LITERATUR Protokoll des Schicksals
Gisela Tennenbaum, erinnern sich ihre Eltern und Schwestern und Freunde, war die Schönste und die Klügste und die Gerechteste: mit himmelfarbenen Augen und langen Beinen, nicht rauchend und nicht trinkend, fleißig und bescheiden. Ein Engel der Tugend, aus dem das Unrechtsregime der argentinischen Militärjunta einen Racheengel machte.
Gisi, wie sie bis heute genannt wird, war 20, als sie sich 1975 den Montoneros anschloss, einer Guerillagruppe. Sie war 22, als sie 1977 verschwand und vermutlich ermordet wurde. Jahrzehnte sind seither vergangen. »Nur Gisi ist immer noch so jung, wie sie damals war, zweiundzwanzig, und ihre Zukunft liegt halb hinter uns«, schreibt Erich Hackl, 53, in »Als ob ein Engel«. Für ihre Angehörigen ist Gisi weder tot noch lebendig: eine flatternde Existenz im Ungefähren der Erinnerung und der Hoffnung, zwischen Himmel und Erde, Gestern und Heute. Sie ist ein Geflecht aus Stimmen, das Hackl gar nicht versucht, ganz zu entwirren. Er springt aus den dreißiger Jahren in die achtziger in die vierziger, von der dritten zur ersten zur zweiten Person, den Fall dokumentierend, indem er die Stimmen montiert. Geschichte schreiben heißt für ihn Geschichte zitieren: fast asketisch, weil sprachlich knapp und kommentarlos, jedoch in überbordender Detailtreue. Hackl ist ein Faktenfetischist, und so erfährt man nicht nur, dass Gisis Eltern sich in einem Ruderclub kennengelernt und die Schwester Heidi nach Johanna Spyris Romanfigur benannt haben, sondern auch, welchem Ratgeber sie vertrauten: »Dr. Spock's Baby and Child Care«.
Die Geschichte zerfällt in Geschichten, weil Hackl ein Panorama entwirft, keine Reportage mit rotem Faden. Sein Buch liest sich fast, als hätten die leidgeplagten Tennenbaums es als Familienchronik bestellt - und das ist ein Lob: vielleicht das passendste, das eines von Hackls wunderbar sensiblen Schicksalsprotokollen bekommen kann.
Erich Hackl: »Als ob ein Engel. Erzählung nach dem Leben«. Diogenes Verlag, Zürich; 176 Seiten; 17,90 Euro.