LOTTO Quick pick
Seit über 30 Jahren ist bei Anton Obergröbner, 66, freitags Zähltag. Kurz nach Ladenschluß muß der Augsburger in seiner Lotto- und Totoannahmestelle Tausende von Tippscheinen registrieren. Obergröbner: »Eine mühevolle Arbeit.«
Womöglich nicht mehr lange. In einer beispiellosen Aufrüstungsaktion will der Deutsche Lottoblock die gut 20 000 Annahmestellen mit modernster Elektronik ausstatten.
Glücksspielmanager wie der Geschäftsführer der »Westdeutschen Lotterie GmbH & Co.« in Köln, Theodor Schwefer, denken bereits an das Lottospiel ohne Schein. Der Tip der Zukunft soll gleich am Computer-Terminal eingegeben werden. Kosten der umfassenden Modernisierung: schätzungsweise eine viertel Milliarde Mark.
Mit der High-Tech-Ausstattung wollen die elf im Deutschen Lottoblock zusammengeschlossenen Länderlotterien die Zukunft ihrer Kreuzchen-Spiele sichern.
Zwar boomt das Geschäft mit dem Glück derzeit wie kaum eine andere Branche. Allein 1987 füllten Bundesbürger 800 Millionen Scheine aus. Jahresumsatz der staatlichen Lotterien mit Lotto am Mittwoch und am Samstag, Toto, Rennquintett und Spiel 77: knapp siebeneinhalb Milliarden Mark, fast vier Prozent mehr als im Vorjahr.
Doch die Lotteriemanager rechnen mit erheblichen Einbußen, wenn im nächsten Jahrzehnt die letzten Handelsschranken in der Europäischen Gemeinschaft fallen und womöglich ausländische Wettunternehmen auf den bundesdeutschen Markt drängen. Um der internationalen Konkurrenz das Spiel zu verderben, argumentiert Lottoblock-Sprecher Max Reimer, müßten die Unternehmer »jetzt nach vorne gehen«.
Die Organisation des traditionsreichen Lottospiels ist in der Tat antiquiert. Als würde noch das »5 aus 90« der Nachkriegsjahre gespielt, müssen die Betreiber der Lottostellen die Scheine kontrollieren, sammeln, sortieren und zu den Bezirksstellen der Lottogesellschaften schaffen. Die wiederum bringen die Papiere zu den Landeszentralen, wo die Tips in ein Datenverarbeitungssystem eingegeben werden.
Zukünftig sollen die Lottobuden, ähnlich wie in den USA, Australien oder auch Schweden, mit elektronischen Registriergeräten ausgestattet werden. Vollautomatisch überprüfen die Apparate den eingelegten Schein und übermitteln die Angaben gleich an die Zentralcomputer der Lottogesellschaften.
Der blitzschnelle Datentransfer wird nicht nur das Registrieren erleichtern, sondern auch den gesamten Spielablauf verändern. Die Lottogesellschaften, die bisher nur zweimal die Woche Zahlen ziehen, könnten künftig jeden Tag die Kugeln rollen lassen. Bis kurz vor der Ziehung im Fernsehen dürften die Spieler ihren Tip abgeben. »Das wäre dann«, schwärmt ein Lotterie-Geschäftsführer, »ein ganz neues Lottogefühl.«
Vor allem aber wird durch die Elektronik die Einführung neuer Lotterien spielend leicht. Wenn die Annahmestellen erst zusätzlich mit Computer-Terminals an ein Datennetz angeschlossen sind, können die Lottoveranstalter, nach ausländischem Vorbild, von ihrem Zentralrechner aus laufend neue Spiele auf den Bildschirm bringen - etwa Blitzwetten ("Quick pick") auf die Ergebnisse von Eishockey- oder Fußballspielen.
Während Lottomanager wie der Geschäftsführer der Lotterie-Treuhandgesellschaft Hessen, Hans-Joachim Dumschat, schon von der »großen Palette der technischen Möglichkeiten« schwärmen, sehen Inhaber von Annahmestellen der Entwicklung mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits hoffen sie, sagt der Sprecher des Hamburger Lotto- und Toto-Verbandes, Johann Friedrich Braune, »daß die Registriergeräte tatsächlich eine Arbeitserleichterung bedeuten«. Immerhin sollen die Apparate gleich die Kasse, Buchführung und Lagerhaltung der Tabak- und Zeitschriftenläden mit erledigen, die den Annahmestellen meist angeschlossen sind.
Andererseits halten Tippschein-Kassierer wie Obergröbner, als Vorsitzender der bayrischen Lotto-Toto-Vertriebsgemeinschaft einer der Wortführer der Branche, die Aufrüstung für eine »gefährliche Entwicklung«. Kleine Lottobucher könnten »aus dem Geschäft gedrängt werden«.
Tatsächlich wollen die Lotterien, die nicht nur das Spiel organisieren, sondern auch die Konzessionen für die Annahmestellen vergeben, nicht alle Lottostellen in den Datenverbund aufnehmen. »Wer nicht genug Umsatz macht«, stellt Lottoblock-Sprecher Reimer schon jetzt klar, werde mit den teuren Geräten (voraussichtlicher Stückpreis: etwa 20 000 Mark) nicht ausgestattet.
Wenn die Datentechnik erst einmal ausgereift sei, befürchtet Obergröbner, würden die vertrauten Annahmestellen wohl »langfristig ganz ausgeschaltet«. Wie heute schon Bankautomaten, könnten in einigen Jahren, so die Vision des Lotto-Geschäftsmannes, an allen Ecken Annahmeapparate unabhängig von Geschäftszeiten die Tips buchen.
Um die Aufrüstung zügig voranzutreiben, erwägt der Lottoblock, nun eine amerikanische Beratungsgesellschaft mit der Erarbeitung eines Elektronik-Konzepts zu beauftragen. Zudem werden demnächst ausgewählte Annahmestellen in Wiesbaden erstmals elektronische Registriergeräte einsetzen.
Der gute alte Lottoschein hat trotzdem noch nicht ausgespielt. Schon um Stammspieler, die an Papier und Kuli gewöhnt sind, nicht zu verschrecken, versichert der Wiesbadener Spielführer Dumschat, werde der Lottoblock »an diesem Stück Gewohnheit weiterhin festhalten«.