Protokoll eines Zerfalls - DER SPIEGEL
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Protokoll eines Zerfalls

• aus DER SPIEGEL 35/1992
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Der jüdisch-amerikanische Schriftsteller Philip Roth, 59, seit seinem Roman »Portnoys Beschwerden« international bekannt und für sein Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, erzählt vom Sterben seines Vaters - genau, einfühlsam und unsentimental.

Im Alter von 86 Jahren befällt den jüdischen Einwanderer Herman Roth, der es in der neuen Heimat USA vom Nobody zum Versicherungsmanager gebracht hat, eine Gesichtslähmung; sie erweist sich als Folge eines weit fortgeschrittenen Gehirntumors. Doch der alte Mann gibt nicht auf. Er hält es mit den jüdisch-amerikanischen Boxern, die er in seiner Jugend bewundert hat: »Sie kämpften zwei Schlachten. Sie haben gefightet, weil sie Fighter waren, und sie haben gefightet, weil sie Juden waren.«

Er stemmt sich gegen den Tod, sarkastisch kommentiert er die ärztliche Auskunft, bei einer Operation müsse der Schädel aufgebohrt werden: »Was benutzen Sie, um da hineinzukommen? General Electric oder Black und Decker?«

Roth protokolliert den Zerfall eines menschlichen Urgesteins und schreibt zugleich seine eigene Geschichte: die eines Sohnes, der das »Ende eines Zeitalters« erlebt. Vor seinen Augen verwandelt sich der Vater, einst allmächtig wie Jehova, in ein hilfloses Wesen.

Roth hat keine Elegie komponiert, sondern ein vielschichtiges Erinnerungsbuch, dem es in der Schilderung der grotesken und tragikomischen Eigenarten eines todkranken Greises auch an Humor nicht fehlt.

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