Beuys Pfeffer drin
Seit seinem 42. Geburtstag am 16. Januar besitzt Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Johannes Rau ein sinniges Kunstobjekt. Aus Freundeshand empfing er ein Holzkistchen, das der Ideenwerkstatt des Professors Joseph Beuys entstammt und in unbegrenzter Auflage zum Stückpreis von zwölf Mark gehandelt wird. Titel: »Intuition«.
Seine eigene Eingebung in Sachen Beuys scheint den Politiker freilich fehlgeleitet zu haben. Ihr folgend, wollte er im Oktober 1972 den Akademielehrer fristlos entlassen; doch am letzten Mittwoch hob das Düsseldorfer Arbeitsgericht diese Verfügung wieder auf.
Während Rau nur als zähnebleckende Marionette, von Beuys-Anhängern vorgeführt, im Gerichtsgebäude gegenwärtig war, wohnte Beuys selbst der Verhandlung bei.
In ein lindgrünes Wams gekleidet und ausnahmsweise barhaupt, verfolgte er den erregten Anwalts-Disput, in dem die Vorwürfe der »Sittenwidrigkeit«, der »Unwahrheit«, »irrer Behauptungen« und »rüder Ausdrucksweise« hin- und hergingen - auch das Indizien dafür, wie tief sich zumindest Beuys von dem Verfahren betroffen fühlte.
Der nunmehr 51jährige Künstler vom Niederrhein ist nicht wie andere. Mit Objekten und mit Ritualen, die gleichermaßen auf Magie wie Technik anspielen, ist er seit einiger Zeit zu derartigem Ruhm gelangt, daß er von Händlern in New York sogar als ein »Messias« ersehnt wird.
Die wichtigere Kunstausübung aber erblickt Beuys längst in seiner Lehrtätigkeit - auch solche Menschen-Bildnerei rechnet er zur »Plastik«. Für dieses Fach ist er seit 1961 an der Akademie in Düsseldorf engagiert, und seine pädagogischen Fähigkeiten haben zum Renommee des Hauses entscheidend beigetragen.
Der Obrigkeit freilich ging Beuys, der sich mit einer Privatuniform aus Filzhut, Windjacke und Jeans viel überflüssige Vorurteile eingehandelt hat, erheblich auf die Nerven. Nach den ersten Happenings hatte er »gleich den Pfeffer in meiner Personalakte drin« (Beuys).
Den Mit-Professoren, die ihn anfangs deckten, wurde er mit der erstarkenden Studentenbewegung lästig: Er beschirmte die Aufsässigen und ließ immer mehr herein. Denn im Numerus clausus sieht er den Inbegriff des Antidemokratischen, das er auch durch seine neueste »Plastik«, eine rührend handgestrickte »Organisation für direkte Demokratie«, bekämpft. Er ging den Dämon mit dem Heldenmut Don Quijotes an, aber geschickter.
»Beuys macht's möglich«, staunte 1971 die »Welt«, als der Professor mit abgewiesenen Studienbewerbern im Hochschulsekretariat demonstriert, allen die Aufnahme in seine Klasse angeboten und sich so durchgesetzt hatte.
Ein Jahr später gab es wieder mehr Aspiranten als Studienplätze. Beuys, der eine Selektion nach Arbeitsproben grundsätzlich verwirft und dafür Probesemester praktiziert, machte wieder seine Klassentür weit auf - obwohl er schon 270 Schüler (Durchschnitt pro Lehrer: etwa 30) hatte. Wieder zog er, Studienbücher heischend, mit rund 60 Bewerbern zum Sekretariat.
Minister Rau jedoch, als Dienstherr der (im Unterschied zu den Universitäten nicht autonomen) Akademie, stellte »Hausfriedensbruch« fest, schickte Polizei und die Kündigung für Beuys - zu Unrecht, wie das Gericht jetzt auf die Klage des Gefeuerten entschied. Die Begründung steht allerdings noch aus, der Minister legte Berufung ein.
Soviel eine offizielle Rückkehr an seine Wirkungsstätte (verbunden mit einer Gehaltsnachzahlung von 2980,58 Mark brutto je Monat) für Beuys bedeuten mag - »präsent« war er dort auch im nunmehr abgelaufenen Semester. Zehn Beuys-freundliche Akademieprofessoren, etwa ein Viertel des Lehrkörpers, hatten einen »Klassenverbund« unter Einschluß der Beuys-Schülerschaft gegründet und den Verbannten regelmäßig ins Haus gelassen.
Freilich ließ sich der mit Akademie-Lehrverbot belegte Beuys ("Ich bin ja auch einigermaßen raffiniert") nicht beim Lehren ertappen: In der Hochschule habe er sich mit den Kollegen verständigt, außerhalb aber »meine Studenten intensiv betreut«. Der Minister übte, stillschweigend, Toleranz.
Das war wohl auch das klügste. Denn abgesehen vom ungewissen Ausgang des Rechtsstreits, mußte Rau auch noch mit einer widrigen Protestwelle fertig werden; zum Beispiel schlug sich eine internationale Kulturprominenz von Heinrich Böll bis Henry Moore demonstrativ auf die Seite des Künstlers.
In dieser Situation ging Rau noch weiter: Durch Mittelsmänner kamen Verhandlungen über ein Beuys-Lieblingsprojekt in Gang, eine sogenannte »Freie Internationale Schule für Kreativität, Kommunikation und interdisziplinares Gespräch«.
Die Landesbeamten, offenbar bereit, für dieses weithin vage Modell eine Messehalle von der Stadt Düsseldorf anzumieten' konnten ihm aber keine Gleichberechtigung mit staatlichen Akademien (und folglich keine Chancengleichheit für künftige Studenten) in Aussicht stellen. Beuys, logisch, war an einem »Spielgarten« nicht interessiert »dann schon lieber ein bißchen Altenkreativität«.
Der Künstler-Professor aber, zäh und bisweilen sogar verblüffend flexibel, hat seine »Freie Schule« noch lange nicht begraben. Gleich nach seinem Prozeßerfolg lud er schon wieder Mitarbeiter zu einschlägigen Beratungen.
Sein Nahziel Ende letzter Woche hieß allerdings: »Erst mal ein Fest anberaumen.«
* Mit Rau-Marionette im Düsseldorfer Arbeitsgericht.