GESCHICHTE Perfider Plan
Der Mann in dem einfachen Eisenbett, entkräftet und bleich, keuchte und stöhnte. Plötzlich öffnete er die Augen und blickte die Umstehenden verzweifelt an. Dann hörte er auf zu atmen. »Napoleon ist tot«, notierte Leibarzt Francesco Antommarchi am 5. Mai 1821 in seinem Tagebuch.
Seitdem haben die Experten nicht aufgehört darüber zu streiten, woran der kleine Korse gestorben ist; ihre Auseinandersetzungen führten sie häufig so hitzig und erbittert wie einst Napoleon Bonaparte seine Feldzüge gegen die Engländer, Russen und Preußen.
An Magenkrebs sei der Kaiser gestorben, meinen viele Forscher, da im Obduktionsbericht von »Magengeschwüren im frühen Krebsstadium« die Rede ist. Andere wiederum diagnostizierten postum als Todesursache so unterschiedliche Krankheiten wie Leberentzündung, Syphilis, Epilepsie oder Tuberkulose.
Neue Nahrung dürfte nun der Streit um des Kaisers Tod durch ein Buch erhalten, das kürzlich in den Vereinigten Staaten erschienen ist: »Napoleon wurde mit Arsen vergiftet«, behaupten darin die Bonaparte-Experten David Hapgood und Ben Weider, Präsident der kanadischen Napoleongesellschaft.
( Ben Weider und David Hapgood: »The ) ( Murder of Napoleon«. Congdon und ) ( Lattes, New York; 268 Seiten; 14,95 ) ( Dollar. )
»Dieses Werk könnte dazu führen, daß wir die Geschichte von Napoleons letzten Jahren völlig umschreiben müssen«, S.206 konstatierte David G. Chandler, Professor an der britischen Militärakademie Sandhurst und Verfasser eines Standardwerks über Napoleons Kriegführung.
Das Buch von Hapgood und Weider basiert auf den Forschungsarbeiten des schwedischen Zahnarztes und Toxikologen Sten Forshufvud, der vor zwölf Jahren als erster ein einzelnes Haupthaar Napoleons chemisch analysiert und dabei einen überdurchschnittlichen Arsengehalt festgestellt hatte.
Als der Schwede 1961 seine Mordtheorie der Fachwelt vortrug, zürnten die Experten: »Totaler Blödsinn«, wetterte der französische Napoleon-Forscher Dr. Paul Ganiere, Autor zweier Bücher über die Krankheiten des Korsen.
Doch nun, nachdem Forshufvud weitere Napoleon-Haare untersucht und darin ebenfalls überdurchschnittlich viel Arsen gefunden hat, halten viele Wissenschaftler seine These vom Gifttod Napoleons für nicht mehr so unwahrscheinlich. »Es gibt tatsächlich zahlreiche Anhaltspunkte dafür, daß Napoleon vergiftet worden ist«, meinte jüngst der Amerikaner Steven Ross, Professor an der US-Marineakademie in Annapolis (US-Bundesstaat Maryland) und anerkannter Napoleon-Fachmann.
Der Gedanke, daß der einst meistgefürchtete Mann Europas einem heimtückischen Giftmischer zum Opfer gefallen sein könnte, kam Forshufvud im Jahre 1955 bei der Lektüre der Memoiren von Napoleons Kammerdiener Louis Marchand, der dem abgedankten Kaiser in die Verbannung auf die britische Atlantikinsel St. Helena gefolgt war. »Manche Seiten dieser Memoiren«, so der Schwede, »lesen sich wie ein Lehrbuch-Text über toxische Symptome.«
Von Mai 1816 an, schrieb Marchand, sei Napoleon immer wieder malade gewesen. Er litt unter Schüttelfrost, Schweißausbrüchen, Leber- und Magenschmerzen. Zeitweise zog der Kaiser, einst bei seinen Feldzügen ein unermüdlicher Reiter, das linke Bein nach; er verlor nach und nach seine Zähne, häufig wurde er ohnmächtig - alles Symptome einer chronischen Arsenvergiftung.
