Pariser Leben
Tust als die Neue Welt sie als eine zweite Marlene Dietrich und ein »von Sex beherrschtes« Flimmeridol ("Saturday Evening Post") feierte, versagte die beherrschende Eigenschaft der Gepriesenen daheim in Europa.
Nach vier Jahren, acht Monaten, 24 Tagen Dauer, nach Bekanntgabe von einem Dutzend verschiedener Hochzeitstermine und nach genauso vielen Zerwürfnissen und Absagen endete die turbulenteste und am heftigsten publizierte Brautzeit der Jahrhundertmitte mit einem Ferngespräch: Am Telephonhörer, 13 000 Kabel-Kilometer voneinander entfernt, kamen die österreichische Filmschaffende Rosemarie Albach -Retty, genannt Romy Schneider, 25, und der französische Neue-Welle-Reiter ("Nur die Sonne war Zeuge") Alain Delon, 28, überein, still auseinanderzugehen.
Als Romy Schneider 48 Stunden nach dem Ferngespräch von den Aufnahmen zu »Good Neighbour Sam« aus Hollywood nach Paris heimkehrte, hatte Alain Delon das bis dahin von den Brautleuten gemeinsam bewohnte Appartement in der Avenue de Messine bereits geräumt. Zurück- blieb ein Strauß roter Rosen und eine Notiz: »Romy -Schatz, es tut mir leid.«
Obwohl sich Exverlobter Delon ohne weiteren Kommentar nach Mexiko empfahl und auch Romy Schneider über die Hintergründe des telephonischen Entlöbnisses schwieg, ist schwerlich daran zu zweifeln, daß der Trennung die gleiche Erkenntnis zugrunde liegt, die Romy Schneider bereits im Frühjahr Reportern anvertraute: In der Liebe will man alles von einem einzigen Mann haben. Und das ist nicht möglich.«
Und da der ehemalige Indochina -Kämpfer Delon schon seit geraumer Zeit Schwierigkeiten zu haben schien, die Macht seiner Persönlichkeit ungeteilt auf eine Liebende zu konzentrieren, hatte- die Braut damals poesiealbumreif philosophiert: »Besser eine unglückliche Leidenschaft als im Glück schnarchen.« Bis 1958 hatte Rosemarie Albach -Retty die Liebe nur im Film erlebt - vor der Kamera.
»Grün ist die Heide«-Produzent Kurt Ulrich holte die 14jährige aus einem Salzburger Internat ins Atelier. Sie spielte, die Rolle einer Filmtochter ihrer leiblichen Mutter Magda, geborene Schneider, die 1945 von dem Schauspieler Wolf Albach-Retty geschieden worden war und später den Kölner Restaurateur Hans Herbert ("Daddy") Blatzheim ehelichte.
Süße Romanzen aus k. u. k.-Zeiten, wie »Die Deutschmeister« und die drei »Sissi«-Balladen, machten den Backfisch zum Nesthäkchen und zur Millionenverdienerin der deutschen Filmindustrie. Denn »Sissi« verschaffte den Kinobesitzern Rekordeinnahmen. Filmverleiher Herbert Tischendorf kassierte für »Sissi« mehr als 12 Millionen Mark.
Magda Schneider über die Gründe des Erfolgs: »Weil die Leute spüren, daß das hier endlich einmal ein Geschöpf ist, das mit dem Dreck der Welt noch nicht in Berührung gekommen ist.«
Bald darauf kam Romy Schneider mit Alain Delon in Berührung - 1958 bei Dreharbeiten für den Film »Christine« (nach Schnitzlers »Liebelei"). Delon über seine Partnerin: »Ein Wundertier, das sich nicht ohne Kinderfrau, Mutter, Sekretär und Arzt bewegen kann.«
Doch der Romy-Troß schreckte den Franzosen nicht. Bald bekannte das Fabelwesen namens Schneider: »Meine erste ganz große Liebe.« Im Frühjahr 1959 feierte man in Blatzheims Landhaus in Morcote bei Lurgano vor vielen Journalisten das Verlöbnis.
Stiefvater ind Mutter grollten: Sie wähnten den Podest der vom Publikum geschätzten zarten Unschuld, die bald nach dem Familienfest (ASCIIDEC-130)ohne schützendes Gefolge mit Delon ins gemeinsame Pariser Quartier reiste, gefährdet.
