Architektur Palast oder Dampfer
Die Jury tagte 40 Stunden und entschied sich am Ende zu einem donnernden Jein. »Wir hätten vielleicht mehr Mut haben sollen«, seufzte Juryvorsitzender Kurt Ackermann, als am vergangenen Freitag in Berlin die Entscheidung über den Neubau des Kanzleramtes offiziell verkündet wurde.
Mit etwas längerer Bedenkzeit, fügte der Münchener Architekt hinzu, hätte man einen ähnlichen Durchbruch erreichen können wie vor 27 Jahren in München. Damals hatten sich die Juroren wegen des Olympia-Geländes zerstritten und wurden noch einmal 14 Tage in Klausur geschickt. Das Ergebnis des verlängerten Nachdenkens, die Sportstätten der Olympischen Spiele von 1972, sind als Muster-Architektur weltberühmt geworden.
Das steht in Berlin nicht zu erwarten. Die beiden ersten Preise für das neue Kanzleramt im Spreebogen spiegeln das Baudilemma der Hauptstadt. Der Gegensatz zwischen dem Entwurf des jungen Ost-Berliner Teams Krüger, Schuberth und Vandreike und dem Projekt des West-Berliner Planerduos Schultes und Frank markiert die Pole des aktuellen Berliner Architekturstreits: vormoderne Restauration versus nachmoderne Experimentierfreude.
Das Krüger-Team schlägt eine achsensymmetrische Palastanlage mit kolonnadengesäumtem Ehrenhof und majestätischem Kanzlertempel in der Mitte vor. Schultes dagegen plant eine aufgebrochene Bauplastik mit abenteuerlichen Raumdurchdringungen, Höfen, Hallen und Terrassen.
Jetzt soll der Kanzler tun, was als Bauherr sein gutes Recht ist. Bis spätestens April 1995 muß er selbst entscheiden, welcher Bau realisiert werden soll, damit der Regierungsumzug bis 1999 beendet werden kann.
In Berliner Baukreisen gehen schon die Wetten. Die Wahl des repräsentativen Entwurfs der jungen Ost-Berliner Planer, meinen viele, wäre eine rein politische Überraschungsentscheidung, aber gut für den Aufschwung Ost und die innere Einheit. Für das intimere Monument des Baukünstlers Schultes dagegen spricht das Lob der Fachleute - schon dessen städtebaulichen Rahmenvorschlag für das neue Regierungsviertel war 1993 begeistert aufgenommen worden.
Schultes' eigentlicher Erfolg ist, daß er seinen damals preisgekrönten Entwurf für das Regierungsviertel am Reichstag im wesentlichen bis heute durchboxen konnte. Das wirkt im Bonn/ Berliner Hauptstadtgezerre wie eine kleine Sensation.
Der Großentwurf für Kanzleramt und Parlamentsviertel sieht weiterhin einen strengen Gebäuderiegel nördlich des Reichstages vor. Er soll als »Band des Bundes« die zerrissenen Stadthälften verbinden und zugleich die erste und zweite Gewalt im Staate - Parlamentarier und Regierung - egalitär vereinen.
Beide Preisträger halten sich an die vorgesehene, 54 Meter breite Bauschneise quer durch den Spreebogen. Und beide übertrumpfen die 22 Meter hohe Grundbebauung durch einen fast doppelt so hohen Kanzlerturm als »zweiten Horizont«, der in jedem Fall knapp unter der Dachkante des Reichstages bleiben soll.
Die Planungsidee von Schultes - eine Regierungs-Mall wie in Washington, die die politische Gewaltenteilung auch räumlich spiegelt - braucht starke architektonische Bindekräfte. Die Großform seines langgestreckten Riegels erinnert an einen Flugzeugträger mit Heck-Sonnendeck als Kanzlergarten, mit zentraler Kommandobrücke und vorgelagerten Parlamentsbüros im Bug. Eine müde Sparkassen-Architektur wie beim alten Bonner Kanzleramt wäre hier deplaziert - sie würde die neue Berliner Dominante im zentralen Bereich zerbröseln.
Bei genauerem Hinsehen zeigt der Bonner Altbau aber doch eine ähnliche Architekturauffassung wie der ungleich prächtigere Krüger-Entwurf in Berlin: Der dreiflügelige, aus dem Barock entlehnte Schloßgrundriß des Bonner Amtes taucht in Berlin als Doppelflügelanlage wieder auf, nur aufgemöbelt mit einer vorgeblendeten Säulenfassade. Die tantenhafte Traditionsliebe der neuen Berliner Planergeneration und die Anti-Architektur der alten Republik in Bonn sind gar nicht so weit voneinander entfernt.
Die Entscheidung, wer die 19 000 Quadratmeter Nutzfläche des neuen Kanzleramtes für geschätzte 270 Millionen Mark errichten darf, gilt - nach dem Reichstagsumbau - als wichtigste Weichenstellung für die künftige architektonische Selbstdarstellung der deutschen Demokratie. Die Wartezeit bis zum Kanzlervotum überbrückt Architekt Schultes derweil mit chinesischen Spruchweisheiten: »Die Dummen hasten, die Klugen warten, die Weisen gehen in den Garten« - eben in den Kanzlergarten. Y