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PROGRAMM-PRESSE Ohne Programm

• aus DER SPIEGEL 25/1960
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Mehrheit der 425 000 bundesdeutschen Fernseh-Konsumenten, die ihre Schaulust nicht nur an den Programmen des »Deutschen Fernsehens« (West), sondern, auch am Bilderangebot des »Deutschen Fernsehfunks« (Ost) zu befriedigen pflegt, sieht sich seit dem vergangenen Sonntag einer Annehmlichkeit beraubt: Vier der größten Funkprogrammzeitschriften der Bundesrepublik* - sie beliefern mit rund fünf Millionen Exemplaren etwa 60 Prozent der Leser westdeutscher Programm-Blätter - verzichten vom Erscheinen ihrer neuesten Ausgabe an auf den Abdruck des Funk- und Fernsehprogramms der DDR-Sender.

Westdeutsche Ostfunk-Freunde, denen am Empfang bestimmter Sendungen des »Deutschen Fernsehfunks« oder des DDR-Radios gelegen ist, werden die Sendezeiten künftig den Programmdurchsagen oder aber den übrigen Programmzeitschriften

entnehmen müssen in deren vergleichsweise geringer Auflage die Ankündigungen östlicher Äther -Veranstaltungen vorerst noch ihren festen Platz haben.

Diese freiwillige Beschränkung des Kundendienstes in einem großen Teil der bundesdeutschen Programmpresse setzt einen vorläufigen Schlußpunkt hinter überaus zähflüssige Verhandlungen der Chefredakteure: Der vor allem von Eduard Rhein ("Hör zu!") unterstützte Vorschlag, den Abdruck der Ost-Ankündigungen gleichzeitig einzustellen, fand keine Mehrheit. Ebenso mochte sich keines der Blätter allein zum Verzicht entschließen, um der Konkurrenz nicht Leser zuzutreiben.

Mit ihrer Aktion verbinden die vier großen Programm-Blätter die Hoffnung, daß die anderen Publikationen später auf eine gemeinsame Linie einschwenken werden. Die noch abseitsstehende Hamburger Zeitschrift »Hören und Sehen« beispielsweise ließ denn auch verlauten, die Redaktion werde sich demnächst über die Angelegenheit »eingehend unterhalten«.

Unterdes darf sich die Gruppe der OstprogrammGegner

der Gewißheit erfreuen, künftig wenigstens - auf diesem Frontabschnitt der Schußlinie ihrer Kritiker entronnen zu sein. Gerade der Abdruck des DDR-Programms hatte erst jüngst wieder die Kölner katholische

»Funk-Korrespondenz« auf den Plan gerufen, die unter dem Titel »Der Eiertanz der westdeutschen Programmzeitschriften« von der hohen Warte kirchlicher Wellen-Wächter herab die Niederungen der Vorankündigungs-Publizistik abgeleuchtet hatte.

Schrieb die Korrespondenz: »Für den

Abend des Festes Christi Himmelfahrt hat der ostzonale Deutsche Fernsehfunk folgende Sendung angekündigt: 'H(a)immelfahrt nach Werder - Ein Kabarett für Zurückgebliebene'... Wie sehr nun manche der westdeutschen Rundfunkzeitschriften ... durch solche Titel in Verlegenheit gebracht werden und wie sie versuchen, ihr Gesicht zu wahren, läßt dieser Fall gut erkennen ... 'Hören und Sehen' retuschiert: 'Fahrt nach Werder - Kabarett für Zurückgebliebene'. 'Hör zu!' läßt den eindeutig-zweideutigen Haupttitel, weg und macht aus dem Rest ein 'Kabarett für Daheimgebliebene'. Die neue Fernsehzeitschrift 'Tele', die den Abdruck der Ostprogramme als Werbeargument herausgestellt hat, versucht auch diese Spalte durch ihren Boulevard-Stil schmackhaft zu machen: 'Hammelfahrt nach Werder. Eigentlich müßte es Himmelfahrt heißen! Falls Sie die Kabarett-Sendung

sehen, schreiben Sie uns, ob Sie sich für ein 'a' oder ein 'i' entschieden haben.'«

Damit sei, stellte die katholische Korrespondenz fest, der »provokatorische Titel zu einer neckischen Quizfrage verfälscht«; zudem gebe »Tele« sich den Anschein, »eine Art Postleitstelle für ostzonale Rätselsendungen« zu sein.

