Pudding bekämpft - DER SPIEGEL
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Frauen Pudding bekämpft

Kurse in »Selbstbehauptung« sollen amerikanischen Women's-Lib-Frauen zu neuem Ich-Gefühl verhelfen.
• aus DER SPIEGEL 34/1975
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ihr Leben lang, berichtete kürzlich die amerikanische Schriftstellerin Lais Gould, habe sie Menschen beneidet, die. »ohne mit der Wimper in zucken«, folgende Worte aussprechen könnten: »Nein«, »gefällt mir nicht«, »abgelehnt« und »kommt überhaupt nicht in Frage«.

Für Frauen, so erkannte Janice LaRouche, ehemalige Karriereberaterin, sei es besonders schwer, sich zu behaupten und durchzusetzen. Ob mi Büro des Chefs oder in den eigenen vier Wänden, ob im Schuhgeschäft oder in einer Amtsstube -- »wir alle sind Opfer der Sei-ein-liebes-Mädchen-Dressur, dazu erzogen, passiv, nachgiebig und gefällig zu sein«.

Das soll sich nun ändern. Janice LaRouche leitet zusammen mit der Psychotherapeutin Dr. Penelope Russianoff in New York einen Workshop, der nur Frauen offensteht. Mit Hilfe von Psychologie, Verhaltenstherapie, Sprech- und Körperübungen lernen sie dort für 150 Dollar in zehn Wochen, sich von »einem Schmusekätzchen in einen Panther in verwandeln«.

»Selbsterhaltungs-Training« heißt der neue Trip, dem sich vor allem Women's-Lib-Anhängerinnen verschreiben. Kleinere Workshops entstanden überall in den Staaten. Die Sache sei »heiß«, sogar in den Provinzstädten von Iowa, bekundete eine Psychologin in der »New York Times": kaum ein Frauenkongreß, ein Frauenseminar oder eine Frauenberatungsstelle. in deren Programm nicht solche Kurse aufgenommen wurden.

Angekündigt hatte sich der Trend durch eine Reihe von neuen Buchtiteln auf dem US-Markt: »Wenn ich nein sage, fühle ich mich schuldig«, »Sag nicht ja. wenn du nein sagen willst«, »Dein volles Recht«. Für den Kerbst ist in Aussieht gestellt: »Die neue, selbstsichere Frau«,

Durch die Emanzipationsbewegung, so erläutern die Selbstbehauptungs-Verfechterinnen, hätten viele Frauen ihre Wünsche, Ansprüche und Rechte erst entdeckt. Aber diese Erkenntnis sei Theorie geblieben, angesichts der Praxis: Wackelpudding in den Knien, Schmetterlinge im Magen. Kloß im Hals.

Der wichtigste Schritt, lehrt Durchsetzungs-Expertin Russianoff, sei zugleich der schwierigste: »Die negativen Selbstbilder müssen durch positive ersetzt werden,« Das bedeute, die eigene Identität in Frage zu stellen -- und davor fürchte sich jeder Mensch.

Einmal wöchentlich abends oder nachmittags treffen sich die 15 Kursteilnehmerinnen -- und schon eine der ersten Übungen verwirrt die meisten. »Ziehen Sie Ihre Vaginalmuskulatur zusammen!« ordnet Dr. Russianoff an, um gleich darauf zu erklären, dies sei »eher eine Übung für den Geist als für den Körper«. Sie helfe Frauen, »das Zentrum ihres inneren Gleichgewichts« zu finden, sozusagen zum »Kern der Identität« vorzustoßen.

Selbstbehauptungs-Profis gähnen wiederholt, bevor sie sich auf den Weg zu einer wichtigen Unterredung machen oder ein entscheidendes Telephonat führen. »Das entspannt die Stimmbänder«, erfahren die Elevinnen, »und verhindert, daß die Stimme sich überschlägt oder zu schrill klingt.«

Rollenspiele werden erprobt, Schutzbehauptungen enttarnt, Ängste analysiert. Auf einem Blatt Papier müssen die Frauen ihre positiven und ihre negativen Eigenschaften notieren und dazu schreiben, warum sie glauben, »langweilig« oder »linkisch« zu sein. Mit Selbstbehauptungs-Mantras wie »Ich bin die Größte« oder »Zuerst komme ich« lernen sie, gegen falsche Erziehung. falsche Bescheidenheit und falsche Selbsteinschätzung anzukämpfen.

»Das Wichtigste, was ich hier begreife«, so formulierte es eine Teilnehmerin, »ist die Tatsache, daß ich überhaupt Rechte besitze.« Sie habe sich ständig für andere eingesetzt, nie an sich gedacht, denn: »Wir Frauen haben ein bemerkenswertes Talent zur Selbstaufopferung.«

Vor den kritischen Augen der Gruppe üben die Selbstsicherheits-Aspirantinnen, von einer Bank einen Kredit zu fordern oder dem Freund zu erklären, daß sie sich mehr Sex wünschten. Von ihren ersten Erfolgen mit den neuerworbenen Fähigkeiten berichten die Kursteilnehmerinnen genauso wie von ihren Fehlschlägen und Rückfällen.

Sie sei sich im Büro ihres Chefs immer »schrecklich dumm vorgekommen«, »wie ein ganz kleines Mädchen«, erzählte eine Sachbearbeiterin. Als sie sich wieder einmal ungerecht behandelt fühlte, probte sie eineinhalb Stunden lang die Auseinandersetzung mit ihrem Chef nach der »Leerer Stuhl«-Technik. Sie stellte zwei Sessel einander gegenüber und sprach zunächst ihren Part, dann den ihres Chefs. Den Dialog nahm sie auf Tonband auf, um sich später selbst zu korrigieren: Sie hatte zuviel geklagt, zuwenig von ihren Fähigkeiten gesprochen. Am Schluß sei sie sich ziemlich albern vorgekommen, habe »den Chef, das ganze Büro und sich selbst zum Teufel gewünscht«. aber der nächste Tag brachte ihr »Erfolg auf der ganzen Linie«.

Marsha Dubrow, die ihre Erfahrungen als Selbstbehauptungs-Schülerin im US-Magazin »New York« veröffentlichte, glaubte die positive Wirkung auch bei ihren Mit-Absolventinnen zu spuren: Am Ende des Kurses hätten alle Frauen festgestellt, »verstandesgemäß« sei etwas mit ihnen geschehen. auch wenn sich ihr Verhalten nur langsam ändere. Eine Teilnehmerin hatte immerhin »den Mut gefunden, sich scheiden zu lassen«. eine andere »den Freund verloren, aber sich selbst gefunden«, eine dritte brachte es fertig, zu einer Freundin nein zu sagen, die sich mit zwei Kindern in ihrem Ein-Zimmer-Appartement einnisten wollte.

»Man muß es ertragen können«, so umschrieb die Schriftstellerin Lois Gould das neue, selbstgewisse Ich-Gefühl, »nicht von allen netten Menschen geliebt zu werden.«

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