Kino Phantom Afrika
Eine Wahnsinnsgeschichte; eine Liebesgeschichte; die Geschichte einer Frau, die sich ein Mann ausgedacht hat; Figuren, deren Verhalten scharf umrissen ist und deren Antriebe oder Ziele doch seltsam ungreifbar bleiben - das macht den Sog des Romans »The Sheltering Sky« von Paul Bowles aus. Das sei gar kein Buch über Menschen, hat der Autor später abwehrend gesagt, sondern ein Buch über die Wüste. Das Geheimnis der Wüste besteht darin, daß nichts dahinter ist.
Im Kino beginnt die Geschichte mit dem Blick auf eine Hafenmauer und das Meer dahinter, das in glühendem Mittagslicht liegt. Nacheinander schieben sich drei Köpfe über die Mauer hoch, um einen ersten Blick auf die Welt zu richten, die sie entdecken wollen. Das sind, soeben in Nordafrika gelandet, die drei Reisenden aus New York, die Wert darauf legen, keine simplen Touristen zu sein. Ihr Gepäck ist beträchtlich, der Tropenhelm fehlt nicht, und sie quartieren sich erst einmal im »Grand Hotel« ein. Sie sind, was man damals - die Geschichte spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg - Bohemiens nannte, Überdruß an der Zivilisation mag sie in die Fremde getrieben haben: Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal.
Kit und Port Moresby - sie Schriftstellerin, er Komponist, beide nicht recht erfolgreich - sind ein Paar, dem im Lauf von zehn Ehejahren die eigene Nähe schwierig geworden ist, die Wechselwirkung von Zuneigung und Abhängigkeitsqual, deshalb brauchen sie den Dritten, der sich ihrer Reise angeschlossen hat: Er stellt ihre Intimität her, indem er sie stört. Dieser Dritte namens Tunner ist ein bißchen zu neugierig, ein bißchen zu sehr hinter Kit her (einmal, in einer beschwipsten Nacht, kriegt er sie auch ins Bett), doch er ist angenehm, fürsorglich und trägt eine Weile mit Fassung, daß irgendwann im Fortgang der Reise der Nachschub an Dom Perignon ausgeht. Dann bleibt er zurück.
Daß die Geschichte dieses Paares im Treibsand, das Versteck- und Verlockspiel auf gefährlichem Gefühlsgelände Bernardo Bertolucci auf Anhieb fasziniert hat, als er den Bowles-Roman vor ein paar Jahren las, liegt auf der Hand: Es ist das Terrain seiner Obsessionen. Und nun, im Kino, entfaltet sich noch einmal das raffinierte, morbide Reizklima, das den »Konformisten«, den »Letzten Tango« oder »La Luna« so besonders gemacht hat, die schwindelnde Vieldeutigkeit der Bilder.
Der suggestive Bertolucci-Blick verwandelt noch das schmuddeligste Hotelzimmer in einen Seelen-Innenraum, baut aus Spiegeln und Durchbrüchen, Licht und Dunkel Labyrinthe und zieht Debra Winger und John Malkovich in Bereiche der Schauspielerei, wo die Nerven schmerzhaft bloßliegen. Nur was weh tut, ist wahr. Es sind labile Figuren, wie so oft bei Bertolucci, unentschieden und beinahe mit Hingabe bereit, sich von den Umständen, in die sie geraten, verschlingen zu lassen.
Port ist der Treibende der Unternehmung, er bringt Kit nach Afrika, wo er schon früher war, und in ihrem Schlepptau Tunner. Ob Port auf der Flucht vor sich ist oder auf dem Weg zu sich, ob er das ganz andere sucht, eine andere Sexualität, Urmutter Afrika mit dem Riesenschoß, in dem man sich bergen kann, oder eine Prostituierte in einem Nomadenzelt vor der Stadt, und auf welches Heil er hofft, falls er hofft - er weiß nur: Er will die Wüste erfahren. So geht die Reise, anfangs zu dritt, dann zu zweit, mit immer mühsameren Transportmitteln tiefer und tiefer hinein in die Sahara, ins immer Schwärzere, immer Blendendere, in einen Alptraum. Etwas Besseres als den Tod findet Port nicht, und sein Typhus-Ende in einer Art Abstellkammer auf einer Fremdenlegions-Festung ist ein fürchterliches Krepieren.
Bertolucci hat - nach dem monumentalen Abenteuer des »Letzten Kaisers« und vor dem großen Buddha-Film, den er plant - eine kleine, intime Geschichte drehen wollen. Ein intimer Film ist »Himmel über der Wüste« geworden, aber kein kleiner, dafür ist die Wüste zu groß. Nur ruckweise kommt die Erzählung manchmal voran, dem Zerreißen nah, gezeichnet von der Erschöpfung, die das Drehen gekostet hat, und schafft es dann doch (durch die Kamera von Vittorio Storaro), daß die Wüste immer schöner wird, immer riesiger, immer unglaublicher.
Für Kit, als hätte mit Ports Tod sein süchtiges Fieber, sein Der-Wüste-Verfallensein auf sie übergegriffen, gibt es kein Zurück. Sie stapft weiter durch den Sand, wird von einer Karawane mitgeschleppt, vergewaltigt, in Beduinengewänder vermummt und findet vielleicht, eingekerkert als geheime Geliebte im Haus eines sanften Schwarzen, was Port gesucht haben mag: das Glück, sich vernichten zu lassen, stammelnde Lust, Erlösung von sich selber, das Delirium des freien Falls.
1947 sind Jane und Paul Bowles - sie Schriftstellerin, er Komponist, beide nicht recht erfolgreich - nach Tanger gekommen, und der Roman »The Sheltering Sky«, den er damals dort schrieb, sein erster, ist gewiß auch eine Phantasie über sie beide, über die Paradoxie ihrer Liebe. Bertolucci nun hat, sehr gekünstelt, den fast 80jährigen Bowles, diesen fatalistischen Dandy, der noch immer in Tanger lebt, als stummen Beobachter in die Eröffnungsszenen des Films hineingesetzt, und am Ende führt er den Romanautor und die Kinofigur Kit noch einmal zusammen, als könnten die beiden einander retten. Es ist ein Trug-Schluß, aber das waren Bertoluccis Filmschlüsse schon oft, Rückzüge, Auflösungen ins Unwirkliche, um keinen Punkt setzen zu müssen.
Urs Jenny