Die »Funk-Korrespondenz« hatte noch weitere Blüten redaktionellen Erfindungsreichtums aufgespürt: »Aufs Ganze gesehen ... gibt es ... nur verschiedene Stufen der Verharmlosung... Aus 'Friedensfahrern' werden (in den Programmankündigungen) 'Fernfahrer' oder 'Giganten der Landstraße', und aus 'bolschewistischer Filmkunst' wird 'humanistische Filmkunst'. 'Tele' versucht sich ... bisweilen auch in Kurzkommentaren... : 'Sieben auf einen Streich, nicht von den Gebrüdern Grimm und

doch beinah ein Märchen: Eine Sendung über den Siebenjahresplan' (Originaltitel: 'Für Oberschüler und Lehrlinge: Sieben auf einen Streich. 2. Folge - Eine Sendung über den Siebenjahrplan').«

Fragt die »Funk-Korrespondenz": »Ist diese journalistische Artistik noch zu verantworten? Ist es nicht schon eine Lüge, wenn politisch anrüchige Programmtitel bewußt verfälscht werden?«

Angesichts der letzten Umfragen des Münchner Meinungsforschungs-Instituts »infratest« leuchtet die Erregung der Kölner Fernseh-Beobachter ein. Den Ermittlungen des Instituts läßt sich entnehmen, daß schon im August 1959 rund 300 000 bundesdeutsche Fernsehzuschauer ihren Bilderbedarf aus Ost -Kanälen deckten. Zwar, so stellte »infratest« fest, sei die Begeisterung dieser zonengrenznahen Fernsehverbraucher über sowjetzonale Propagandasendungen

überaus gering, Unterhaltungsprogramme jedoch erfreuten sich großer Beliebtheit.

Da es nun aber östlicher Praxis entspricht, auch Unterhaltungssendungen mit antiwestlicher Propaganda anzureichern, sieht die katholische »Funk -Korrespondenz« in der Ankündigungs -Methode westdeutscher Programm -Blätter eine unerfreuliche Hilfestellung: »Nach den Angaben mancher Rundfunkzeitschriften bietet der 'Deutsche Fernsehfunk' fast nur Unterhaltung...«

Der evangelische Pressedienst »Kirche und Fernsehen« geht noch weiter. Er leitet aus der »infratest«-Feststellung, daß 74 Prozent der westdeutschen Kunden des Ostfernsehens nur Volksschulbildung haben und deshalb vermutlich auf unterschwellige Propaganda nicht sehr kritisch reagieren, die Forderung ab, es sei vordringliche Aufgabe des bundesdeutschen Fernsehers, »das kritische Vermögen der Zuschauer zu schärfen«. Außerdem sollten die westdeutschen Sender durch Programmerweiterung dafür sorgen, daß dem »Deutschen Fernsehfunk« aus (Ost-) Berlin-Adlershof die Vormittage und Mittagsstunden nicht länger allein überlassen blieben.

Einstweilen jedoch scheint nur der Vorstoß der »Funk-Korrespondenz« einen gewissen Erfolg erzielt zu haben. Der Beifall, den die vier großen Programm-Blätter mit ihrem Verzicht auf den Abdruck der Ost-Ankündigungen bei den Kölner Kritikern auslösen dürften, befreit die Redaktionen indes nicht von der Notwendigkeit, den Lesern die plötzliche Bescheidung plausibel zu machen. Die Erklärung wird um so schwieriger, als es für den Abbau eines so lang geübten Brauchs keine aktuelle politische Begründung gibt.

»Hör zu!«-Chef Eduard Rhein vermochte sich im letzten Leitartikel seines Blattes denn auch nur durch einen Rückgriff auf das nicht mehr ganz frische Beispiel der Westberliner Tageszeitung »Telegraf« aus der Affäre zu ziehen. »Telegraf« hatte schon am 3. April dieses Jahres den Abdruck der Ost-Programme eingestellt. Schrieb das Blatt damals: Im Ost-Fernsehen hat kürzlich der SED-Propagandist Eisler auf die Frage eines Ostberliners, warum in den sowjetzonalen Zeitungen und Rundfunkzeitschriften die Programme der Westsender nicht abgedruckt werden, geantwortet: 'Für diesen Dreck ist uns unser Papier zu schade.' Da kann es nur heißen: Wie du mir, so ich dir...«

Resümierte Rhein: »Wir werden erst dann wieder einen Abdruck vornehmen, wenn die Gegenseitigkeit der Veröffentlichung gewährleistet ist.«

Diese - vom schönen Pathos politischer Verantwortlichkeit getragene - Begründung hat freilich die in den Redaktionen nicht so marktmächtiger Programm-Publikationen umgehenden Zweifel an Eduard Rheins Selbstlosigkeit nicht ausräumen können. Dem Obersteiger in Axel Springers »Goldgrube - so kolportieren die »Hör zu!« -Konkurrenten unter der Hand - sei weniger; aus politischen denn aus wirtschaftlichen Gründen am Verzicht auf die Ost-Programme gelegen: Die späte Anlieferung der Ostberliner Programme habe den rechtzeitigen Druck der »Hör zu!«-Millionenauflage in zunehmendem Maße gefährdet.

* »Hör zu!«, »Radio Revue«, »Bild und Funk«, »Gong«.

»Hör zu!«-Chef Rhein: Hammel- oder Himmelfahrt?

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