Piep - DER SPIEGEL
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SHAW-ALPHABET Piep

• aus DER SPIEGEL 49/1962
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im renommierten englischen Taschenbuch-Verlag »Penguin Books« erschien vorletzte Woche ein Buch, das zur Hälfte in einer exotisch anmutenden Schrift gedruckt war. Auf den ersten Blick mochten die bazillenähnlichen Lettern an orientalische Buchstaben erinnern - tatsächlich sollten sie keine andere als die den Insulanern vertraute Landessprache wiedergeben.

Das durchaus für englische Leser bestimmte Buch - Shaws Schauspiel »Androcles and the Lion« ("Androklus und der Löwe") - war in dem sogenannten Shaw-Alphabet gedruckt, das nach dem Wunsch des 1950 verstorbenen irischen Dramatikers und Nobelpreisträgers das heute gebräuchliche lateinische Alphabet ersetzen soll.

Der Rationalist mit dem Rauschebart George Bernard Shaw hatte zeit seines Lebens bemängelt, daß namentlich die englische Orthographie Schreibern und Lesern, wie er fand, überflüssige Arbeit und unnötigen Zeitaufwand zumute. So wird beispielsweise das englische Wort »should« (sollte) aus sechs Buchstaben gebildet, während zu seiner Aussprache nur drei Laute benötigt werden: sch-u-d.

Solche Differenzen zwischen Rechtschreibung und Aussprache, um die sich die Mehrheit seiner Landsleute wohl kaum sorgte und sorgt, tadelte Shaw mit kuriosem Eigensinn als unvernünftige Buchstaben-Verschwendung. Die Idee beschäftigte ihn so stark, daß er sie schließlich sogar über den Tod hinaus fixierte: Testamentarisch bestimmte er einen Teil seiner Hinterlassenschaft zur Ausarbeitung eines neuen, phonetisch angepaßten Alphabets, das den Engländern Arbeit, Zeit und Papier ersparen sollte.

Um diesen letzten Willen des berühmten Sonderlings zu erfüllen, wandte der öffentliche Treuhänder des Shaw -Nachlasses - nach Erledigung einiger juristischer Querelen (SPIEGEL 10/1957)

- bis heute insgesamt 8300 Pfund (nach

heutigem Kurs: 93 000 Mark) auf. Shaws Schriftreform-Idee wurde 1957 als Wettbewerb ausgeschrieben, 500 Pfund wurden als Preis ausgesetzt.

Rund 450 Alphabet-Designer aus aller Welt beteiligten sich am Preisausschreiben. Sieger war schließlich der heute 74jährige englische Schriftzeichner Kingsley Read, der schon vor mehr als zwei Jahrzehnten mit Shaw über das Alphabet-Problem korrespondiert und Shaw einen Entwurf vorgelegt hatte.

Read setzte seine neuen graphisch vereinfachten Lettern - insgesamt 48 im wesentlichen aus geraden Strichen und Teilen von Ovalen zusammen. Read: »Ich habe mich bemüht, Platzverschwendung, wie sie die lateinischen Buchstaben 'm' und 'w' bewirken, zu vermeiden. Außerdem habe ich meine Buchstaben so einfach wie möglich gezeichnet, ohne Schnörkel.«

Sechzehn der achtundvierzig Read -Lettern bezeichnen Vokale oder Doppelvokale, an denen die englische Sprache besonders reich ist. Acht der neuen Schriftzeichen stehen für komplexe Laute wie »are« oder »or«. Die vier meistgebrauchten englischen Vokabeln, die durchschnittlich siebzehn Prozent aller englischen Texte ausmachen - »the« (der/die/das), »of« (von), »and« (und), »to« (zu) -, werden in Reads Shaw -Alphabet durch je ein Lautzeichen repräsentiert: der Lispellaut »th« steht für »the«, »v« für hof«, »n« für »and« und »t' für »to«.

Auch die Reihenfolge der Buchstaben hat Reformer Read verändert. Sein Alphabet beginnt nicht mehr mit a, b und c, sondern mit p, t und k. Gemäß den Buchstabiernamen dieser drei Lettern ist das Shaw-Read-ABC als »Peep (sprich: Piep)-tot-kick« zu bezeichnen.

Nachdem Kingsley Read das neue Alphabet nach jahrelangen Mühen zusammengebastelt hatte, wurde es von einem Phonetik-Dozenten der Universität Leeds, Peter MacCarthy, 50, zum ersten Male praktisch erprobt: MacCarthy transkribierte in zweimonatiger Abendarbeit Shaws Theaterstück »Androklus und der Löwe« ins phonetisch angepaßte Peep-tot-kick. Entsprechend Shaws speziellem letzten Willen legte er dabei die Aussprache des englischen Königs Georg V. zugrunde. MacCarthy: »Ich kannte sie und konnte sie auch auf Schallplatten studieren.«

Der Penguin-Verlag, der viele Werke Shaws in Taschenbuch-Ausgaben herausgebracht hat, druckte 40 000 Taschenbuch-Exemplare der Peep-tot-kick-Version von »Androklus und der Löwe«. Weitere 13 000 fest eingebundene Exemplare wurden, wiederum laut G. B. S. -Testament, kostenlos an Universitäten und Bibliotheken verschickt.

Zumindest die Papier-Ersparnis, die sich Shaw von der phonetischen Alphabet-Reform erhoffte, vermag das Penguin-Buch überzeugend zu demonstrieren: Der linksseitige »Androklus«-Abdruck in Read-Schrift nimmt lediglich zwei Drittel des Platzes ein, den die auf den rechten Seiten gedruckte traditionelle Version in lateinischen Lettern verbraucht. Schriftkünstler Kingsley Read: »Kein Wunder, jedes fünfte Wort eines normalen Textes besteht aus nur einem einzigen Laut.« Die Alphabet -Apostel Read und MacCarthy hoffen denn auch, daß Verlage und andere Firmen die kommerziellen Vorteile der neuen Schreibweise bald einsehen.

Transkribent Peter MacCarthy meint überdies, das Shaw-Alphabet sei auch leicht - für Erwachsene in wenigen Stunden - zu erlernen. Den englischen Schulkindern, behauptet der Phonetiker kühn, würde es ein bis zwei Jahre Unterricht ersparen. Auch für andere Sprachen könne das Shaw-Alphabet genutzt werden. MacCarthy: »Für Französisch habe ich es bereits versucht, und es klappte.« Read und MacCarthy wollen ihren Reformer-Optimismus jedenfalls an sich selbst bestätigt gefunden haben: Sie korrespondieren bereits miteinander in Peep-tot-kick.

Den Skeptikern unter seinen Landsleuten, die das ganze Unternehmen als intellektuelle Spielerei oder schlicht als Nonsens, möglicherweise aber auch als hinterlistigen Shaw-Streich ansehen und dem Shaw-Alphabet ("Sunday Telegraph": »Paralytiker-Stenographie") keine Zukunft geben, entgegnet Mac-Carthy: »Die römischen Ziffern sind auch nicht von heute auf morgen von den praktischeren arabischen verdrängt worden. Heute benutzt man die römischen nur noch zur Kapitel-Numerierung.«

Und: »Wenn sich unsere neue Schrift durchsetzt, so wird auch das wahrscheinlich Generationen dauern. Es ist durchaus denkbar, daß zum Beispiel die Inder sie früher übernehmen als wir.«

Alphabet-Reformer Read, MacCarthy*: Papier-Ersparnis in Indien?

* Vor Lettern des neuen Shaw-Read-Alphabets.

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