LITERATUR Partisan und Parmesan
Die beiden edel aufgemachten Bände der »Gesammelten Untertreibungen« des 2002 im Alter von 57 Jahren verstorbenen Kabarettisten Matthias Beltz heißen »Gut« und »Böse« - und tatsächlich ist dies ein treffender Titel für eine »Best of Beltz«-Werkausgabe. Der sarkastische Geschichtsbetrachter war auf seine Weise ein legitimer Erbe der »Frankfurter Schule«. In seinen ungezählten Kabarettprogrammen, Varieté-Conférencen, Fernsehsendungen, Büchern, Interviews, Essays und Kneipengeschichten kreuzte er konsequent Radio Luxemburg mit Rosa Luxemburg, den Kommunismus mit Alltagskatastrophen beim Metzger in Frankfurt-Sachsenhausen und die Frage nach Gott und dem Sein mit dem Problem, am Samstag, dem »Faschisten unter den Wochentagen«, anständig aus dem Bett zu kommen. 1945 als Sohn einer »Trümmerfrau« und eines in Russland »verschütt gegangenen« Vaters geboren, gehörte er in den siebziger Jahren neben Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer zu den Wortführern der linksradikalen Frankfurter Spontiszene. Aus ihrer kurvenreichen Geschichte schöpfte Matthias Beltz, dessen außerordentliche Belesenheit seiner Ideenproduktion zusätzliche Triebkraft verlieh, bis zu seinem jähen Tod. Der Herausgeber und Kabarett-Fachmann Volker Kühn hat aus der Unmenge aller hinterlassenen Texte, darunter auch aus bislang unveröffentlichten Arbeits- und Notizbüchern, eine Auswahl zusammengestellt, die selbst Freunde und Kenner in Erstaunen versetzen wird. Eine beigelegte MP3-CD mit Live-Mitschnitten lässt den Gesellschaftsphilosophen unter den deutschen Wortakrobaten noch einmal ganz lebendig werden. Schon lange vor seinem eigenen Tod hatte er geschichtspessimistisch formuliert: »Parmesan und Partisan/ Wo sind sie geblieben?/ Partisan und Parmesan/ Alles wird zerrieben.«
Matthias Beltz: »,Gut'' und ,Böse''. Gesammelte Untertreibungenin 2 Bänden«. Herausgegeben von Volker Kühn. Zweitausendeins,Frankfurt am Main; 976 Seiten; 44,80 Euro.