POP Prototypen einer neuen Ära
Wenn Größen wie Madonna oder Kylie Minogue ein neues Werk vorbereiten, gehen sie gern vorab auf die Jagd nach frischen Kräften, die ihnen auf die Sprünge helfen sollen. So bat Minogue für ihr aktuelles Album auch Alexis Taylor, Sänger und Co-Autor der Band Hot Chip, um Beistand. Der aber verwies auf seinen vollen Terminkalender und lehnte bedauernd ab.
Natürlich ist so eine Absage an einen Superstar für einen Künstler, von dem die meisten Menschen noch nie gehört haben, auch immer ein kleiner PR-Coup, was Taylor indes von sich weist: »'Ready for the Floor' hätte sicher toll zu Kylie gepasst, aber gute Lieder nutze ich dann, bei allem Respekt, doch lieber selbst«, sagt der 27-jährige Londoner.
Nach einem Pop-Jahr 2007, in dem sich das Geschäft weniger um Musik zu drehen schien als um kollabierende Märkte und die privaten Probleme von Pete Doherty bis Amy Winehouse, stehen die wenig glamourösen Sonderlinge von Hot Chip möglicherweise für den Beginn einer neuen Ära. Die ungemeine Wertschätzung von Hot Chip - die Fachzeitschrift »Spex« pries die Briten bereits in einer Titelgeschichte als »Band völlig neuen Typs« - ist ein erster Hinweis darauf, dass das neue Pop-Jahr eine Rückbesinnung auf die Musik bringen könnte, hinter der die Frage, wer in welcher Nacht mit welchem Model welche Drogen nahm, zurückzustehen hat.
Und tatsächlich: Als Prototypen der neuen unauffälligen Pop-Musiker machen die fünf studierten Engländer von Hot Chip den Eindruck, als würden sie schon nervös werden, wenn sie nur falsch parken, und kündigen im Interview an, lediglich über ihre - zugegeben - exzellenten Lieder reden zu wollen.
Anders ginge es auch gar nicht, denn Hot Chip zwingen Fans und Kritiker zurück zum genauen Zuhören - das Londoner Quintett ist sonst kaum einzuordnen, es passt zu keiner Szene und keinem Trend. Auffällig ist nur, wie unaufdringlich, abgesehen von der Musik, alles an dieser Band scheint: fünf mittelalte, mittelgroße und mittelattraktive Knaben mit ungefähr so viel Glamour wie die Heilsarmee. Taylor, der gern grellbunte Pullunder und merkwürdige Brillengestelle mit großen Gläsern trägt, sagt: »Vor Mode ergreife ich immer die Flucht!«
Wie ist also die Musik? »Ready for the Floor«, der potentielle Hit, den Kylie Minogue nicht bekam, gibt als erste Single einen Vorgeschmack auf das für Anfang Februar angekündigte neue Hot-Chip-Album »Made in the Dark«. Es ist eine Platte geworden, übervoll an Ideen und Melodien, die verständlich macht, warum Taylor als Songwriter und Produzent so begehrt ist. Sie bietet 13 raffiniert ausgeführte Pop-Melodien, von denen einige in den kommenden Monaten auf den Tanzflächen dieser Welt zu hören sein werden, die aber ebenso in Wohnzimmern fabelhaft wirken. Sehr eingängig kombinieren Taylor und seine Kollegen elektronische Klänge, die an Giorgio Moroder und die Pet Shop Boys erinnern, mit klassischem britischem Pop, wie ihn einst die Kinks oder die Beatles perfektionierten, sowie der Versponnenheit der besten Beach-Boys-Werke.
Modern an Hot-Chip-Songs ist die eklektische Liste ihrer zahlreichen Vorbilder. Taylor schwärmt von so unterschiedlichen Künstlern wie Sun Ra, Terry Riley, Arthur Russell, Rodney Jerkins, Franco Battiato und Willie Nelson, denn das Internet habe seinen Umgang mit Kunst radikal verändert: »Ich lese viele Blogs, und jede Musik, die da besprochen wird, kann ich mir sofort anhören. Selbst obskurste Klänge sind nur ein paar Mausklicks entfernt.«
Dass er Musiker werden wollte, war für den in London aufgewachsenen Jungen früh klar. Mit sieben bekam er Klavierunterricht, andere Instrumente wie Gitarre lernte er beim endlosen Nachleiern von Stevie-Wonder-Platten. Ein Literaturstudium absolvierte er eher aus Verlegenheit, 1996 startete er mit seinem Schulfreund Joe Goddard Hot Chip.
Taylors Ego ist ausgeprägt, nur seine hohe Stimme machte ihm zeitweilig Sorgen. »Ich singe wie eine Frau, früher habe ich mich dafür geschämt, heute nehme ich es als Charaktermerkmal.« Ähnlich selbstbewusst packt er den lukrativen Nebenjob des Remixers an, also das Handwerk, anderer Leute Lieder im Studio aufzumöbeln. Spaß mache es, sagt Taylor, für solche Legenden wie Kraftwerk zu arbeiten, die für zwei Songs ihres Albums »Tour de France Soundtracks« einen Hot-Chip-Mix bestellten.
Von Amy Winehouse, deren Hit »Rehab« auch von Hot Chip frisiert wurde, hätte Taylor persönlich gern die Finger gelassen: »Ich kann ihre Musik einfach nicht ausstehen, den Auftrag hat mein Partner Joe heimlich angenommen und ausgeführt!«
Und Kylie Minogue? Sie hat Taylors Absage mit Würde getragen und, anstatt sich alt und abgemeldet zu fühlen, ein Lied für Taylor geschrieben. »Ein wildes, faszinierendes Stück Pop-musik«, sagt der. Vielleicht findet es ja Platz auf dem nächsten Hot-Chip-Album. CHRISTOPH DALLACH
* In New York, 2006.