Bücher Repression befreit
Jedem Bundesbürger soll -- per Verfassung -- die »Verwirklichung eines von persönlicher Reife und geistig-kulturellen Interessen geprägten Lebens« zur Pflicht gemacht werden.
Gerhard Szczesny hält eine solche Grundgesetz-Änderung allen Ernstes für nützlich. Der Freiheitsdrang der Bundesbürger. so meint er. sei »zu einem schädlichen und enthumanisierenden Prinzip« geworden (und kommt damit sorgenvollen Kanzler- Betrachtungen über die westliche Demokratie nahe). Er fordert deshalb eine neue. eine »disziplinierte« Demokratie. Sie soll den »Mut zur Unterdrückung spontaner Wünsche« besitzen, denn ohne Repression gebe es keine Humanisierung.
Szczesnys Buch markiert eine neue Station in der erstaunlichen Wandlung des Autors. Nach 1945 hatte er als antichristlicher Aufklärer begonnen. Heute meint er. daß die von ihm propagierte Demokratie der (personalen und gesellschaftlichen) »Selbst-Beherrschung« letztlich nur »mit Blick« auf das asketische Ideal der Selbstverleugnung möglich sei -- also ein Ideal, das von zölibatären Vorstellungen wohl nicht allzuweit entfernt ist.
1961 wollte Szczesny als Gründer der Humanistischen Union die »freiheitlich-demokratische Ordnung« gegen jede »weltanschaulich gebundene« verteidigen. Heute verlangt er vom Staat, er solle seinen Bürgern statt »Selbst-Enthemmung« ein verpflichtendes »Lebensmodell« anbieten, und versteigt sich schließlich sogar zu der Forderung. der Staat möge -- um die Priorität »geistig-spiritueller« Werte durchzusetzen -- Dichter. Denker und Künstler nach Beamten-Art besolden.
Szczesnys Vorschläge demonstrieren auf ziemlich bestürzende Weise die Irritation eines ehemaligen Linken über die Zukunft der westlichen Demokratie. Georg Wolff