NOBELPREIS Perse-Verse
Fünf- oder sechsmal, bekannte der englische Literatur-Nobelpreisträger von 1948, Thomas Stearns Eliot, habe er im Jahre 1930 ein in freien Versen gesetztes Gedicht von Saint-John Perse gelesen. Die Lektüre verlange die »fundamentale Verstandesarbeit eines Rechtsanwalts, der eine wichtige Entscheidung über einen komplizierten juristischen Fall prüft«.
Einer ähnlichen Verstandesarbeit haben sich die Mitglieder der Schwedischen Akademie, die in der vergangenen Woche dem Dichter Saint-John Perse (SPIEGEL 37/1957) den Literatur-Nobelpreis zuerkannten, in diesem Jahre nicht wieder zu unterziehen brauchen. Der - nach eigener Angabe 71jährige - französische Lyriker Saint-John Perse, als Botschafter a.D. einstweilen letztes Glied der ruhmreichen Kette französischer poètes-ambassadeurs die von Stendhal über Valéry, Giraudoux und Claudel reicht, stand schon seit Jahren auf einem der vordersten Plätze unter den Kandidaten für den gegenwärtig noch immer prominentesten Literaturpreis der Welt.
Da aber die rund 225 000 Nobel-Kronen immer und immer wieder über seinen Kopf hinweg und nach verbreiteter Ansicht nicht immer nach Verdienst gereicht wurden (1955 an Laxness, 1956 an Jiménez, 1957 an Camus, 1958 an Pasternak, 1959 an Quasimodo), hatten sich zumindest die französisch-sprechenden Literaten zu einer Art Hilfsaktion zusammengefunden: Im Jahre 1959 wurde dem Lyriker auf der IV. Internationalen Dichterbiennale der Große Internationale Dichterpreis in Höhe von 100 000 belgischen Franc (8400 Mark) zuerkannt, den er annahm; im Herbst dieses Jahres verliehen ihm 530 französische Autoren den Titel eines »Dichterfürsten«, den er allerdings ablehnte, da er sich zu diesem Titel überhaupt nicht berufen fühle.
Wirklich hat sich Saint-John Perse - bürgerlich: Marie-Rene Auguste Alexis Saint-Léger Léger - öffentlich schon immer gegenüber seinen Versen sehr reserviert geäußert. Der auf einer Antillen-Insel, dem Familienbesitz Saint-Léger-les-Feuilles, geborene Leger, examinierter Jurist und Mediziner, profunder Sinologe und nach steiler Karriere prominenter Berufsdiplomat des Quai d'Orsay, behauptete seinem Ministerpräsidenten Poincaré gegenüber, seine Gedichte seien das Produkt einer Wette. Er habe beweisen wollen, daß man irgend etwas dichten und dafür einen Verleger finden könne. Tatsächlich untersagte Léger nach dieser Unterhaltung 1925 jede weitere Veröffentlichung seiner Verse und blieb Jahre hindurch, während er dem französischen Verständigungs-Außenminister Briand als »Chef de cabinet« diente, bei seinem Entschluß.
Eine ähnliche, Konsequenz bewies Léger - das Pseudonym Perse soll nach Meinung einiger Kritiker die Vorliebe Légers für den römischen Satiriker Persius dokumentieren - bei seinen politischen Geschäften. In den Abendstunden des 17. Mai 1940 wurde er - zu Unrecht - von Reynaud seines Postens als Staatssekretär enthoben, weil er »aus eigener Initiative unsere diplomatischen Archive verbrennen ließ« (Reynaud). Als die französische Regierung die offensichtlich ungerechtfertigte Entlassung gutzumachen versuchte, indem sie Leger den Botschafterposten in Washington anbot, lehnte Leger ab: »Ich habe ein Recht auf die Wohltat einer vollkommenen Ungerechtigkeit.«
Nach Washington ging er trotzdem, wo ihm der Schriftsteller Archibald Mac-Leish ("Spiel um Job"), damals Direktor der Kongreßbibliothek, einen wohldotierten Beraterposten verschaffte. Pétain bürgerte den Emigranten aus und ließ ihn von der Liste der Ehrenlegionsritter streichen. Erst nach dem Krieg wurde Léger rehabilitiert; er erhält seitdem - trotz unverhohlener Gegnerschaft zu Charles de Gaulle - von der französischen Republik sein Botschaftergehalt.
Protektor MacLeish war es auch, der den großzügigen Ton und die umfassenden Inhalte von Legers Verswerken ("Anabasis«, »Winde«, See-Marken"), in denen ohne jede Angabe über Ort und Zeit der Handlung große Menschheitsbewegungen und -katastrophen beschrieben sind, mit drei Kindheitserlebnissen des Dichters auf der heimischen Familien-Insel erklärt: Der Knabe Alexis - sein Biograph Mauride Saillet behauptet, er sei nicht 1889, sondern 1887 geboren - wurde von einem Zyklon in die Luft gehoben; er sah, wie ein anderer Wirbelsturm einen Dampfer auf die Insel warf; und er wurde - als seine Eltern abwesend waren - von den Eingeborenen einen Tag lang geschmückt und als Gott verehrt, der Kranke heilen könne.
Hugo von Hofmannsthal hielt die Verse von Perse, die er eine »dunkle und gewaltsame Selbstbezauberung durch die Magie der Worte und Rhythmen« nannte, für schlechthin unübersetzbar, »Die Übersetzung kann in solchen Fällen keine andere Rolle spielen als die eines sehr genauen, gewissenhaften Referats.«
Diese These hat aber weder Rilke noch Walter Benjamin, Rudolf Kassner und Eliot davon abgehalten, Verswerke von Perse aus dem Französischen zu übertragen. In den vergangenen Jahren sind zwei Bände von Perse-Versen in deutscher Sprache erschienen.*
Auch der Schwedischen Akademie lag eine authentische Übersetzung vor. Am Tag des Nobel-Entscheids wurde in Paris bekanntgemacht, der Uno-Generalsekretär und Rilke-Verehrer Dag Hammarskjöld habe einer Buch-Veröffentlichung seiner Perse-Übersetzungen ins Schwedische zugestimmt.
* Saint-John Perse: »Dichtungen«; 464 Seiten; 26,80 Mark; »See-Marken«; 276 Seiten; 24 Mark; beide im Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt.
Nobel-Poet Saint-John Perse
Dichten als Verstandesarbeit