Zudem wurde der Kaiser, ebenfalls eine typische Arsenfolge, in den Jahren nach 1816 immer dicker - Doppelkinn, mächtige Oberschenkel, Ballonbauch. In der engen Uniform, die er meist trug, habe Napoleon »ausgesehen wie ein Schwein«, schrieb ein Beobachter.
Um seine These zu beweisen, suchte Forshufvud jahrelang nach einer Haarlocke vom Haupt des Korsen. Denn Arsen, das vom Körper nicht verarbeitet und ausgeschieden wird, lagert sich unter anderem in den Haaren ab.
Forshufvud wußte, daß es zahlreiche Haarbüschel von Napoleon geben mußte; denn in den 15 Jahren seines Aufstiegs vom Revolutionsgeneral zum französischen Kaiser und Beherrscher Europas hatte der kleinwüchsige Korse, der damaligen Sitte folgend, vielen seiner Verwandten, Freunde und Untertanen als Gunstbeweis eine Strähne seines rotbraunen Haares geschenkt. »Aber wo«, rätselte Forshufvud, »sollte ich nur suchen?«
Fündig wurde er schließlich 1960 bei einem französischen Napoleon-Experten, der ihm ein einzelnes Haar überließ.
Der Schwede sandte die Probe an das Institut für Gerichtsmedizin in Glasgow, nach wenigen Wochen hielt er das Untersuchungsergebnis in Händen: Ein Gramm des Napoleon-Haares enthielt 10,38 Mikrogramm Arsen - 13mal soviel wie das Haar eines gesunden Menschen.
( Normaler Arsengehalt des ) ( Menschenhaares: 0,8 Mikrogramm; ein ) ( Mikrogramm ist gleich ein Millionstel ) ( Gramm. )
»Dieser Wert zeigt«, so das Fazit des Untersuchungsberichtes aus Glasgow, »daß die Person einer relativ hohen Dosis Arsen ausgesetzt war.«
Vor allem die französischen Napoleon-Forscher reagierten auf Forshufvuds Endeckung nahezu hysterisch. »Sie benahmen sich wie eine wilde Tigermutter«, so Hapgood und Weider, »die ihr Kleines verteidigt.« Geschickt verhinderten sie, daß der schwedische Außenseiter weitere Haarproben aus französischem Besitz erhielt.
Doch Forshufvud suchte auf der ganzen Welt weiter nach Napoleon-Locken - mit Erfolg: Bis 1970 fand er (in Australien, England und den USA) drei authentische Haarbüschel vom Haupt Napoleons, die alle während der Verbannungsjahre auf St. Helena abgeschnitten worden waren - zwei davon nach dem Tode des Kaisers.
Jedes der zahlreichen Haare, die Forshufvud untersuchen ließ, enthielt nennenswerte Ablagerungen von Arsen. Genauere Tests zeigten, daß der Giftstoff nicht gleichmäßig in den einzelnen Haarfäden verteilt, sondern an bestimmten Stellen konzentriert war - Zeichen dafür, daß Napoleon in unregelmäßigen Abständen von seinem Mörder Gift bekam.
Dies wiederum deckte sich mit dem Verlauf von Napoleons Leiden, bei dem stets Perioden schlimmer Krankheitsanfälle mit Wochen des Wohlbefindens wechselten. Der Täter hatte dem Kaiser, wie Forshufvuds Untersuchungen ergaben, nur kleine, nicht tödliche Dosen von etwa einem Hundertstel Gramm verabreicht und die Giftgaben immer dann unterbrochen, wenn die Symptome zu auffällig wurden.
Mit kriminalistischem Spürsinn machte sich Forshufvud auf die Suche nach dem Täter. Hilfreich war dabei eine ebenfalls arsenhaltige Haarlocke, die nachweislich aus dem Jahre 1816 stammte. Der Mörder mußte sich also, folgerte der Schwede, spätestens seit diesem Zeitpunkt auf St. Helena aufgehalten haben.
