Offenes Ende
Fausts Schicksal liegt, nach dem Willen des belgischen Komponisten Henri Pousseur und des französischen Literaten Michel Butor, in unserer Hand. Denn in Pousseur/Butors Faust-Oper darf das Publikum darüber entscheiden, wie der Geistsucher enden soll: In der Pause sollen die Zuschauer farbige Kugeln in Urnen werfen, die Farbe der Mehrheit bestimmt das Los von Pousseurs Faust, der wie sein Autor Henri heißt und auch Komponist ist.
Zum schicksalsschweren Kugelstoß durfte das Publikum freilich wegen der technischen Schwierigkeiten einer solchen Inszenierung noch nie antreten. Doch auch in der nun für die Schallplatte produzierten Teil-Oper, dem »Jeu de Miroirs«, wird klar, daß Pousseur in seiner Musik hinter der revolutionären Regie-Idee zurückbleibt. Denn unter dem Flimmern komplexer, elektronisch verfremdeter Sprachmontagen läßt er Sprech-, Sing- und Schreistimmen mit Klavierbegleitung die Stile des 19. Jahrhunderts zitieren und landet dort, wo er eigentlich nicht hinwollte: bei der kulinarischen Opernmusik.
So entsteht der Eindruck, daß der Komponist selbst seinem Faust ein Schicksal zugedacht hat, das weder Goethe noch Marlowe voraussahen: Pousseurs Faust endet bei Charles Gounod.
Auch Pousseurs Landsmann Pierre Bartholomée neigt zum musikalischen Zitat. In seinem »Tombeau de Mann Marais« ist schon die Besetzung barock, und hinter Ligeti-ähnlichen Klangfarbenflächen reiben sich Dur und Moll alter Meister empfindlich an Bartholomées Vierteltonharmonien.
Doch Spannung erzeugt diese Kollision nicht, selbst Pousseur fühlt sich bei Bartholomées Musik an »trübe, Totengewässern ähnelnde Klangbildungen erinnert, auf denen hie und da Funkengarben wie Konstellationen von Elfenaugen aufblitzen«.