Das Heimatgebirge von Benno Koch besteht aus Müll. In Großlappen am Nordrand Münchens ist es gewachsen und wächst obenherum Tag für Tag weiter. Denn Bayerns Hauptstadt braucht den Kamm des Monte Scherbelino -- dem weiter unten auf Staatskosten gärtnerische Gestaltung zuteil wird --, damit sie nicht im Dreck erstickt. Berg der Widersprüche.
Davon lebt am staatlich begrünten Fuße des Berges Benno Koch und stört sich nicht an dem giftigen Qualm, der vom Abfallgipfel oft bis hinein in seinen Wohnwagen und seine Augen reicht. Gegen derlei Ungesundes schützt ihn die Flasche, die er so selten aus der Hand legt, als liefere sie ihm den Sauerstoff. Aber sie enthält Bier.
Seinem Wohnwagen, einem Stück Abfall der Industriegesellschaft, hat Benno Koch das Wort Gift-shop auf die Stirn geschrieben. Besucher verstehen das meistens falsch, als einen makabren Witz. Doch der Benno meint nicht das Gift, das der qualmende Berg auch birgt, sondern die Gaben, die er ihm ohne Mühe entreißt. Wie jedem tüchtigen Altbayern ist ihm das geschäftlich nötige Englisch geläufig.
Benno Koch ist ein Eremit des Recycling. Was die hastige Wegwerfgesellschaft auf das Müllmassiv hinaufkarrt, reicht er zu einem Teil handverlesen und gegen Handgeld wieder an sie zurück. Außerdem bezieht er von dort oben seinen Wein, allerlei Schmackhaftes und eine mit Recht schlechte Meinung über die eingespielte Art unserer Überflußbeseitigung.
Einmal ist es ein ganzer Lkw voller »Torta San Gaudenzio«, ein anderes Mal ein Kastenwagen mit fabrikfrischen Herrenanzügen samt Kleiderbügeln, was der wachsame Wanderer dort oben in den Dreck rollen sieht. »Und dann«, sagt der Benno, »wird einpackt und einpackt.« Glückstag ist dann.
Von der Pieke auf ist er mit dem Abfall vertraut, hat einmal selber eine der Planierraupen gesteuert, mit denen Müll und besonderer Müll bis zur Unkenntlichkeit erledigt werden sollen. Daher weiß er, daß es in der Macht des Raupenführers liegt, das geforderte Zerstörungswerk bloß vorzutäuschen, falls es beispielsweise um Chianti geht, der aus unerforschlichen Gründen unter Aufsicht naserümpfender Zöllner mit dem stinkenden Abfallboden vereinigt werden soll. Fahrer, die Chianti oder den Benno schätzen, wissen, wie man Flaschen überfährt, ohne sie gleich zu zerbrechen. Und der Benno mit seinen Freunden läßt sich die Fuhre dann lange schmecken.
Beim Verbrauch solcher Ware eventuell zu erblinden, fürchten sie nicht. Erstens kostet der Benno vor, und zweitens weiß er: »Wann da Zoll dabei is, konnst Gift drauf nehma, daß dem Zeigl nix fehlt.«
Meist sind im Müll jetzt Türken am Werk, denen eine Ladung Chianti oder Korn ohnehin nichts gäbe. Sie sind fromme, trockene Moslems und haben sich nicht weit von der Müllhalde ihre Moschee errichtet. Wie sie mit feinem Ohr den Ruf des Muezzins empfangen, so versteht der Einsiedler im Wohnwagen gewisse Signale von oben, die ihm einen eiligen Aufstieg befehlen.
Es kommt nämlich mitunter frische, verderbliche Ware, vor der ein Gedanke an die Verschwendungsbürokraten zu Brüssel sich aufdrängt. Bis hin zu frischen Seefischen sei das, sagt der Benno, bereits gegangen. Da sei er zum nächsten Telephon gerannt, so viele Spezel wie möglich zu rufen. »Des sag'' ich dir, der Fisch war schwer in Ordnung, mir ham g''fressen und g''fressen!«
Schon wahr, sie wirft weg, die Gesellschaft. Das schuldet sie sich, ihrer Produktivität, ihrem Preisgefüge. Aber manchmal entledigt sie sich ihrer vorletzten Modelle so überstürzt, daß sich sogar ein Benno Koch darüber in genießerischer Entrüstung an den Kopf greifen muß. Denn er sei, pflegt er zu sagen, »ein guter Kerl, fast ein Depp«.