Romy Schneider später über den Bräutigam: »Alain hat mich aus der ,Sissi'-Periode herausgeholt . . . Er hat mir in Paris eine neue Welt geöffnet.«
Und über die Franzosen im allgemeinen: »Die Franzosen haben mich gelehrt. mich zu kleiden, zu leben, zu schlafen, zu lieben ...«
Die französischen Lehren beeinflußten Romy Schneider auch so weit, daß sie sich fortan hartnäckig weigerte, ein Angebot für eine weitere »Sissi«-Fortsetzung anzunehmen. Aber das deutsche Schneider-Publikum mochte seine minderjährige Film-Kaiserin nicht als »Halbzarte«, auch nicht als »Engel auf Erden« und »Schöne Lügnerin«. Mit diesen Filmen endete die Deutschland-Karriere der Romy Schneider - für die Produzenten in roten Zahlen.
Erst als sich in Paris ein italienischer Marxist und Adliger, der Graf Luchino Visconti, der gescheiterten Halbzarten annahm, startete sie zu einer neuen, diesmal erfolgreicheren Karriere. Visconti präsentierte in dem Film »Boccaccio 70« die dem Dirndl Entwachsene als Halbakt - als betrogene Ehefrau, die ihre ehelichen Pflichten nur noch gegen Barschecks erfüllt.
Auch auf einer Pariser Bühne wurde die künstlerische Wandlung vom Dirndl zur Dirne deutlich. Unter Viscontis Regie spielte Romy Schneider in dem John-Ford-Stück »Schade, daß sie eine Dirne ist« neben Bräutigam Delon die Hauptrolle. Thema der Tragödie aus dem 17. Jahrhundert: die blutschänderische Liebe von Bruder und Schwester.
Die französischen Erfahrungen hatten Romy Schneider noch einmal für Deutschland interessant gemacht. Fritz Kortner hatte sie für sein Fernsehspiel »Die Sendung der Lysistrata« als Myrrhine verpflichtet. Die pariserisch gewandelte Romy Schneider schockierte den Kaplan Heinrich Hackmann aus Werlte im Emsland derart, daß er Strafantrag stellte. Begründung: Romy Schneider habe auf dem Bildschirm »unsittliche Schaustellungen« dargeboten.
Nicht nur Kaplan Hackmann aus Werlte entrüstete sich über die neue Romy Schneider. Auch Blatzheim zeigte sich über das sittliche Wohlergehen seiner Stieftochter besorgt - besonders, nachdem sie alle Welt hatte wissen lassen, ihr Bräutigam und sie lebten in ihrem Appartement in der Avenue de Messine »nicht wie Kinder« zusammen.
Als sich Romy Schneider Anfang 1963 wegen eines Abstechers ihres Verlobten vorübergehend mit Delon zerstritt, verfügte Blatzheim über seinen treulosen Schwiegersohn das Ludwig-Erhard-Wort »Mit dem Mann bin ich fertig« und gab kurzerhand die Entlobung der Brautleute bekannt.
Darauf die Braut, die dem Verdammten inzwischen wieder verziehen hatte: »Wenn es eine Trennung gibt, und zwar eine endgültige, dann ist es die zwischen Herrn Blatzheim und mir.«
Die Trennung war nicht endgültig. Zum Weihnachtsfest in engstem Blatzheim-Familienkreis sagte sich Romy Schneider nach Berchtesgaden an. »Bild« rief derweil seine Leser zu einem nationalen Versöhnungsfest mit der vom deutschen Publikum Verstoßenen auf: »Sollten nicht auch wir einen Schlußstrich ziehen und Romy wieder mit offenen Armen aufnehmen?«
Die Chancen dafür sind gering. Erst vor kurzem hatte Romy Schneider ihrem Unmut über die Deutschen Luft gemacht, nachdem sie von dem Hollywood-Regisseur Otto Preminger für eine Hauptrolle in seinem Film »Der Kardinal« verpflichtet worden war.
Bald nach ihrem Einzug in Hollywood erklärte sie: »Ich fühle mich zu einem Viertel als Österreicherin und zu drei Vierteln als Französin.« Während der Dreharbeiten bat die gebürtige Österreicherin Romy Schneider den gebürtigen Österreicher Otto Preminger, auf die Muttersprache zu verzichten: »Please, Otto, speak English to me.«