THEATER Ohne Zukunft
Wenn das Stück anfängt, könnte
man meinen, es handle von den Härten des neuen Scheidungsrechts.
Zwei Brüder, die in der Wohnung der verstorbenen Mutter den kärglichen Nachlaß ordnen und aufteilen, beide frisch geschieden. Der eine rechnet und rechnet, wie zwanghaft, daß er auskommen könne, falls er den Überstundenlohn für sich behalten dürfe, nicht auch noch teilen müsse.
Der andere (er war reich verheiratet) trauert seinen verlorenen Perspektiven nach. Immer hat er, zum Nichtstun verdammt, darauf gewartet, sich zu entwickeln. Aber da gab es nichts, was sich hätte entwickeln können.
Während die beiden in den Sachen der toten Mutter herumkramen, mit bald rührseligen, bald kaltschnäuzigen Erinnerungen, offenbaren sie dem Zuschauer, daß sie den Ansprüchen, welche die Gesellschaft an sie stellt, nicht genügen können und nicht wollen.
Das Stück »Gepolsterte Liebe« von Arthur Schulz (den Namen sollte man sich dennoch merken) führt Scheitern vor -- und das, ohne daß es so tut, als wisse es, was Nichtscheitern, was Erfolg wäre.
Zu den beiden eher vor sich hin monologisierenden Männern, die Schutzbehauptungen um sich aufbauen, um sich im nächsten Augenblick schutzlos preiszugeben, kommt noch die geschiedene Ehefrau des einen: Auch sie plappert, was sie so alles für ihr Kind tun müsse, und daß man arm glücklicher sein könne. »Die ganze Jagd nach dem Geld ist ja doch für die Menschen eine höchst zweifelhafte Sache. Das schreibt ja auch der Böll immer wieder.«
Auch sie plappert von Illusionen, malt sich ähnlich rosig-kitschig eine bessere Zukunft wie Tschechows zukunftslose Bühnengeschöpfe.
Denn das ist das Faszinierende an dem Stück des bis zur Uraufführung in Lüneburg unbekannten, etwa 4Ojährigen Autors ("Beruf? -- Schreiben Sie: Gelegenheitsarbeiter!"): daß er nämlich Menschen am Ende ihrer Utopien zeigt, in einer Wirklichkeit, die ohne Utopien nicht bewohnbar ist.
Es sind frühe Wracks der Wohlstandsgesellschaft, keine Aufstiegsfanatiker mehr und noch keine »Grünen«, obwohl das Wort »Wracks« ihren Zustand zu pathetisch umschreibt. Es sind Randfiguren aus der deutschen Provinz, deren Sätze einen schwachen und gerade daher auffälligen Widerhall zu den Leitworten der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre bilden: Karriere, Aufstieg, Glück, Familie, wobei die Lebensziele auf abstruse Weise vage werden.
So schildert Bruder Bernhard seine Aufstiegschancen in DDR und Bundesrepublik: »Ich wäre auch in die SED gegangen und hätte da mitgemacht, wie das viele tun. Vieles ist ja sehr gut. Die wollen das gar nicht mehr so, wie es hier ist. Natürlich hätte man sich bemüht, in irgendeinem guten Sinne da Einfluß zu nehmen.« So im Osten.
Und im Westen: »Ich werde jetzt auch hier in die SPD eintreten, beziehungsweise bin schon. Aber so hätte ich selbstverständlich auch in der SED mitgearbeitet.«
An solchen Sätzen wird deutlich, wie sich neudeutscher Aktivismus an der Figuren Beschäftigungsunfähigkeit bricht. »Ich werde, beziehungsweise bin schon!« So offenbart das verstörte Boulevardstück unter drei Personen, die mit den Erfolgsklischees herkömmlicher Boulevard-Figuren nichts gemein haben, den Autor als genauen Ohrenzeugen einer neuen Verunsicherung.
In Lüneburg, wo Hilke Flickenschildt, Renier Baaken und Michael Arnold das Stück, angenehm uneitel, eher vorsprachen als vorstellten, fand die Uraufführung vor gut 50 Leuten statt.
Bei dem notorischen Stoff- und Stückhunger deutscher Bühnen und Fernsehanstalten sollte die »Gepolsterte Liebe« mit dieser Uraufführung nicht zu den Akten gelegt werden.
* Mit Renier Baaken und Michael Arnold.