Was also findet er da in den Brusttaschen tadelloser Anzüge? Mitunter gefaltete Geldscheine, die sogar gelten. Wie soll er sich da eine Hochachtung vor den Wegwerfenden erhalten?
Über seinem Bett im Giftshop hängen Textilien wie beim Second-hand-Gewerbe. Mädchen aus der Szene der Alternativen, die sich etwas Fummeliges S.227 schuldig sind, kommen beim Benno Koch an die richtige Adresse. »Du, Benno«, sagt eine, »ich bräucht'' nen Pelz, schwarz, wenn''s geht.«
Dabei stillt sie neben seinem Ölofen ihren Säugling, und der Benno macht Stielaugen, weil er so ein Alternativer, wie sie vielleicht meint, doch wieder nicht ist. Dann wühlt und wählt er über dem Schlafplatz. Sie kriegt ihren Fummel, und schwarz ist er auch. Fast so etwas, wie sich die feineren Bürgersfrauen jetzt wegen des Understatements schon wieder wünschen. Und der Benno will dafür 50 Mark.
Eine aus der Szene der Alternativen hat ihn in einem Photobuch dargestellt, ziemlich verklärt. Von einem Vermögen, auch Halsketten ist die Rede, davon, daß er für circa 60 000 Mark Werte am Berg gefunden habe. Ein Verlag der Alternativen hat das gedruckt.
( Susanne Klippel: »Mit Schwund muaßt ) ( rechnen!«; Verlag Blatt GmbH, München; ) ( 64 Seiten; 9 Mark. )
Das Leben zu Füßen des stinkenden Berges gilt nun vielen Grünen für Idylle: ein Paradies des Abraums, das ordentlich zu begrünen schon eine Sünde wider die Romantik schiene.
Auch allerlei betuchten Burschen ist das Buch in die Hand gefallen. Die haben sich in ihre teuren Schlitten gesetzt und sind hin zu dem Giftshop, eine möglicherweise dort verborgene Trouvaille zu erhaschen. Benno Koch hat es geschmeichelt, sogar einen Mercedes 450 vor seiner Tür zu sehen. Leute nach Gegenständen zu bewerten, hat er nicht verlernt auf seiner, der anderen Seite des Überflußkarussells.
Einen Mann mit Luxuswagen respektiert er, als könne der sein Fahrzeug demnächst in der Nähe wegwerfen. An einem Mann mit ersichtlich gediegener Kleidung prüft er mit Daumen und Zeigefinger Stoff oder Leder, kommt dann vernehmlich zu dem Resultat, so was habe er auch schon vom Berg geholt und über seinem Bett geborgen: »Wetten, daß ich für dich was hätt, aber scho ganz was Schönes?«
Kann sein, auf dem Umweg über den Abfall gewinnt er sich die Sympathie von ganz München, das bereits Timofej, einen russischen Eremiten, für unentbehrlich erachtet, seit er sich gegen alle Bürokratie am Olympia-Gelände aus Abfällen ein Kloster erbaute.
Vorerst wollen die Leute freilich einen kundigen Blick auf den von Benno gefundenen Schmuck tun. Vielleicht ist da ja doch ein verkanntes Juwel darunter? Das hätten die Leute von der Wegwerf-Society natürlich gern wieder. »Jetzt laß erst amal an Zwanzger herfahrn«, sagt der Benno listig. Das, sagt er, täte ihn einstimmen.
Anschließend öffnet er umständlich seinen Schatzkasten. Der ist voll von funkelnden Perlen aus Plastik. Da verlassen ihn die Besucher und wirken zufrieden. Es ist ihnen lieber, daß man so leicht eben doch nicht das große Los aus dem Dreck zieht.
S.227Susanne Klippel: »Mit Schwund muaßt rechnen!«; Verlag Blatt GmbH,München; 64 Seiten; 9 Mark.*