Nach und nach strich Forshufvud ein Mitglied des kaiserlichen Exil-Haushalts nach dem anderen aus dem Kreis der Verdächtigen; am Schluß blieb nur noch einer übrig: der junge Brigadegeneral Graf Charles Tristan de Montholon, den der Kaiser vertrauensvoll zu seinem Testamentsvollstrecker bestimmt hatte.
Der Graf handelte, wie Forshufvud glaubt, im Auftrag der Bourbonen, die von Napoleon aus Frankreich vertrieben worden und nach seiner Verbannung wieder auf den Thron zurückgekehrt waren. Solange der Korse noch lebte, S.208 mußte sich der Bourbonen-Clan stets gefährdet fühlen.
»Doch warum hatte es Montholon getan?« fragte sich der Schwede. Die Antwort fand er, als er das Leben des Grafen penibel nachrecherchierte: Montholon, der früher unter Napoleon gedient und sich während dessen erster Verbannung auf Elba sofort den Bourbonen angedient hatte, war beim Griff in die Armeekasse ertappt worden. Er hatte 6000 Franc veruntreut, doch angeklagt oder verurteilt wurde er deswegen nie.
Statt dessen schickte ihn der Bourbonen-König Ludwig XVIII. im Gefolge Napoleons nach St. Helena. Als Gegenleistung für die gewährte Straffreiheit, so meint Forshufvud, sollte er den verhaßten Korsen ermorden - nicht blutig auf einen Streich oder mit einer Überdosis Gift, sondern langsam, um den Eindruck eines natürlichen Todes zu erwecken.
Denn »bei einem plötzlichen Ende des Kaisers hätten die immer noch zahlreichen Anhänger Napoleons in Frankreich einen Mord vermutet«, so die Buchautoren Hapgood und Weider, »und die unfähigen Bourbonen gestürzt.«
Nachdem er die Gesundheit Napoleons durch regelmäßige (wahrscheinlich in den Wein gemengte) Arsengaben zerrüttet hatte, versetzte Montholon Anfang Mai dem Kaiser den Todesstoß. Auch dabei ging er mit raffinierter Umsicht vor.
Er mischte dem Kranken ein zehntel Gramm Arsen in den Wein - genug, um eine schwere Verstopfung herbeizuführen. Verdauungsstörungen wurden damals mit Kalomel behandelt - einem Quecksilbersalz, das sich in Verbindung mit Blausäure zu Quecksilberzyanid, einem äußerst starken Gift, verwandelt.
Blausäure wiederum befand sich in der Mandelmilch, die Napoleon mit Vorliebe trank; bei der Herstellung des damals verbreiteten Getränks werden auch blausäurehaltige Bittermandeln verwendet.
Montholons perfider Plan klappte: Am 3. Mai flößten englische Militärärzte dem an Verstopfung leidenden Staatsgefangenen 0,6 Gramm Kalomel ein, der treue Montholon reichte seinem Herrn dazu die geliebte Mandelmilch. Zwei Tage später war Napoleon tot.
Daß der große Napoleon, nationales Idol Frankreichs, tatsächlich Opfer eines ruchlosen Giftmordes sein könnte, geht vor allem französischen Napoleon-Forschern auch heute noch nicht in den Kopf: »Das ist doch nur eine erfundene Detektivgeschichte«, schimpfte kürzlich der Sorbonne-Professor und Napoleon-Experte Jean Tulard. »Keiner in Frankreich wird diese These unterstützen.«
S.203Ben Weider und David Hapgood: »The Murder of Napoleon«. Congdon undLattes, New York; 268 Seiten; 14,95 Dollar.*S.206Normaler Arsengehalt des Menschenhaares: 0,8 Mikrogramm; einMikrogramm ist gleich ein Millionstel Gramm.*Links: als Oberst der Chasseurs de la Garde; rechts: am 6. März1821.*S.208Rechts (Pfeil): Mutmaßlicher Mörder Montholon.*