UTOPIEN Professor Luftballon
In einem seiner quirligen Aufsätze hat sich der in Berkeley und Zürich lehrende Wissenschaftshistoriker und Dadaist Paul Feyerabend, 57, über die hochtrabende Sprache des modernen Akademikers lustig gemacht. Dabei spielte er mit einem Vergleich: Galileo Galilei hatte um 1610 mit so »unbeseelten« Dingen wie Prismen und Linsen, dem Mond und den Sternen zu tun, aber er schrieb darüber herzerfrischend munter: »Ich war entzückt«, »ich geriet in Erstaunen«. 360 Jahre später verfassen die amerikanischen Soziologen Masters und Johnson einen Folianten über die menschliche Sexualität, aber darin radebrechen sie von unser aller »superresistentem gonadalem Drang«, als hätten sie das Geschlechtsleben verrosteter Roboter untersucht.
Professor Claudio Hofmann, 45, gehört zu den Glücklichen, die von Feyerabend gelernt haben. Ob es sich um den Reformator Martin Luther handelt, den er als alten »Phallokraten« präsentiert, oder um den Aufklärer Rene Descartes ("Cogito ergo sum. Geistlein flieg herum"): überall ist dieselbe den Leser ermutigende Respektlosigkeit am Werk. Anstatt seinen Humor und seine Traurigkeit hinter der Ehrfurcht gebietenden wissenschaftlichen Objektivität zu verstecken, erzählt Hofmann kleine Geschichten.
Von Benjamin Franklin beispielsweise, dem »Erfinder des Blitzableiters, des Schaukelstuhls und des Ofens«, der 1748 zu einem »elektrischen Diner« lud, bei dem seine Gäste aus »elektrisierten Gläsern« tranken; aber auch von Ignaz Semmelweis, der gegen das angeblich gottgewollte Elend des Kindbettfiebers kämpfte, den abergläubischen Standeskollegen ein Dorn im Auge war, und 1865 in einer Irrenanstalt starb. Dem Erfinder gilt Hofmanns Sympathie, weil er Wissenschaft noch als ein Vergnügen trieb; dem Arzt, weil er ein Ketzer war.
Aber Hofmanns Buch versammelt nicht nur Anekdoten aus den Pionierjahren der Wissenschaft; und es gibt sich keineswegs mit Kritik an der aufgeblasenen akademischen Rhetorik zufrieden. »Smog im Hirn« ist eine Metapher für das Fachidiotentum unserer Tage. Für die gefährliche Alchimie insbesondere der Grundlagenforschung, die ohne den leisesten Dialog mit den Lebensbedürfnissen der Menschen zu Werke geht: in den vor demokratischer Kontrolle hermetisch abgeriegelten Bunkern der Gen-Experimente, der Kernfusion, der lediglich auf Nationalprestige bedachten Raketen- und Weltraum-Mathematik.
Es sind die »Denkspiele mit tödlichem Ausgang« dieser Laboratorien, die Hofmann zu der provozierenden These inspiriert haben, daß gerade heutzutage »Wissenschaft und Verbrechen eine sonderbare Vorliebe füreinander« hegen. Nicht nur, daß über 400 000 »Gelehrte« in der Vernichtungsindustrie beschäftigt sind; nicht nur, daß eine angeblich unfehlbare Experten-Aristokratie den gläubigen Laien die selbständige Phantasie zu enteignen versucht.
Auch die Ernährungskatastrophe deutet der Autor als angewandte Wissenschaft: »Die einen müssen täglich mit ihrer Diät kämpfen, der Rest der Menschheit verhungert buchstäblich im Angesicht elektronisch gesteuerter Butterberge. Während die einen in den S.222 neuen Wüsten verdursten, irren die anderen wie Ratten durch das öde Labyrinth ihrer Städte und werden verrückt.«
Eine so radikale Polemik setzt sich leicht dem Verdacht aus, die billige Rache eines an der akademischen Karriereanstalt Gescheiterten zu sein. Doch davon zu reden, wäre töricht. Claudio Hofmann ist ein Alternativer und mit seinem sanften Ekel vor dem »Stumpfsinn« der Männer-Gesellschaft vielleicht sogar ein Feminist. Aber er kennt sehr intim, was er kompromißlos kritisiert.
Er hat über Albert Einsteins Relativitätstheorie geschrieben und als Physiker in Izmir (Türkei), Basel und Paris gelehrt. Als ihm dämmerte, daß sich der physikalischen »Wunder« vornehmlich die Polizisten der Nasa-Kultur bedienen, hat er seine Talente eingemottet. Seit ein paar Jahren ist Hofmann Pädagogik-Professor in Berlin: ein Direktor des TU-Instituts für Hochschuldidaktik, der am liebsten über Pläne zur Abschaffung aller Institute und Direktoren nachdenkt.
Mit dieser Lust an der Liquidation auch der eigenen Karriere geht der Berliner Professor über den Kollegen Feyerabend hinaus. Anders als für den Anarcho-Clown, der gerne den Eulenspiegel der Wissenschaften mimt, seine staunenden Studenten aber ebenso gerne mit Monologen über »drei Jahrtausende« von »Mao bis Rabbi Juda Loew, von Plutarch bis Brecht« erschlägt, ist es für Hofmann nicht damit getan, den Wissenschaftsbetrieb lediglich zu »demokratisieren": die Experten-Universität in ein Laien-Parlament zu verwandeln.
Claudio Hofmanns Utopie ist im märchenhaften Wortsinn die eines klugen Kindes: eine Lebens-Schule im sensiblen Kontakt mit den Verletzlichkeiten der Natur und den Abenteuern des Alltags; ein mit dem Repertoire des lebensbejahenden Wissens ausgestatteter Selbstbedienungsladen. In einem Traumbild, das allerdings mitunter wie die Paradiesesvision religiöser Adventisten aussieht, bekommt diese Idee am Ende des Buches Gestalt: der Leser wird in einen »rosaroten Luftballon« Zukunft entführt, in der es keine Klassenzimmer und das Zerstörungswerk der herrschenden Wissenschaft nur noch im Museum gibt.
Aber die verträumte Idee baut auch auf sehr realistischen Vorbildern auf: Der französische Lehrer Celestin Freinet hat eine verwandte Idee in den 20er Jahren »pedagogie populaire«, der im Genfer Exil lebende Brasilianer Paolo Freire hat sie Lese-Unterricht zum »Entziffern einer entfremdeten Wirklichkeit« genannt. Es ist die Allgegenwart dieser entfremdeten Wirklichkeit, die Hofmanns Idee naiv wirken läßt. Denn ihre Verwirklichung setzt eine lange tote Kultur der Rücksicht voraus: »Es gibt noch Indianer, die ihren Pferden die Hufeisen abnehmen, weil die Erde vom Frühlingsregen schwanger ist und geschont sein will. Aber da lächeln die Wissenschaftler.« Harald Wieser