Old Nick - DER SPIEGEL
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MARX Old Nick

• aus DER SPIEGEL 44/1962
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»Aber die Liebe nicht zum Feuerbachschen Menschen, nicht zum Moleschottschen Stoffwechsel*, nicht zum Proletariat, sondern die Liebe zum Liebchen u. namentlich zu Dir, macht den Mann wieder zum Mann.«

Diese leidenschaftlichen, unmarxistischen Sätze schrieb der 38jährige Karl Marx 1856 in einem Liebesbrief aus London an seine Frau Jenny, die zum Begräbnis ihrer Mutter nach Trier gereist war.

Der Brief wurde, zusammen mit 42 anderen lange unbekannten Marx-Episteln, vor einigen Jahren bei einem Marx-Urenkel entdeckt und 1958 im Jahresbericht des Instituts veröffentlicht, das der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli zur Erforschung des Sozialismus gegründet hat. Zu einem Taschenbuch gebündelt, wird der überraschende Fund neuer Stücke aus Marxens umfangreicher Korrespondenz - allein der Briefwechsel mit dem Mitautor des »Kommunistischen Manifests«, Friedrich Engels, umfaßt vier starke Bände - in den nächsten Tagen auch deutschen Lesern zugänglich gemacht**.

Die spät aufgefundenen Marx-Briefe - sie reichen von 1856 bis ins Todesjahr 1883 - geben zwar keine neuen Aufschlüsse über die Geschichte des Sozialismus, reflektieren aber getreu die widersprüchlichen Wesenszüge ihres Verfassers, von der hausväterlichen Besorgtheit um das Wohl der eigenen Familie über die ebenso brillante wie boshafte Polemik gegen Andersdenkende bis zur wunderlichen Eitelkeit, die dem eigenen, oft von Verehrerinnen erbetenen photographischen Konterfei gilt.

Der Brief an seine Frau zeigt Marx als Romantiker: Er beteuert große Gefühle und reflektiert sie zugleich. Zuerst heißt es: »Ich habe Dich leibhaftig vor mir u. ich trage Dich auf den Händen u. ich küsse Dich von Kopf bis Fuß u. falle vor Dir auf die Knie u. ich stöhne: 'Madame, ich liebe Sie.' Und ich liebe Sie in der Tat, mehr als der Mohr v. Venedig je geliebt hat.«

Doch sofort danach: »Falsch u. faul faßt die falsche u. faule Welt alle Charactere auf. Wer von meinen vielen Verleumdern und schlangenzüngigen Feinden hat mir je vorgeworfen, daß ich berufen sei, eine erste Liebhaberrolle auf einem Theater zweiter Klasse zu spielen? Und doch ist es wahr.«

»Hätten die Schufte Witz bewiesen«, schreibt Karl an Jenny Marx, »sie hätten die 'Productions- und Verkehrsverhältnisse' auf die eine Seite gemalt u. mich zu Deinen Füßen auf der anderen. Look to this picture and to that (deutsch: Blicke auf dieses Bild, und dann auf das) - hätten sie darunter geschrieben. Aber dumme Schufte sind es u. dumm werden sie bleiben.«

Der Emigrant und Internationalist Marx flocht in seine deutsch geschriebenen Briefe immer wieder englische und französische Wendungen ein. Mit seinen in der Londoner Emigration aufgewachsenen Töchtern korrespondierte er fast nur englisch, mit seinem Schwiegersohn Paul Lafargue französisch.

Als Marx an einer Artikelserie für eine in Sheffield erscheinende Zeitung arbeitete, bekannte er seiner Frau Jenny brieflich die Furcht, die er vor dem kritischen Urteil seines Adlatus Engels empfand: »Es war mir natürlich nicht ganz mundgerecht, daß Frederic mit seinem kleinen kritischen Runzelgesicht das Zeug ruhig durchlas, bevor es abgeschickt ward. Mais pour la premiere fois, he was quite astonished (Zum erstenmal jedoch war er ganz erstaunt).«

Auch seiner Tochter Laura, die er zärtlich »Cacadou« nannte, offenbarte der schroffe Polemiker Marx weniger schroffe Charakterzüge. 1867 schrieb er an Laura, daß er »kein demonstrativer Charakter« sei: »Eher bin ich von zurückhaltender Art, ein langsamer Schreiber und plumper Mann. Oder, wie Quoquo*** sagt, ein ängstlicher Mann.«

Im selben Brief hieß es aber auch: »Ich bin sehr froh, daß mein Photogramm so gut geworden ist. Der Schatten ist nicht so beeinträchtigend wie auf dem Original.« Und als Unterschrift: »Adio. Your master Old Nick.«

Ein Jahr später beklagte sich Old Nick von London aus bei seiner inzwischen mit dem französischen Sozialisten Lafargue verheirateten Cacadou: »In bin eine Maschine, verdammt dazu, Bücher zu verschlingen und sie dann wegzuwerfen in einer veränderten Form - auf den Misthaufen der Geschichte.«

