LERNEN Offenes Herz
Aus Kopfhörern dringt eine Beethoven-Sinfonie. Über die Hintergrund-Musik spricht eine freundliche Frauenstimme einen spanischen Text. Zurückgelehnt in bequemen Sesseln lauschen die Schüler dem Mischmasch. In der Hand halten sie ein Buch und lesen lautlos mit: In der Hamburger Sprachschule Studio Alstertal läuft der Kursus »Spanisch für Anfänger«.
Bach löst Beethoven ab, und die sanfte Stimme fordert die Lernenden auf, das Buch wegzulegen und die Augen zu schließen. »Stell dir eine kleine weiße Wolke vor«, wird der Schüler angewiesen, »stell dir vor, wie du langsam vom Boden abhebst und hinaufschwebst.«
Auf der Wolke ertönt noch einmal der spanische Lehrtext, bis Beethovenklänge die Schüler wieder auf die Erde zurückbefördern. Im zweiten Teil des 90minütigen Unterrichts geht es herkömmlich zu: Die Kursteilnehmer pauken den passiv aufgenommenen Stoff mit einer Spanischlehrerin in kleinen Rollenspielen.
Die seltsame Lehrmethode mit der wolkigen Zwischenstation greift um sich. 700 Erwachsenen hat die Hamburger Studioinhaberin Ursula Hegels in den letzten zwei Jahren mit der Superlearning-Technik, wie das entspannte Lernen im Jargon heißt, fremdsprachige Wörter, Redewendungen und Grammatik beigebracht.
Bundesweit hat sich die Zahl der einschlägigen Studios in den letzten zwei Jahren von 9 auf 33 fast vervierfacht. Bernd Eisele von der »Lern-Insel« in Stuttgart schätzt, daß dieses Jahr fast 11000 Bundesbürger, nahezu doppelt so viele wie im Vorjahr, an einem Superlearning-Kursus teilnehmen.
Firmen wie Bosch, Zeiss oder Siemens schicken Mitarbeiter in die Studios. Bei Audi lernen Angestellte neben neuen Sprachen auch, die Geheimnisse der Roboter-Technik mit Musik-Unterhaltung zu entschlüsseln.
Privatleute, die den Weg ins Studio scheuen, haben nach groben Schätzungen inzwischen 70000 Kassetten gekauft, um auf dem heimischen Sofa im Selbstversuch eine fremde Sprache zu erlernen. Die Anleitung »Superlearning« der beiden Amerikanerinnen Sheila Ostrander und Lynn Schroeder wurde zu einem heimlichen Bestseller: Die Auflage kletterte inzwischen in der Bundesrepublik
über 80000 verkaufte Exemplare.
Der Boom kommt aus dem Osten. Vor rund 20 Jahren kam der Bulgare Georgi Lozanov darauf, daß lockere Entspannung beim Lernen hilfreich ist. Der Arzt und Psychotherapeut an der Universität Sofia fand heraus, daß die Menschen beim Einsatz von herkömmlichen Lernmethoden nur einen Bruchteil ihrer geistigen Fähigkeiten nutzen. Um die brachliegende Reserve zu mobilisieren, hielt Lozanov eine streßfreie Lernsituation für nötig, in der auch die rechte Gehirnhälfte, zuständig für das kreative Denken, aktiviert wird.
Lozanov kombinierte ähnlich wie beim autogenen Training verschiedene Techniken der Entspannung. Er übte mit den Schülern rhythmisches Atmen, ließ in der Vorstellung angenehme Bilder emporsteigen und unterlegte den Unterricht mit sanfter Barockmusik.
Auf das reine Vergnügen folgte dann die immer vergleichsweise spielerische Arbeit. Ausgebildete Suggestopäden, wie sich die Fachkräfte der neuen Lehrmethode nennen, übten den Stoff mit Hilfe von Bildern, Kartenspielen, Theaterszenen, Liedern und Reimen spielerisch ein.
Und siehe da, die Musik beim Lernen hilft tatsächlich. Der Berliner Didaktik-Professor Ludger Schiffler hat gerade einen dreijährigen Versuch mit 150 Studenten abgeschlossen, dessen Ergebnis Lozanovs These nochmals stützt. Vor allem beim Einsatz von Barockmusik zeigten die Probanden laut Schiffler eine »deutliche Leistungssteigerung«.
