Patchwork der Eitelkeiten - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 64 / 98

Agenten Patchwork der Eitelkeiten

Der Kalte Krieg ist vorbei, die alten Kämpfer gehen in Rente. Dennoch hat John le Carre einen neuen Spionagethriller vorgelegt. Auch George Smiley ist wieder dabei.
• aus DER SPIEGEL 23/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Über ein Jahrzehnt lang hat der große Verführer seine Leser auf Entzug gehalten. Nun liefert er ihnen noch einmal ihre Droge. George Smiley heißt sie, und sie wird verheißen im allerersten Satz.

»Um es gleich vorweg zu sagen: Hätte ich nicht, einer spontanen Eingebung folgend, zur Feder gegriffen und George Smiley schnell eine Einladung geschrieben und hätte Smiley nicht ganz wider Erwarten zugesagt - dann würde ich Ihnen jetzt nicht so freimütig mein Herz ausschütten.« So beginnt John le Carre seinen neuesten Spionagethriller »Der heimliche Gefährte« - für Süchtige ein unwiderstehlicher Köder*. In der Wirklichkeit gibt es bloß Mielke.

Denn Smiley, dieser kleine, bebrillte Gentleman, ist es, der vom »Spion, der aus der Kälte kam« (1963) bis zu »Smileys Leute« (1979) das Hauptwerk des 59jährigen John le Carre im Innersten zusammengehalten hat. In »Dame, König, As, Spion« (1974) ist er zur »Legende des Secret Service« aufgestiegen, wenn man es mit seinen Anhängern sagen will; nach Smiley nur »ein ziemlich dicker, alter Mann, der zwischen Pudding und Portwein eingeklemmt ist«.

Pudding, Port und die Legende serviert le Carre zum Abschluß-Dinner des geheimdiensteigenen Agentencollege, bei dem Smiley als Ehrengast geladen ist und wo sein langjähriger Gefährte Ned als Leiter wirkt. Aficionados kennen ihn aus dem Perestroika-Roman (auch schon lange her: 1989) »Das Rußland-Haus«. Inzwischen ist der Eiserne Vorhang durchlöchert, die Mauer gefallen; le Carre handelt das in wohltuender Kürze ab.

Auf den ersten Anschein ist le Carres neuer Thriller eine Sammlung von Kurzgeschichten aus 30 Jahren Kalten Kriegs, zusammengehalten durch die abgehangenste Rahmenhandlung seit Geoffrey Chaucers »Canterbury-Geschichten« (entstanden zwischen 1380 und 1400), bei der sich fromme Pilger erbauliche Geschichten erzählen.

»The Secret Pilgrim« lautet der Originaltitel von le Carres neuem Buch. _(* John le Carre: »Der heimliche ) _(Gefährte«. Aus dem Englischen von Werner ) _(Schmitz. Kiepenheuer & Witsch, Köln; 432 ) _(Seiten; 39,80 Mark. ) Doch längst schon sind seine Kreuzritter des Kalten Kriegs zu Ketzern geworden, die den Glauben an die gerechte Sache verloren haben. Diesen Krieg, sagt Smiley, hätten die richtigen Leute verloren, aber auch die falschen gewonnen - Politkarrieristen und Geschäftemacher.

Groteske und bizarre Fallbeispiele aus 30 Jahren Secret Service werden der Tafelrunde aufgetischt, eine unendliche Kette brillant ausgetüftelter und mit blamabler Komik schiefgelaufener Schlamassel professioneller Dilettanten, eitler Scharlatane, gescheiterter Seelensucher, durchgeknallter Sex-Maniaks und grauer Schranzen.

Den vorwärtspeitschenden Erzähl-Drive der frühen Jahre hat le Carre auch für dieses Werk streckenweise aufgegeben und mit liebevollen Querverbindungen zwischen alten Teilen seines OEuvres ein melancholisches Patchwork montiert. Einmal mehr ist so ein Sittengemälde und Welttheater entstanden, eine menschliche Komödie der (Selbst-)Ironie und bitteren Ambivalenz.

Wie Smiley, wie John le Carre, ist auch Ned im »Heimlichen Gefährten« besessen vom verwirrenden Flechtwerk der menschlichen Beziehungen, wo Triebe, Treue und Verrat ein undurchdringliches Dickicht bilden: Der Agentenführer schläft mit der sinnlichen Geliebten eines seiner Spione und Freundes - um sie besser aushorchen zu können oder aus Liebe? Es spielt keine Rolle, der Mann wird ohnehin ans Messer der Sowjets geliefert werden, und dies auch noch vom Erzverräter Bill Haydon aus »Dame, König, As, Spion«, einem Freund von Smiley, doch dessen Frau amourös verbunden.

Alles vergebens, alles eitel: So könnte le Carres Moral nicht nur aus dem Kalten Krieg zusammengefaßt werden. Inzwischen nämlich heckt der große Pensionär als Vorsitzender eines »Komitees für Angelrecht« zusammen mit den russischen Kollegen eine hübsche kleine Verschwörung zum Nutzen aller aus, vielleicht »gegen den Dieb von Bagdad«?

Der Zynismus der Wendehälse und Führungsetagen war immer schon möglich in Le-Carre-Land. Das Glück war es nie. »Mabel und ich, wir führen ein gutes Leben. Von Dingen, die wir nicht ändern können, reden wir nicht. Wir kommen uns nicht in die Quere. Wir sind zivilisiert. Wir haben uns ein Landhaus an der Küste gekauft« - so endet der Lebensbericht des altersweise gewordenen Agenten Ned in diesen wohl allerletzten Smiley-Geschichten. Das ist die wahre Tragödie und der Kalte Krieg im richtigen Leben.

* John le Carre: »Der heimliche Gefährte«. Aus dem Englischen vonWerner Schmitz. Kiepenheuer & Witsch, Köln; 432 Seiten; 39,80 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 64 / 98