FREIES FERNSEHEN Programme ab Lager
Bohlen waren ausgelegt worden, um zu verhindern, daß die Besucher im Schlamm versanken. Vorsichtig rollten Straßenkreuzer aus fünf Bundesländern über die Bretter auf eine Baracke zu: auf ein Studio der Gesellschaft »Freies Fernsehen« in dem hessischen Dorf Eschborn. Südfunk-Intendant Dr. Hans
Bausch, Kölns Funkchef Klaus von Bismarck und fünf Subkoordinatoren des Deutschen Fernsehens waren gekommen, um zu prüfen, ob die Konkursmasse der einst auf Kanzlergeheiß hochgepäppelten FF-Gesellschaft zur Linderung der schleichenden Programm-Nöte des Deutschen Fernsehens verwertet werden könne.
Was den Besuchern zunächst (in Ausschnitten) vorgeführt wurde, nötigte ihnen Achtung ab. Als wohlgeraten empfanden sie einen über 26 Fortsetzungen gedehnten Familien-Schnack
("Meine Frau Susanne"), einen Jeanne d'Arc-Film und etliche Volksstücke wie »Mein Leopold« oder »Krach im Hin Verhaus«, vor allem aber eine Faustkämpfer-Serie über »Das goldene Zeitalter des Boxens«.
Auch dreizehn Folgen der Victor-de-Kowa-Schau »Slim Callaghan« gefielen den Abgesandten des Deutschen Fernsehens. Erst als einige Kostproben aus der Curd-Jürgens-Schau »Wie zähme ich den Leu?« (Kosten: 877 500 Mark) gezeigt wurden, gab es erste Unmutsäußerungen. Dann aber folgten in schier endloser Kette Sendungen, die es den Besuchern schwermachten, abfällige Kommentare zu unterdrücken.
Von den zwei Quizserien des vielgepriesenen englischen FF-Stars John Wynn schien allenfalls das Spiel »In der Klemme« akzeptabel. Die Serie mit dem Titel »Warum? Weshalb? Wieso?«, bei der Wynn selbst als Quizmaster auftritt, ließ die an Quizkummer gewöhnten FF-Besucher schadenfroh grinsen.
Die Sendung »Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück« dünkte sie noch weniger geraten als ihre eigene unbeholfene Gerichtsserie »Das Fernsehgericht tagt«. Eine Dokumentar-Aufzeichnung »Völker singen - Völker tanzen« war deerart dilettantisch aufgenommen, daß die Gäste in der Eschborner Baracke nur mit Mühe ernst zu bleiben vermochten.
Als endlich die Zauberschau des Magiers Kalanag, der schon als As der FF-Unterhaltung gefeiert worden war, vor ihren Augen abrollte, brachen die Gutachter in höhnisches Gelächter aus.
Ohne Zögern stimmten sie zu, als der Chefdramaturg des Freien Fernsehens, Dr. Gerhard Eckert, fragte: »Soll ich abbrechen?«
In Baden-Baden berichtete Kommissionsvorsitzender Dr. Bausch der westdeutschen Intendanten-Konferenz in der, letzten Woche über das Ergebnis der Eschborner Besichtigung: Allenfalls zehn Prozent der FF-Produktion seien für einen Ankauf interessant.
Das Freie Fernsehen hatte den Intendanten 400 Programmstunden angeboten - unter der Bedingung, daß diese Sendungen in einem Paket übernommen werden. Die Gutachterkommission des Deutschen Fernsehens hielt jedoch nur den Ankauf von rund 40 Programmstunden zum Preise von fünf Millionen Mark für vertretbar.
Noch am Tage der Inspektion in Eschborn hatte die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« ein Wettrennen der Rundfunkanstalten mit der demnächst in Mainz zu gründenden Fernsehanstalt der Länder um die TV-Konserven des aufgeflogenen Kanzler-Fernsehens prophezeit. Nach dem Besichtigungsfiasko war von einem Wettlauf der beiden Interessenten keine Rede mehr.
Die Arbeitsgemeinschaft der westdeutschen Rundfunkanstalten, sei bereit, erläuterte Bausch gönnerhaft, der neuen Fernsehanstalt der Länder die gesamte Produktion des Freien Fernsehens zu überlassen.
Schon gleich nach der Visite in Eschborn hatte der Stuttgarter Intendant die Eindrücke von der Vorführung der FF-Programme in einem Satz zusammengefaßt:. »Damit soll sich die neue Anstallt
allein amüsieren.«
Curd-Jürgens-Schau*
Das Fernsehgericht tagte...
...in der Dorfbaracke: Victor-de-Kowa-Schau
* Links: Hildegard Knef.