FILM Opferritual im Krankenzimmer
Der Tod kündigt sich nüchtern an. Die Blutwerte stimmen nicht mehr. Die zur Gerinnung so wichtigen Thrombozyten verringern sich dramatisch. Thomas muss sich im Krankenhaus behandeln lassen.
Hilflos ruft er seinen Bruder Luc an, der wie er in Paris wohnt. Die Brüder haben sich lange nicht gesehen, sie haben sich entfremdet. Jetzt sind sie peinlich berührt. Luc begleitet Thomas widerwillig in die Klinik, holt ihm aus seiner Wohnung das Notwendigste. Am Ende begleitet er ihn sogar in den Tod.
»Sein Bruder«, der neunte Film von Regisseur Patrice Chéreau, 59, und im Februar auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet, erzählt lakonisch eine traurige Geschichte »über eine Krankheit, die nicht die schlimmste aller Krankheiten ist« (Chéreau), aber »an der man dennoch sterben kann«.
Das sanfte, mit neugieriger Unbefangenheit erzählte Sterben von Thomas (Bruno Todeschini) schildert gleichzeitig das zarte Aufblühen einer fast schon verdorrten Beziehung.
Stück für Stück kommen sich die Geschwister wieder näher. Je schwächer Thomas wird, desto stärker wird die Bindung an Luc (Eric Caravaca).
Als es dem Kranken vorübergehend etwas besser geht, reisen die Brüder ans Meer. Dann hat Thomas einen Rückfall, die Zahl der Blutplättchen verringert sich wieder. Zurück in der Stadt und im Krankenhaus, soll ihm die Milz entfernt werden. Ein letzter Versuch. Ob ihm dieser Eingriff wirklich nützt, weiß selbst die Ärztin nicht zu sagen.
Wie auf einer Bahre liegt der Kranke in diffusem Licht auf seinem Klinikbett, als ihm Krankenschwestern vor der OP mit einem penetrant surrenden Rasierapparat die Körperbehaarung entfernen. Eine verstörend kraftvolle Szene, ein intimer Akt unter den Augen seines Bruders, den Chéreau in symbolischer Ausführlichkeit scheinbar dokumentarisch ausspielen lässt.
Wie ein Tier vor einer feierlichen Opferzeremonie für die Schlachtbank präpariert wird, so bereitet sich Thomas in würdiger Nacktheit auf den Eingriff vor. Die zentrale Szene wirkt wie ein Altmeister-Stillleben in bewegten Bildern.
Chéreaus Kamera interessiert sich - wie ein sympathisierender Voyeur - immer wieder für Gesten, für solche kurzen, mitteilsamen Momente. Sie bleibt an der Kleidung hängen, an der Form einer Schulter oder einer Hand.
Die Intensität des Films tarnt sich hinter der Attitüde flüchtiger Improvisation. Was wie eine kleine, schnell hingehuschte cineastische Etüde erscheinen mag, ist in Wahrheit wohl kalkulierter, erzählerischer Effekt. »Sein Bruder« will das Drama nicht mit großem Gestus erzählen, so wie es Chéreau noch im Frühjahr auf der Ruhr-Triennale mit seinem umjubelten Gastspiel von Racines Theater-Klassiker »Phädra« getan hat (SPIEGEL 18/2003). Der Film schwelgt in Andeutungen und Assoziationen.
Chéreau ist, wie er sagt, in diesem Film »auf der Suche nach Haut, Falten, Flaum und Schweiß«. Gesprochen wird wenig, geschwiegen oft. Die wenigen Gesprächssequenzen bestehen häufig aus sich überlagernden Sätzen.
So radikal-erotisch Chéreaus Film »Intimacy« war, der es wegen seiner offenen Sex-Szenen 2001 noch geschafft hat, als Skandal durchzugehen, so intim-diskret fiel nun »Sein Bruder« aus. Doch beide Filme, kurz nacheinander gedreht, kreisen, aus verschiedenen Blickwinkeln, um das Thema Körperlichkeit.
»Sein Bruder« sucht nach den Veränderungen, die eine Krankheit verursacht - physisch und psychisch. Unprätentiös und mit nachsichtiger Sachlichkeit erkundet der Film sein Thema.
Genauso wie er den Metamorphosen des Körpers nachspürt, spioniert Chéreau auch die Beziehung seiner beiden Hauptfiguren aus. Dass Luc schwul ist und dass Thomas eine Freundin hat, sind Episoden.
In kurzen Szenen ist Luc mit seinem Lover im Bett zu sehen. Sie haben sich geliebt, wollen es tun, können es nicht. Diese Beziehung, das sagen die wenigen beiläufigen Einstellungen, ist bald zu Ende, hat vielleicht nie richtig begonnen.
Auch die Freundin von Thomas scheint nur ein flüchtiges Ereignis in seinem Leben zu sein. Sie ist auf jeden Fall stärker am gesunden Luc interessiert als am kranken Thomas. Je mehr sich die anderen zurückziehen, desto enger rücken die Brüder zueinander.
Am Ende reisen die beiden noch ein-mal in die Bretagne, in das Haus der Familie. Alles scheint sich zu bessern. Die Brüder gehen spazieren, kochen, schwimmen, reden über ihr Leben. Aber Thomas zerbricht langsam an seinem Zustand. Dabei hatte die Oberärztin gesagt, man könne mit dieser Krankheit durchaus leben. Dazu müsse man sie allerdings, einschließlich aller möglichen Komplikationen, akzeptieren.
Genau das aber ist für den ungeduldigen Patienten Thomas nicht zu schaffen: Für seine Schwäche ist er einfach nicht stark genug. JOACHIM KRONSBEIN