Architektur Pantheon mit Techno
Der Kunsthistoriker war von dem Geschäftshaus derart beeindruckt, daß er dafür gleich einen neuen Baustil ausrief. Das Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz in Berlin, schwärmte der Hamburger Alfred Lichtwark 1899, markiere mit seinen mächtigen Arkaden und himmelwärts strebenden Riesenfenstern den Beginn einer neuen »sachlichen Baukunst«. Die schmucklosen Riesenproportionen empfanden auch jüngere Architekten als Offenbarung - ihnen hing der dekadente Zierat von Historismus und Jugendstil längst zum Halse heraus.
Die monumentale, fast archaische Schlichtheit des damals größten Kaufhauses in Europa, entworfen 1896 von dem Architekten Alfred Messel, wirkte stilprägend und lieferte noch der nachfolgenden Kunstmoderne den Epochennamen der »Neuen Sachlichkeit«. Auf dem Grundstück, auf dem es vor dem Krieg stand, am Oktogon des Leipziger Platzes, soll jetzt der italienische Architekt Aldo Rossi, 64, an große Berliner Bautraditionen anknüpfen.
Die Brache am Rande des ehemaligen Todesstreifens ist 2,7 Hektar groß. Hier plant Rossi auf 100 000 Quadratmetern Geschoßfläche einen ungewohnten Bautypus, für den der Münchner Projektentwickler Peter Kottmair bereits die passende Wortschöpfung parat hat: »Entertainment-Immobilie«. Der 1,2 Milliarden Mark teure Mischbau vereint nicht nur Ladenpassage, Bürohaus und 300 Wohnungen, sondern bekommt im Innern einen steinernen Zirkus für 1600 Zuschauer.
Doch statt sich an der neusachlichen Kühle von Messels Baugebirge zu orientieren, steigt der italienische Altmeister Rossi auch architektonisch ins Unterhaltungsfach um. Seinen bislang größten, aber nach dem Mauerfall gescheiterten Berlin-Entwurf für das Deutsche Historische Museum im Spreebogen hatte er noch als strenge Ausstellungskathedrale entworfen. Jetzt staffiert er seinen Vielzweck-Block zu einer kurzweiligen Baucollage aus.
Nur mit ihren zurückgesetzten Obergeschossen und kahlrasierten Dachdeckeln fügt sich Rossis verspielte Baukasten-Architektur einer verqueren neuen Berliner Sachlichkeit: Wegen der beschränkten Bauhöhen werden sämtliche Neubauten bis zum Stehkragen mit Nutzfläche gefüllt - für Dacharchitektur bleibt da kein Zentimeter Luft.
Aber dafür entwickelt der Italiener weiter unten eine fast schon angestrengte Vielfalt mit knallbunten Lochfassaden, springenden Säulenreihen und Erkern. Dahinter steckt allerdings ein ernstes Anliegen: Rossi will die riesige Baumasse nicht nur optisch kleinkriegen, sondern auch wirtschaftlich und baurechtlich wieder in stadtverträgliche Hauseinheiten gliedern.
Das ist der gewaltigste Fortschritt im neuen Berliner Städtebau. Beim Nachbarprojekt von Daimler-Benz am Potsdamer _(* Am Leipziger Platz. )
Platz wurde seit 1990 heftig kritisiert, daß ein ganzer Stadtteil in den Einheitsbesitz eines Großinvestors übergehe. Jetzt plant Rossi ein Ensemble, das zwar dicht gepackt ist, aber aus selbständigen Gebäuden besteht - damit der Baukomplex nach Fertigstellung im Grundbuch »realgeteilt« und vom Münchner Auftraggeber an einzelne Investoren verkauft werden kann.
Nach dem jahrelangen Architektenzirkus, den Berliner Großinvestoren zur Auflockerung ihrer Riesenblöcke veranstaltet hatten, wagt der erzkonservative Zirkusarchitekt Rossi wieder ansatzweise Stadtstrukturen wie im 19. Jahrhundert - und sorgt zugleich dafür, daß auch mittelständische Investoren künftig ein Stück vom Immobilienkuchen abbekommen.
Trotz aller formalen Spielereien kann Rossi seine Vorliebe für Bau-Archetypen nicht ganz unterdrücken. Er setzt kein Zirkuszelt ins Blockinnere, sondern eine Mischung aus Pantheon und Gasometer. Diese Rotunde mit 70 Metern Durchmesser und 25 Meter hoher Kuppel soll zur Dauerspielstätte der Variete- und Artistentruppe »Cirque du Soleil« werden. Das 1984 in Kanada gegründete Show-Unternehmen könnte mit seinem Programm zwischen Roncalli und Fellini zur Belebung der deutschen Musical-Monokultur beitragen.
Im zweiten Bauabschnitt an der Leipziger Straße will der Großbauherr Kottmair den Branchenmix noch weiter treiben. Neben einem Vier-Sterne-Hotel wird sich dort auch eine Berliner Subkultur-Firma einnisten: die Diskothek »Tresor«.
Die Wiege der deutschen Techno-Bewegung war 1991 in die noch erhaltenen Stahlkammern des Wertheim-Gebäudes eingezogen.
Im Neubau soll die Disko einen eigenen »Techno-Tower« mit Radiosender, Schallplattenlabel und Zeitungsredaktion bekommen.
Seinen Aufstieg zur noblen Kulturadresse kommentiert »Tresor«-Betreiber Dimitri Hegemann ganz neusachlich: »Das ist, als würde eine Kebab-Bude an die Börse gehen.«
Für den zweiten Bauabschnitt aber soll ein Wettbewerb ausgeschrieben werden, damit Rossi nicht wieder allein für Vielfalt sorgen muß. Der Italiener kann sich deshalb gleich auf seinen nächsten Auftrag stürzen: die Stadtreparatur von Neuruppin. Den finanziell wenig lohnenden Auftrag nahm Rossi jüngst sofort an, weil in Neuruppin sein großes Vorbild Karl Friedrich Schinkel geboren wurde. Y
* Am Leipziger Platz.