haben weitgespannte Interessen«. so das Farmer-Ehepaar Al und Kate. das sogar zwei Besucher gleichzeitig aufnehmen will. Andere möchten Gedichtbände austauschen und photographieren, wandern und radfahren. Schach spielen wie Earle (den man auch nachts anrufen kann) oder einfach nur »saufen und am Strand liegen« wie der 22jährige David in Las Palmas.

Begonnen hatte das Unternehmen schon vor über zehn Jahren mit einer Kolumne des Journalisten John Wilcock in der New Yorker Untergrund-Zeitung »Village Voice«. Wilcock wollte nach Mexiko reisen, schrieb über sein Vorhaben und erhielt von seinen (meist jugendlichen) Lesern Dutzende von 0 bernachtungsangeboten auf dem Wege. Nach seiner Rückkehr kam ihm die Idee, einen Klub zu gründen, dessen Mitglieder sich zu gegenseitiger Gastfreundschaft verpflichten.

innerhalb weniger Jahre wuchs die Teilnehmerzahl derart, daß Wilcock die Vermittlung an den Griechen Peter Kacalanos übergab, der seither das regelmäßig erscheinende Reisehandbuch in seiner kleinen Druckerei herstellt.

Mittlerweile melden sich längst nicht mehr nur Jugendliche, sondern US-Bürger aller Altersgruppen und Stände. Und alsbald schlossen sich auch Bewirtungswillige in außeramerikanischen Ländern an.

Zwar geriet, was einst als brüderliche Tat von Blumenkindern begonnen hatte, zeitweilig in den Verdacht, es handle sich nur um verschleierte Sexpartner-Adressenlisten. Doch der Herausgeber weist solche Vorwürfe von sich. Allenfalls räumt er ein, daß Besuche und Gegenbesuche seiner Klientel »das wirkliche Leben« einschlössen, »in all seinen Erscheinungsformen«.

Bislang, so erklärt Kacalanos, habe sich keiner der Gastgeber »über Vergewaltigungen, Diebstähle oder auch nur schlechte Manieren beklagt«. Und auch dagegen, daß jemand nur als Schnorrer von den Unterkünften zum Null-Tarif Gebrauch macht, ist Vorsorge getroffen: Die Liste mit den 1200 Adressen erhält nur, wer sich dem Ring der Gastfreunde anschließt und auch seine Bleibe als Haus der offenen Tür im »Travelers« Directory« eintragen läßt.

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