HENZE-PREMIERE Pfiffe vom Rang
In der Theaterpause erhob sich die Choreographin Tatjana Gsovsky von ihrem Logenplatz in der »Städtischen Oper«, packte mit der Linken ihre Nerzstola und eilte die Treppen hinauf in den dritten Rang. Es war Premiere der Oper »König Hirsch« von Hans Werner Henze; Westberliner Zeitungen hatten die Oper als den »Höhepunkt« der Berliner Festwochen angekündigt. Vom Rang aus wies die Gsovsky mit pathetischer Gebärde hinunter zur Bühne und rief: »Ich liebe das alles! Ich knie nieder, daß es das gibt!«
Mit diesem schwungvollen Bekenntnis wollte die Gsovsky in letzter Minute die Fortsetzung eines Theaterskandals verhindern, der sich, nach Ansicht des Westberliner »Tagesspiegel«, »würdig den bedeutendsten in der Theatergeschichte verzeichneten Krachs anreiht«. Im dritten Rang des Opernhauses hatte sich nämlich eine zwar kleine, aber gut aufeinander eingespielte Gruppe junger Leute versammelt, der es offensichtlich darauf ankam, aus der Premiere der Henze-Oper einen Skandal zu machen.
Die Opponenten unterbrachen bereits die ersten beiden Akte mit Gelächter, Zwischenrufen und gellenden Pfiffen auf Trillerpfeifen und Hausschlüsseln. Zwischen Henzes Verteidigern im Parkett und der lärmenden Gruppe im dritten Rang entwickelten sich erregte Dialoge, in deren Verlauf die Worte »Flegel« und »Idiot« ziemlich oft benutzt wurden. Die Aufforderung aus dem Parkett: »Schmeißt die Kerle raus«, wurde vom dritten Rang aus beantwortet: »Wir haben ja bezahlt.« Als mit fortschreitender Handlung auf der Bühne sogenannte »Stimmen des Waldes« dem König den Eintritt in den Wald mit dem Zuruf verwehrten: »Wir haben es dir gleich gesagt, es hat keinen Sinn«, gab es im Rang brüllende Zustimmung.
Auch die Intervention der Tatjana Gsovsky konnte den Tumult nicht bremsen. Sogar als das Ensemble nach dem Schluß des Stückes den polemisch-heftigen Beifall des Premieren-Publikums entgegennahm - zwischen den Sängern aufgereiht der Komponist Hans Werner Henze, der Dirigent Hermann Scherchen, der Regisseur Leonard Steckel, der Bühnenbildner Jean Pierre Ponnelle und der Opernintendant Carl Ebert -, schallte von oben noch der Sprech-Chor »Henze raus!«
Die Demonstranten, die sofort verstummten, wenn die übrigen Mitwirkenden sich ohne Henze zeigten, wollten ihr Opfer allein vor den Vorhang rufen. Als Henze schließlich erschien und in gutsitzendem Frack wie ein Ringkämpfer nach dem Fight zum Rang empor winkte, sprang ihm sofort der Intendant Ebert bei und applaudierte kräftig. Bereits vor der Aufführung hatte Ebert geäußert: »Ich glaube an den Komponisten und an seine Aussage; denn sie ist ehrlich.« Ebert hatte die Sänger angewiesen, auf der Bühne dem Komponisten zuzuklatschen. Den beiden Herren auf dem Podium rief der Sprechchor zu: »Wir wollen Lohengrin!«
Trotz aller Hartnäckigkeit konnten die jugendlichen Demonstranten nicht verhindern, daß die abendfüllende Oper »König Hirsch« beim Publikum und bei der Fachkritik einen sensationellen Erfolg hatte. Ein internationales Publikum applaudierte 25 Minuten lang und rief die Mitwirkenden 53mal vor den Vorhang. Heinz Joachim, der Musikkritiker der »Welt«, stellte seinen Lesern die Frage, ob nicht mit dieser Premiere eine »Wiedergeburt der Oper« beginne. In jedem Fall sei die Musik durch diese Premiere »an einem entscheidenden Wendepunkt angelangt«. Professor Hans Heinz Stuckenschmidt konstatierte in der »Süddeutschen Zeitung«, Henze habe »eine Meisterschaft und Weite des künstlerischen Horizontes erreicht, die ihn an die Spitze seiner Generation stellt«. Der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« berichtete Ernst Thomas, Henze habe seine künstlerischen Absichten »mit unbeschreiblicher Phantasie und einer ausgesprochen dramatischen Verve verwirklicht«. Werner Oehlmann applaudierte im »Tagesspiegel": »Hier ist einmal wieder eine Partitur, die Gewicht hat.«
