AFFÄREN Offene Tür
Sie war die, gelegentlich giftige, Speerspitze des Feminismus und, so dekretierte Alice Schwarzer, »die bedeutendste Intellektuelle dieses Jahrhunderts«, ein »Mythos": die französische Schriftstellerin ("Das andere Geschlecht") Simone de Beauvoir.
Er war ein Macho, wie er im Buch steht und sich selbst zu Buche schlug. Wer ihn lesen wolle, warnte Hemingway, müsse einiges einstecken können, denn »er boxt mit beiden Fäusten und verfügt über gute Beinarbeit": der US-Schriftsteller ("Der Mann mit dem goldenen Arm") Nelson Algren.
Nicht gerade die Idealbesetzung für einen »amour fou«, die beiden. Doch im Jahre 1947 gingen Mythos und Macho in einen sexuellen Clinch, bei dem sich zumindest die Beauvoir kannibalisch wohl fühlte. »Kommen Sie, Geliebter«, schrieb sie an Algren, »kommen Sie und nehmen Sie mich in Ihre starken, sanften und gierigen Hände.«
Sie war 39, er ein Jahr jünger und einen Kopf größer, als sie sich in Chicago, Algrens Wildem Westen, in die Arme liefen. Die Beauvoir, auf ihrer ersten US-Tournee, mußte bald zurück nach Paris, wo ihr »süßer Kleiner«, Jean-Paul Sartre, am Existentialismus spann; Zeit für Briefe und Herzensergießungen.
Über Sartre, beispielsweise. »Er war der erste Mann, mit dem ich schlief«, schreibt sie, aber »sexuell« habe es wenig gebracht, »im wesentlichen seinetwegen«. Nach acht oder zehn Jahren, die »nicht von Erfolg gekrönt« waren, habe man kapituliert: »Er ist ein hitziger, quicklebendiger Mann - überall, außer im Bett.«
Bei Algren hingegen fühle sie sich »als Frau in den Armen eines Mannes, und zwar wirklich und total als Frau«; sie erfahre die »wahre, totale Liebe, in der Herz, Seele und Körper eins sind«. Ihrer Biographin Deirdre Bair gestand sie später, der Chicago-Yankee habe ihr den ersten Orgasmus ihres Lebens beschert.
Drei Jahre währte die Hitzeperiode, 17 Jahre insgesamt die Korrespondenz. Elf Jahre nach Simone de Beauvoirs Tod erschienen nun in Frankreich Beauvoirs »Lettres à Nelson Algren«, Untertitel: »Un amour transatlantique 1947-1964«. Es sind 304 Briefe, und sie addieren sich zu einem postumen intellektuellen Selbstmord*.
Ein Teenie schwärmt da vor sich hin. »Geliebtes Krokodil« heißt sie ihn, sich selbst »betrunkener Frosch« und wünscht sich, von ihm gefressen zu werden: »Es muß für einen Frosch angenehm warm und komfortabel sein, einfach so in Ihrem Krokodilmagen zu liegen.« Andererseits: »Ich glaube an Sie, wie ich an den lieben Gott glaubte, als ich ein kleines Mädchen war.«
Treu will sie sein »wie eine vorbildliche und herkömmliche Ehefrau«. Auch »liebenswürdig und brav«, den Boden wischen und Essen kochen und, natürlich: »Ich werde zehnmal in der Nacht und ebenso oft am Tage mit Ihnen Liebe machen.«
Währenddessen schreibt sie am Alten Testament des Feminismus, an ihrem Buch »Das andere Geschlecht«, der »Jahrhundertanalyse zur Benennung und Befreiung der Frauen« (Alice Schwarzer). Das 700-Seiten-Buch erscheint 1949, macht Wirbel und die Beauvoir berühmt.
Im selben Jahr hat Nelson Algren seinen Durchbruch. Sein Roman aus dem vertrauten Spieler- und Junkie-Milieu, »Der Mann mit dem goldenen Arm«, kriegt den Pulitzer-Preis und wird später mit Frank Sinatra verfilmt. Einen Teil der Beute verzockt der Dichter, für die Beauvoir ist er fortan der »Mann mit dem goldenen Hirn«.
Wenn Sartre mit anderen Dingen beschäftigt ist, mit Frauen oder Premieren, gehen die beiden zusammen auf Reisen, nach Südamerika, nach Afrika. Nach Paris lockte sie ihn mit der Verheißung, im »Hotel Beauvoir« werde er »zu jeder gewünschten Stunde Liebe bekommen, in Konserven oder frisch, von der allerersten Qualität«.
Das Paris der Existentialisten-Ära hatte sie ihm schon mit allem Tratsch und aller Tücke beschrieben. Albert Camus ist von »femininer Eitelkeit«. Genet, der Homosexuelle, wird von einer Lesbe verfolgt, die ihn mit einem Dildo beschlafen will. Pierre Brasseur, der Schauspieler, mußte, »mit Drogen« vollgepumpt, neunmal zum Entzug, weil er »alle Frauen anfiel«. Arthur Koestler taucht auf ("Ich habe Ihnen noch nicht erzählt, daß ich letztes Jahr einmal mit ihm schlief"), und sein »fetter Hund« benimmt sich daneben: »Er hat auf den Teppich gekotzt und danach alles aufgeschleckt.« Da mußte sie auch beinahe kotzen, »angewidert von Koestler«.
Sie habe trotzdem nie darunter gelitten, berichtet sie dem Yankee, »eine Frau zu sein«. Als Mann wäre sie »vielleicht ein großer Perverser« geworden, denn »es muß einem gewiß allerheftigste Lust verschaffen, mit blutjungen Mädchen zu schlafen«. Algren hat mittlerweile seine erste Frau zum zweiten Male geheiratet, und als die Beauvoir ihn wieder nach Paris einlädt, will sie ihn mit ihrem 17 Jahre jüngeren Liebhaber bekannt machen, dem »Shoah«-Regisseur Claude Lanzmann.
Aber der Mann mit dem goldenen Hirn grollt. Die Beauvoir hat ihn und seine Briefe in ihren Romanen und Tagebüchern schamlos verwurstet; etwa in den »Mandarins von Paris« (1954), wo er als »Lewis« auftritt, mit »brutalen Händen«, und die Heldin »auf dem Teppich« nimmt »und dann im Bett noch einmal«.
Die Herausgeberin der Beauvoir-Briefe, ihre Adoptivtochter Sylvie Le Bon de Beauvoir, beklagt bitterlich ein Manko der Edition: Unverständlicherweise hätten Algrens Nachlaßverwalter den Mit-Abdruck seiner Briefe verweigert. So unverständlich ist das nicht. Einen Tag vor seinem Tode hatte Algren das letzte Wort über die Beauvoir gesprochen: »Ich habe Bordelle in aller Welt frequentiert, und überall haben die Frauen die Zimmertür geschlossen. Nur diese da hat die Tür sperrangelweit geöffnet.« Und: »Es muß ihr fürchterlich an Inspiration gemangelt haben.«
* Simone de Beauvoir: »Lettres à Nelson Algren. Un amourtransatlantique 1947-1964«. Éditions Gallimard, Paris; 616 Seiten;160 Francs.