KUNST Preußisch pink
Die Berliner Love Parade, so scheint es, war eine Erfindung Kaiser Wilhelms I.: Der thront hoch oben auf einem Triumphwagen, umringt von schwebenden und ziemlich nackten Engeln, die ihm Fanfaren flöten. Hintendrein trabt unter anderem der eiserne Kanzler Bismarck aus dem Brandenburger Tor hervor, vorneweg galoppiert ein unerschrockener Ritter, auf dessen Fahne eine Automobilkarosse prangt - die Hauptstadt, wie sie der Zukunft entgegenfeiert.
Zu bestaunen ist der quirlige Party-Marsch auf einem gigantisch großen Ölbild des Hallenser Künstlers Moritz Götze, 37. Er mag nun einmal die Helden von gestern: Andy Warhol, James Bond oder Wilhelm I., gibt es da einen Unterschied?
Einen großen sogar: So spaßig reaktionär wie auf seinen neuesten Bildern war Götze noch nie - zu sehen sind die Werke seit dem vergangenen Wochenende im Kunstverein Friedrichshafen*. Auf seinen Ölschinken arbeitet er sich durch 200 Jahre deutscher Geschichte und malt sich dabei die Vergangenheit schön. Er selbst nennt seine jüngste Kunst »Deutschen Pop« und ordnet sie der Kategorie Historienbilder zu - ein Genre, das eigentlich
vor gut hundert Jahren ausstarb. Die Retro-Lust mit nationalen Anklängen birgt
ein gewisses Skandalpotenzial, und das wiederum garantiert Erfolg.
Götze ließ sich von Bildbänden der DDR-Armee inspirieren, diverse deutsch-getränkte Gemälde malte er farbenfroh nach. So tauchen in der Ausstellung etliche Coverversionen auf: etwa ein Knappe mit Prinz-Eisenherz-Frisur und rot-schwarz-goldenem Schild, den Götze »extrem poppig« findet, außerdem die Selbstversenkung deutscher Schiffe nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, aber auch eine Interpretation des berühmten »Chemiearbeiter am Schaltpult« von Willi Sitte, dem einst mächtigsten Maler und gefürchteten Kunst-Funktionär der DDR.
»Das Beste an diesen Vorlagen ist, dass alle so ernst gemeint waren«, sagt Götze. Gerade deshalb habe es ungeheuren Spaß gemacht, die Kompositionen umzumalen.
Man sieht''s: Seine Bilder wirken wie Monumental-Comics, so, als habe er zu viele Asterix-Hefte konsumiert. Er selbst bezeichnet seinen Stil als Symbiose von amerikanischer Pop Art und mittelalterlicher Handschriftenmalerei. Das klingt nicht gerade zeitgemäß, aber kurios. Gar an Kinderspielzeug sollen in Friedrichshafen die Figuren erinnern, die Götze aus Sperrholz zurechtgesägt und in Knallfarben angemalt hat: die Revolutionäre von 1918 oder das Porträt des ersten DDR-Arbeitshelden Adolf Hennecke. Bei Götze wird schwergewichtige Historie zur drolligen Absurdität. Nie würde er sich mit seiner bunten Bildersprache an das Thema Drittes Reich wagen, sagt er, »ansonsten bin ich für eine unverkrampfte Einstellung zur Vergangenheit": Der Mann liebt das Risiko, missverstanden zu werden - ist er naiv oder gewieft?
Ihn selbst fasziniere Geschichte, sagt er. Es sei die immer gleiche Frage, »woher etwas kommt und was daraus entsteht«, sagt er. Das deutsche Ost-West-Gefälle könne »ja als Spätfolge der Schüsse von Sarajevo 1914 gedeutet werden«. Hätte es den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Wirren und Flüchtlingsströmen nicht gegeben, hätten sich Jahre später seine Eltern nicht kennen gelernt - »dann gäbe es mich nicht«. Um so mehr reize ihn heute der Begriff Heimat.
Zumal er zwei deutsche Systeme kennen gelernt hat. Das Leben im ersten ist sogar in diversen Stasi-Akten dokumentiert. Sein Vater Wasja Götze war der einzige so genannte DDR-Pop-Art-Künstler, wurde mit einem Ausstellungsverbot bestraft und durfte zeitweise nicht die Kunstakademie in Halle betreten - in der Götzes Mutter arbeitete. Auch der Sohn wollte das Anecken üben und gründete in den Achtzigern eine Punkband namens Größenwahn, nur war die Provokation schwer in einem Jahrzehnt, »in dem man beinahe unbehelligt leben konnte, wenn man ehrlich ist«.
Später, Mitte der Neunziger, brachte es der Kunst-Autodidakt als Gastprofessor bis an die École nationale supéri eure des beaux-arts in Paris. In der DDR war der Jungkünstler belächelt worden, im neuen Berlin durfte er das Wirtschaftsministerium mit einem Wandbild ausstatten. Götze erhielt Auszeichnungen und gilt als einer der Lieblinge der deutschen Sammlerklientel. Mittlerweile ist er fast omnipräsent. Im Juni eröffnet er in der Kunsthalle Osnabrück eine Ausstellung, im Herbst nimmt er an einer Schau in der Nationalgalerie in Berlin teil.
Ausgerechnet Götze malt so anschaulich und figurativ wie einst die staatlich subventionierten Maler-Heroen der DDR. Seine Kunst ist aber nervtötend fröhlich, was viel mehr verwirrt als etwa der melancholische Realismus seines ostdeutschen Malerkollegen Neo Rauch, der längst den internationalen Kunstbetrieb erobert hat. Götze entzieht sich mit sturer Gelassenheit den Trends des Kunstmarkts - doch nun holt ihn der Zeitgeist ein. Das Land jedenfalls scheint den Preußenglanz von gestern plötzlich zu lieben: Die Mächtigen der Hauptstadt wollen ein vor Jahrzehnten gesprengtes Schloss wieder aufbauen. Und um für die Sanierung der Museumsinsel zu werben, warnen sie mit patriotischem Pathos vor der Verrottung des nationalen Erbes.
Er habe kein Problem damit, dass Berlin selbst zum Historienbild werden wolle und »ein Schloss wiedererfindet so wie ich alte Bilder«, sagt Götze: »Mich wundert nur, dass sich niemand für die Schlösser in Sachsen-Anhalt einsetzt, die im Gegensatz zum Berliner Schloss noch existieren, aber seit Jahren verfallen.« Vielleicht ist der Mann doch nicht naiv. ULRIKE KNÖFEL
* Bis 23. Juni.