Der heute dreißigjährige Henze, der seit 1952 in Italien lebt und seine neapolitanische Wohnung mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann teilt, hat mit dieser Oper einen Plan vollendet, mit dem sich schon Johannes Brahms beschäftigt hatte: Er hat ein Libretto vertont, das auf Motiven des von dem Italiener Carlo Gozzi dramatisierten Märchens vom »König Hirsch« basiert. Es geht dabei um einen König, der seinen Thron einem bösartigen Statthalter überläßt und für eine Zeitlang - in einen Hirsch verwandelt - im Walde lebt, bis er von dort aus seine Untertanen von der tyrannischen Herrschaft des Statthalters befreit. Die Fabel ist mit einer Liebesgeschichte zwischen dem König und einem braven Mädchen durchsetzt, außerdem wird die Bühne von allegorischen Personen oder Märchenwesen, aber auch von clownartigen komischen Figuren bevölkert. »Inspirationsquellen«
Dem nach Gozzis Text von Heinz von Cramer angefertigten Libretto - Cramer: »An eine bloße Übersetzung war nicht zu denken« - wurden von der Kritik »poetische sprachliche Formulierungen«, aber auch »erschreckende Plattheiten« nachgesagt. Für seine Musik hat Henze nach eigenem Eingeständnis als »Inspirationsquellen« die Komponisten Bellini und Rossini benutzt. Die Kritik entdeckte außerdem die »Spuren Anton von Weberns« ("Der Tagesspiegel") und »romantische Motive« ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"). Die »Süddeutsche Zeitung« fand obendrein: »Die Anklänge sind vielfältig, sie reichen von 'Don Giovanni' (Mozart) und vom neapolitanischen Volkslied bis zu ,Wozzek' (Berg), 'Salome' (Richard Strauß) und 'Sacre du Printemps' (Strawinsky).«
Ohne Zweifel ist die neueste Oper des bereits hochdekorierten Komponisten* - er schrieb bisher unter anderem drei Symphonien, ein Klavierkonzert, ein Cellokonzert, neun Ballette, zwei Funkopern, zwei Opern und Kammermusik - von seinem Aufenthalt in Italien beeinflußt. Henze formuliert das so: »Ich war in eine antikische Welt geraten, eine Landschaft, aus der das Leben des Menschen heraustritt und in die es zurückgeht ohne Fehl.«
Henzes auf 725 Seiten angeschwollene Partitur, an der er dreieinhalb Jahre gearbeitet hatte, war in Berlin um fast ein Drittel auf eine dreieinhalbstündige Aufführungsdauer zusammengestrichen worden: Ungekürzt hätte die Aufführung länger als fünf Stunden gedauert und womöglich auch die Geduld des wohlwollenden Publikums überfordert.
Der demonstrierenden Gruppe im dritten Rang ging es aber ohnehin weniger um die Oper als um den Komponisten. Die jungen Leute waren fest entschlossen, mit ihren Hausschlüsseln gegen Hans Werner Henze anzugehen, weil dieser Komponist für sie das avantgardistische Element in der Musik symbolisierte. Bei ihrem Plan, unter allen Umständen zu protestieren, störte sie auch nicht, daß sie die Aufführung einer Oper - »Lohengrin« - forderten, deren Komponist, Richard Wagner, von seinen Zeitgenossen noch viel heftiger abgelehnt worden war.
So tapfer die jungen Leute zusammenhielten und so hartnäckig sie noch Stunden nach der Premiere vor dem Portal der Oper ihre Proteste fortsetzten - gerade die Starrheit ihrer Strategie brachte ihnen eine üble Blamage ein. Sie hatten im Eifer des Gefechtes überhört, was auf der Bühne geschehen war: Henze hatte in seiner Oper »König Hirsch« eine radikale Wendung vollzogen: Schrieb Ernst Thomas in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung": »Der dreißigjährige Hans Werner Henze, einer der führenden Köpfe der musikalischen Avantgarde, hat eben dieser Avantgarde den Rücken gekehrt.« Heinz Joachim äußerte sogar in der »Welt«, es könnten »die Akademiker des unentwegten Fortschritts dem Komponisten (Henze) Fahnenflucht oder Verrat vorwerfen ...«
* 1951 Robert Schurmann-Preis(Düsseldorf); 1953 Prix Italia; 1956 Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen.
»König Hirsch«-Premiere* in Berlin: »Abkehr von der Avantgarde«
Komponist Henze
»Wir wollen Lohengrin«
* Szenenbild aus der »Stadtischen Oper": rechts Tenor Sandor Konya In der Titelrolle als König Hirsch.