Marx tröstete sich selbst jedoch mit einem Seitenhieb auf den britischen Premierminister: »Eine ziemlich langweilige Aufgabe, jedoch besser als die von Gladstone, der gezwungen ist, sich innerhalb eines Tages in einen Geisteszustand zu suggerieren, genannt 'earnestness' (Ernsthaftigkeit).«

Mit welcher Verachtung Marx über Staatsmänner und Politik seiner Zeit auch sonst urteilte, geht aus dem Brief vom 28. Juli 1870 hervor, den er anläßlich des Kriegsausbruchs zwischen Frankreich und Preußen an Tochter Laura und Schwiegersohn Lafargue richtete: »Beide Nationen erinnern mich an die Anekdote über zwei russische Edelleute, die von zwei Juden, ihren Leibeigenen, begleitet wurden. Der Adelige A schlägt den Juden des Adeligen B, und B antwortet: Schlägst Du meinen Jud, schlag ich Deinen Jud. Auf diese Weise scheinen beide Nationen dadurch mit ihren Despoten versöhnt, daß es ihnen erlaubt ist, jeweils nach dem Despoten der anderen zu schlagen.«

Und: »Wie die ganze Geschichte des zweiten (französischen Kaiser-) Reichs ist es natürlich eine Parodie, die Marseillaise auf Bitten des Mannes (Napoleon III.), der an Deutschland den Krieg erklärt, zu singen... Andererseits singt der verdammte alte Esel von Wilhelm (Wilhelm I., König von Preußen, von 1871 an Deutscher Kaiser) 'Jesus meine Zuversicht', flankiert auf der einen Seite vom 'larron' (Strauchdieb) Bismarck, auf der anderen von Polizeipräsident Stieber. Auf beiden Seiten eine wenig geschmackvolle Schau.«

Besonders ätzend verhöhnte Marx einen anderen Zeitgenossen, den »neudeutsch-preußischen Reichsmusikanten« Richard Wagner. Aus einem Kuraufenthalt in Karlsbad meldete er 1876 seiner Tochter Jenny: »Allüberall wird man mit der Frage gequält: Was denken Sie von Wagner?«

Marx fand für Wagner höchst charakteristisch": »Er nebst Gattin, der von Bülow sich Getrennthabenden, nebst Hahnrei Bülow, nebst ihnen gemeinschaftlichem Schwiegervater Liszt hausen in Bayreuth alle vier einträchtig zusammen, herzen, küssen und adorieren sich und lassen sich's wohl sein. Bedenkt man nun außerdem, daß Liszt römischer Mönch und Madame Wagner, Cosima mit Vornamen, seine von Madame d'Agoult gewonnene 'natürliche Tochter' ist - so kann man kaum einen besseren Operntext für Offenbach ersinnen als diese Familiengruppe mit ihren patriarchalischen Beziehungen. »

Auf den aus Köln stammenden, in Paris erfolgreichen Komponisten Jacques Offenbach ("Die schöne Helena") war Marx, anders als auf Wagner, auch sonst gut zu sprechen. In einem Ferienbrief aus Monte Carlo an Tochter Tussy verglich Marx 1882 das Fürstentum Monaco mit dem Duodezstaat aus Offenbachs parodistischer Operette »Die Großherzogin von Gerolstein«. Konstatierte der Politökonom: »Die ökonomtische Basis von Monaco-Gerolstein ist die Spielbank; wenn morgen geschlossen, in die Gruft mit Monaco-Gerolstein - Alle!«

Im Dezember 1882 registrierte Marx zufrieden den wachsenden Einfluß seiner ökonomischen Theorien in Rußland: »Nirgendwo mehr ist mir mein Erfolg angenehmer, denn er gibt mir die Genugtuung, daß ich einer Macht Schaden zufüge, die neben England das wahre Bollwerk der alten Gesellschaft ist.«

Doch im Januar 1883, acht Wochen vor seinem Tod, bewegte den Welterschütterer noch einmal Allzumenschliches. Marx an Tochter Tussy: »A propos! In meinem Schlafzimmer somewhere od. in meinem Arbeitstisch muß in Brieftasche oder irgend einer little box sich noch einige copies meines Algierschen Photogrammes finden. If you could find them, you might send me two photogramms. One of them I have promised to forward to Madame Williamson.«

Auch Madame Williamson, die letzte der vielen Verehrerinnen, denen Marx sein »Photogramm« zu schicken versprochen hatte, sollte nicht enttäuscht werden.

* Ludwig Feuerbach und Jakob Moleschott, atheistisch-materialistische Denker des 19. Jahrhunderts in Deutschland. ** »Karl Marx privat.« Neue Schlaglichter durch unbekannte Briefe, eingeleitet und kommentiert von Wolfgang Schwerbrock. Paul List Verlag, München; 164 Seiten; 2,20 Mark. *** Kosename für die jüngste Marx-Tochter Eleanor, auch »Tussy« genannt.

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