BAYREUTH Opas Oper
Tristan - das hat sich einmal ausgerast«, gestand Richard Wagner seiner Frau Cosima, einer unehelichen Tochter des Komponisten Franz von Liszt, die Wagner seinem Chefdirigenten von Bülow abspenstig gemacht hatte.
Wagner-Enkel Wieland, 45, hat die Tristan-Raserei bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen zu neuer Glut entfacht, Er interpretierte Opas Oper »Tristan und Isolde« auf neue Art und führte sie zu neuem Triumph: 30 Vorhänge am Premierenabend, soviel wie noch nie.
Das Drama der »erotischen Atombomben« (Wieland Wagner) Tristan und Isolde wurde vom Wagner-Enkel mit überraschenden dramatisch-erotischen Effekten versehen.
König Marke, den seine Braut Isolde mit Tristan betrügt, ist in Wielands Inszenierung nicht länger der Oheim, sondern der Vater Tristans.
Diese zugkräftige Annäherung »an das klassische Ödipus-Drama« (Wieland Wagner) rechtfertigt der Wagner-Enkel mit neueren archäologischen Erkenntnissen. Die verwitterte lateinische Inschrift auf dem in Cornwall gefundenen Grabstein eines Ritters aus dem sechsten Jahrhundert, der als Held der Tristan-Sage gilt, lautet: »Drustans hice jacit Cunomori filius« (Hier liegt Drustans, Sohn des Cunomorus). Cunomorus aber war nach der Handschrift eines Mönchs aus dem neunten Jahrhundert angeblich jener König Marcus von Cornwall, genannt »Quonomorius«, der in der Tristan-Sage als König Marke auftritt.
Kaum weniger rigoros als die verwandtschaftlichen Verhältnisse hat Wieland Wagner die Schlußszene verändert: Isolde ("Met«-Sopranistin Birgit Nilsson) sinkt nicht tot an der Leiche Tristans (Tenor Wolfgang Windgassen) nieder, sondern bleibt wie gekreuzigt mit emporgereckten Armen stehen, bis der Vorhang fällt.
Isoldes Liebestod, den schon Nietzsche einen »metaphysischen Schwanengesang« nannte, ist damit wieder in Frage gestellt. Wieland Wagner: »Wenn man den ursprünglichen Text liest, wird man feststellen, daß Richard Wagner Isoldes Tod nie erwähnt, sondern immer von ihrer 'Verklärung' spricht.«
Ob diese Wagnersche Verklärung, in der Isolde sich wieder mit ihrem toten Geliebten Tristan vereinigt fühlen soll, auch ihren physischen Tod bedeutet oder nur ihre Entrücktheit von dieser Welt, bleibt ungewiß.
Einem persönlichen Triumph mußte Wieland Wagner trotz seines großen Bayreuther Tristan-Erfolges allerdings entsagen: Da der »Met«-Star Birgit Nilsson aus gesundheitlichen Gründen nur in den ersten zwei von insgesamt vier Tristan-Aufführungen singen, lieben und sich verklären konnte, hatte Wieland Wagner geplant, am letzten Tristan-Abend seinen Schützling Anja Silja, 22, auftreten zu lassen. Die »Berliner Nachtigall«, die von Wieland Wagner in den beiden vergangenen Jahren auf den Bayreuther Festspielen im »Fliegenden Holländer« eindrucksvoll exponiert worden war, wurde in ihrer diesjährigen Rolle als Elsa in »Lohengrin« von der Presse mit schlechten Kritiken ("Guardian": »Eine fragwürdige Besetzung") bedacht. Der Tristan-Regisseur verzichtete deshalb auf Anja Silja als Isolde; an ihrer Stelle sang Martha Mödl, die auch schon in der dritten Aufführung gesungen hatte.
Unmittelbar nach der letzten Bayreuther Tristan-Aufführung am vergangenen Mittwoch reiste Regisseur Wieland Wagner ab - nicht ohne vorher zu Protokoll gegeben zu haben, was er als Wesensgehalt des bedeutendsten Werkes seines Großvaters ansieht.
Auf seine abstrakten Bühnenbilder im Stil Henry Moores angesprochen, erläuterte der Wagner-Enkel die Bedeutung des riesigen Monolithen, vor dem Tristans und Isoldes Liebesnacht des zweiten Akts spielt: »Natürlich ist er ein Phallus-Symbol. Darum dreht sich doch die ganze Oper, oder?«
Bayreuther »Tristan«-Inszenierung, zweiter Akt: »Darum dreht sich doch ...
»Tristan«-Regisseur Wieland Wagner
... die ganze Oper«