FERNSEHEN / Telemann PHANTOMIME
Fernsehzuschauer (West), die vermöge besonderer geistiger und geographischer Vergünstigungen befähigt sind, Sendungen des Deutschen Fernsehfunks (Ost) als einstweiligen Ersatz für ein zweites TV-Programm zu betrachten, wurden in der vergangenen Woche Zeugen eines Ereignisses, das sich »Endspurt im Ernterennen« betitelte und mit eindrucksvoller Regelmäßigkeit der Unterhaltung, der Belehrung und dem Gedanken des Radsports diente.
Kaum waren die Jubelfeierlichkeiten für das zehnjährige Stalinstadt im Äther versickert, die Filmfestspiele in Karlovy Vary (Karlsbad) abgespult, die Mozart-Arien im Schlosse Sanssouci verklungen, da erscholl aus dem Lautsprecher das fröhliche Tackern eines Genossenschaftsmähdreschers, und im Filmbild erschienen: Agronomen und Feldbaubrigadiers, freiwillige Helfer aus der Nationalen Volksarmee und sowjetische Freunde - alle nicht faul, nein, erkennbar bemüht, die Ernte eines verregneten Sommers zu bergen.
War dieser Vorspannfilm zu Ende, trat - im Studio Berlin-Adlershof - der Kollege Höschel in Erscheinung, präsentierte sich, jovial sächselnd, als »Ernte-Rennleiter« und gab, soweit sein guter Ernährungszustand dies gestattete, den Blick auf eine vereinfachte Grundrißzeichnung der Rennbahn »Sachsenring« frei.
»Cottbus immer noch an der Spitze!« kündete er aufgeregt. Oder: »Wie beim Sieg von 'Ecke' und 'Täve'* heißt das Geheimnis dieser Erfolge: sozialistische Gemeinschaftsarbeit. Und jedesmal, wenn ein Bezirk melden konnte, daß er dem Wettermacher »Bähdruß« (Petrus) ein Ernte -Schnippchen geschlagen habe, ließ Kollege Höschel dasjenige Radrennfahrer-Figürchen, das diesen Bezirk graphisch versinnbildlichte, eins vorrücken. Als Siegespreise winkten: 20 000 Ost-Mark (für vollständige Erfüllung des Staatsplans) sowie eine Fernsehveranstaltung in dem Bezirk, dessen Landvolk die größten Anstrengungen vollbracht hat.
Telemann verfolgte den Wettstreit mit Spannung, jauchzte, als Leipzig und Potsdam, »mächtig in die Pedale tretend«, den »Spitzenreiter Cottbus« bedrohten (Höschel: »Das erhebt doch den Menschen"), und bejammerte die Mannschaft von Pasewalk (Neubrandenburg), deren Kondition zu ernster Sorge Anlaß gab.
Leider konnte er, aus kapitalistischer Ferne, nichts Aufmunterndes beisteuern; im Gegensatz zum evangelischen Pfarrer Rosenberg aus Demmin an der Peene ("In der gemeinsamen Bewirtschaftung der Flächen ist ein neues Ethos entstanden") oder dem Mitglied des Zentralkomitees der SED Horst Sindermann, das da versicherte: »Wir ... Parteiapparate
... sind seit Tagen auf den Beinen, um Ihnen alle Hilfe zu geben. Glauben Sie nicht, daß unsere Position einfach ist.«
Jedoch: Weder solches Tribünen -Stimulans noch die Aussicht auf einen bunten Fernseh-Abend vermögen Genossenschaftsmatadore derart anzustacheln, daß sie sämtlichen Unbilden einer Schlechtwetter-Ernte Trotz bieten. Weshalb der Deutsche Fernsehfunk (Ost) eine Konkurrenz ins Rennen schickte, die ihm zur Erweckung vorolympischen Sportgeistes am tauglichsten erschien: die Bundesregierung.
Hatten doch der Minister Schwarz und sein Helfershelfer Sonnemann das Bundesvolk jahrelang mit südamerikanischen Wühlmäusen und wurmstichigen Känguruhs gespeist, und war der Minister Strauß, laut Höschel, so bauernfeindlich gewesen, jedweden Erntebeistand seiner Bundeswehr mit den Worten zurückzuweisen: »Lassen Sie mich mit den g'scherten Muhackeln in Ruh'! Die Bundeswehr ist doch kein Fürsorge -Unternehmen!« Ein Ausspruch, der selbst intime Strauß-Kenner wundernimmt, wenn sie wissen, daß Bundeswehrsoldaten schon seit 1956 die Früchte des Feldes einheimsen helfen.
Und als des westlichen Deutschlands Agrar-Streiter angesichts all der Greuel schon völlig entmutigt schienen, versetzte ihnen der DDR -Staatssekretär Koch: »Im westzonalen Landwirtschaftsministerium gibt es keinen Überblick über den Ablauf der Ernte.«
Gerade dies war auch für Telemann eine bittere Erfahrung. Wo er doch während des ganzen Fernseh -Rennens mit dem Gedanken gespielt hatte, in Berlin-Adlershof (64 20 21) anzurufen und ein wenig mit den Erfolgsprozenten seiner West-Bauern zu protzen. Indes - das Statistische Bundesamt bestand darauf, seine Ernte-Übersicht erst nach der Ernte zu veröffentlichen.
So muß sich denn, was bislang nur Vermutung war, zu der Gewißheit verdichten: Die Bundeslandwirtschaft ist dieses Rennen gar nicht mitgefahren.
Wenn also die Radler-Kollegen von den LPGs »Florian Geyer« oder »XXI. Parteitag« hinter sich jenes bekannte Keuchen vernommen haben, das auf das Herannahen eines besonders gefährlichen Verfolgers hindeutet, so war das möglicherweise eine Halluzination, keinesfalls aber der Bundesernährungsminister Schwarz. Dieser nämlich saß derweil in Bonn, las, was über ihn verbreitet wurde, und freute sich, daß er, infolge der ungünstigen Witterung, auch mal ein bißchen ins Gerede kommen durfte.
Merke: »Ihr sprecht immer so viel vom Siegen. Gegen uns kämpft doch keiner.« (LPG-Bauer Scharf aus Droyßig. Kreis Zeitz, in einer Diskussion).
* Spitznamen der DDR-Amateur-Radrennweltmeister Eckstein ("Ecke") und Schur ("Täve").