Pille nach Plan - DER SPIEGEL
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FLUGMEDIZIN Pille nach Plan

Die Lufthansa bietet jetzt einen neuen Service: einen Arznei-Terminkalender für Interkontinentaiflüge.
• aus DER SPIEGEL 31/1971
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die erste noch in Frankfurt ... die vierte hinter Hamburg. Zur achten sind wir bereits über dem Nordpol.« So leichtfüßig überspringen Zigaretten-Werber Kontinente und Zeitzonen: »Frankfurt -- Tokyo. 21 Stuyvesant.«

Selbst der gesunde Mensch, konstatiert hingegen Lufthansa-Chefarzt Dr. Helmut Baark, »kann nur eine Zeitverschiebung von zwei Stunden mühelos überbrücken«. Vor allem aber reisen immer mehr Passagiere über den Atlantik oder nach Fernost, die dabei nicht nur ihre innere biologische Uhr, sondern auch den Rhythmus umstellen müssen, nach dem sie Medikamente brauchen -- Zuckerkranke das Insulin, Thrombosegefährdete ein blutgerinnunghemmendes Mittel, Frauen die Antibabypille.

Deshalb hat Flugmediziner Baark jetzt im »Deutschen Ärzteblatt« erstmals eine Aufstellung über die »zeitlich richtige Einnahme von Medikamenten bei interkontinentalen Flügen« veröffentlicht.

Das Tabellenwerk ist als Fortbildungshilfe für Ärzte gedacht. Denn viele Mediziner raten ihren weltreisenden Patienten noch immer zu umständlichem Behelf; sie empfehlen etwa, wie Dr. Baark erklärt, »eine zweite Uhr mitzunehmen und wie bisher nach europäischer Zeit die Medikamente einzunehmen oder zu injizieren

Nachteilig ist dabei nicht nur, daß etwa ein gebrechlicher Manager seine Tabletten am Zielort jeweils mitten in der Nacht schlucken müßte. Die Arznei würde dann auch, so Baark, »ausgesprochen unphysiologisch« wirken: Wenn ein Europäer zum Beispiel nach New York, Hongkong oder Sydney fliegt, schaltet sein Organismus innerhalb von zwei bis drei Tagen auf den Tag-Nacht-Wechsel am Zielort um.

Kranke Touristen brauchen daher, wenn sie überhaupt flugtauglich sind, einen ausgeklügelten Plan, nach dem sie sich der Zeitverschiebung anpassen können. Und Diabetiker sollten gar die Phasen, nach denen sie sich Insulin spritzen, nicht nur auf den Zeitgewinn beim Flug nach Westen oder auf den Zeitverlust beim Flug gen Osten abstimmen, sondern auch auf die Mahlzeiten an Bord.

So verlängert ein Flug von Frankfurt nach Los Angeles den Tag um neun (bei Sommerzeit in den USA um acht) Stunden. Ein Zuckerkranker etwa, der normalerweise morgens eine hohe und abends eine niedrige Insulin-Dosis benötigt, sollte sich die abendliche Injektion an Bord der Maschine -- fünf Stunden nach dem Start um 13 Uhr

verabfolgen. Da er die amerikanische Westküste jedoch gegen 20 Uhr Ortszeit erreicht, rät Dr. Baark, dann statt der hohen Morgen-Dosis eine geringere Menge Insulin zur Überbrückung zu spritzen. Auf diese Weise ist er in Los Angeles vom ersten Tag an im gewohnten Rhythmus.

Wenn ein zuckerkranker Passagier jedoch von Frankfurt nach Tokio fliegt, muß er acht Stunden Zeitverlust einkalkulieren. Nach Lufthansa-Flugplan auf der Südroute beispielsweise (Start: 13.00 Uhr) braucht er die abendliche Injektion ein bis zwei Stunden nach dem Abflug von Rom, die normale Morgen-Spritze vor der Ankunft in Bangkok und eine kleine zusätzliche Injektion ein bis zwei Stunden nach der Ankunft in Tokio um 21.00 Uhr Ortszeit. Vom dritten Reisetag an kann er das Insulin wie gewohnt dosieren.

Zur Vorsicht rät Flugmediziner Baark auch Patienten, die regelmäßig andere Medikamente nehmen müssen, zum Beispiel ein Mittel gegen die Bildung von Blutgerinnseln. Wenn sie täglich mehr als anderthalb Tabletten solcher Antikoagulantien brauchen oder die nötige Dosis häufig neu bestimmt werden muß, hält er längere Reisen über die Zeitzonen für riskant.

Patienten mit stabilen Blutgerinnungswerten, die etwa mit einer Tablette täglich auskommen, können allerdings die Zeitunterschiede nach Baarks Tabellen ausgleichen. So sollte ein Passagier auf dem Flug von Tokio über den Pol nach Hamburg (Start: 2130 Uhr) das Mittel vor der Ankunft in Anchorage nehmen, dann wieder nach der Ankunft in Europa abends und am folgenden Tag morgens und abends je eine halbe Tablette.

Allzu unbesorgt gehen wahrscheinlich noch viele Frauen, die eine Schwangerschaft vermeiden möchten, auf weiten Reisen mit der Pille um. Sicher können sie nach Baarks Berechnungen nur sein, wenn sie einen Pillentyp einnehmen, dessen Wirkungsdauer auf 36 Stunden bemessen ist; gegebenenfalls müßten sie einen Monat vor Reisebeginn auf ein solches Präparat überwechseln. Das erlaubt einer Frau etwa auf einer Amerika-Reise, beim gewohnten Morgen- oder Abend-Rhythmus zu bleiben.

Ebenso einfach ist die Anpassung durch die 36-Stunden-Sicherheit bei Flügen nach Fernost. Wenn eine Frau ihr Präparat gewöhnlich abends nimmt, muß sie beispielsweise auf der 25stündigen Reise nach Sydney die Pille nach der Ankunft schlucken und vom folgenden Tag an jeweils morgens, bis zur Rückkehr nach Europa.

Wer hingegen, wie vor allem die Stewardessen, Zeitzonen nur kurzfristig überspringt, sollte sich nicht erst umzugewöhnen suchen. Medikamente sollten dann, wie Dr. Baark empfiehlt, jeweils zur üblichen Stunde nach mitteleuropäischer Zeit genommen werden.

Auf insgesamt zehn Tabellen hat der Flugmediziner bislang Dosierung und Verabfolgungszeit von Pillen, Tabletten und Spritzen zusammengestellt. Dr. Baark strebt an, daß eilige Passagiere, die sich nicht erst von ihrem Arzt einen Medikamenten-Flugplan ausrechnen lassen können, eines Tages auch am Flugschalter darüber Auskunft erhalten: Die Lufthansa hat 1000 Sonderdrucke des Baark-Artikels bestellt. Und bis Ende kommenden Jahres will der Lufthansa-Chefarzt seine Anweisungen allgemeinverständlich darstellen -- in einem Leitfaden für medikamentenabhängige Passagiere.

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