Die Begeisterung an der sanften Lerntechnik schlägt sich inzwischen in reichlich reißerischen Anbieter-Sprüchen nieder. »Erfolg oder Geld zurück«, garantiert etwa das Alpha-Centre International seinen Schülern, unter der Voraussetzung, daß sie »den Anweisungen des Kursleiters und der Lehrer Folge leisten«. Und die Prospekte der Bernd-Ritter-Seminare im hessischen Lindenfels-Kolmbach, zu denen die Lernbeflissenen im »Trainingsanzug in fröhlichen Farben« anreisen und ein »offenes Herz« mitbringen sollen, prophezeien eine Lernleistung von »ca. 2000 Vokabeln und Redewendungen« in einer Woche.
»Schlicht unseriös« findet der Stuttgarter Verbraucher-Schützer Werner Kinzinger von der Aktion Bildungsinformation solche Versprechungen und Lerngarantien, mit denen überzogene Erwartungen geweckt würden. »Es gibt keine einzige Lernmethode, die den massenhaften Erfolg garantiert«, sagt der Pädagoge. Vorkenntnisse, Sprachbegabung, Motivation und Konzentration der Schüler, so Kinzinger, führten bei unterschiedlichen Menschen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen.
Allzu eifrige Schüler unterschreiben nach Beobachtung der Stuttgarter Bildungsexperten unzulässige Vertragsbedingungen, weil sie sich vom Superlearning eine Zauberwirkung erhoffen. Unerfahrene Kunden leisteten hohe Anzahlungen und akzeptierten ohne Murren überfüllte Gruppen oder überhöhte Preise, etwa 80 Mark für eine Einzelstunde.
Kinzinger beanstandet Anzeigen des Günzburger Verlags Ton und Technik, der unter anderem »Sprachen lernen im Schlaf« propagiert. Dahinter verbirgt sich ein »Sita Learning«-System, das aus einem Atemsteuerungsgerät und einer Lernmaske mit Kopfhörern (für 595 Mark) besteht. »Hinlegen, Maske auf dösen: In einer Woche können Sie Englisch«, meldete »Bild« hocherfreut.
Der Hamburger Kaufmann Karl-Heinz Gelsen, der seine Lernmaschine vor eineinhalb Jahren auf den Markt brachte, verdiente denn auch glänzend: 20000 Stück wurden bis jetzt geordert ein »überwältigender Erfolg«, wie Gelsen findet.
Jedenfalls für ihn. Unter den hoffnungsvollen Bestellern war auch Fußballspieler Pierre Littbarski, der bei seinem Vereinswechsel nach Paris auf den inzwischen auf Veranlassung der Aktion Bildungsinformation abgesetzten Werbespruch »In knapp vier Wochen hatte ich Französisch drauf« hereinfiel. Littbarski schlief regelmäßig ein unter der schwarzen Maske und »kam mit dem Ding überhaupt nicht klar«. Gebüffelt wurde schließlich mit einem französischen Privatlehrer, das Sita-Gerät flog in die Ecke.
Trotz seiner Vorbehalte hält Kinziger das Superlearning, »sinnvoll angewandt, durchaus für eine effektive Lernmethode«. In kleinen Gruppen mit höchstens fünf Teilnehmern lasse sich erstaunlich schnell lernen, wenn die Lehrer gut ausgebildet und die Schüler willig seien«. Wem die Mischung aus Sprache, Musik und weißen Wolken in einer Probestunde gefalle, der habe die größten Chancen, erfolgreich zu lernen.
Daß Superlearning bei sachgerechter Anwendung hilfreich sein kann, meint auch Dieter Jaehrling, bei Audi in Ingolstadt verantwortlich für das Zentrale Bildungswesen. Jaehrling, der sich nicht für sonderlich sprachbegabt hält, fand das Verfahren erst »höchst dubios«. Doch nachdem er bei einem Englischkurs in kurzer Zeit gute Fortschritte gemacht hatte, verschwand die Skepsis.
Audi-Mitarbeiter lernen Englisch, Französisch und Spanisch bei leichter Barockmusik, ebenso wie technisches Fachwissen. Andere Firmen ziehen nach. So startet IBM im kommenden Frühjahr ein Pilotprojekt, bei dem das Computer-Kauderwelsch den Mitarbeitern per Superlearning nähergebracht werden soll. Ulf Göpfert, Dozent beim IBM Ausbildungszentrum-Süd in Herrenberg, hat sich für das Experiment eigens zum Suggestopäden ausbilden lassen. Verbraucher-Schützer Kinzinger hat einen anderen Tip parat: »Ich spreche am besten Französisch nach dem vierten Glas Bier.«