Rettende Kartei - DER SPIEGEL
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MEDIZIN / VERGIFTUNGEN Rettende Kartei

• aus DER SPIEGEL 5/1968
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie ehedem im Paradies sind im modernen Haushalt die Früchte des Erkenntnisdranges vergiftet. Die Opfer sind jährlich ein- bis zweitausend neugierige Kinder, die mit bedrohlichen Vergiftungssymptomen in bundesdeutsche Kliniken und Wiederbelebungszentren eingeliefert werden. Etwa hundert von ihnen sterben; nahezu 30 000 weitere Kinder jährlich kommen mit dem Schrecken davon.

In ihrem natürlichen Forschertrieb kletterten sie auf Stühle und öffneten vermeintlich sichere Hausapotheken, prüften die Beschaffenheit von Mottenkugeln mit Zähnen und Zunge, knabberten an Lippenstiften, schlürften aus Spülmittelflaschen, schleckten Waschmittel oder verspeisten die luftverbessernden Täfelchen im Klo.

Wie sich die Überlebens- und Genesungschancen vergifteter Kinder verbessern lassen, diskutierten Berliner Kinderärzte letzte Wocke auf einer Veranstaltung der Berliner Akademie für ärztliche Fortbildung. Das vor Jahren erworbene Universitätswissen der Mediziner wurde im gleichen Maße unzulänglich, wie immer neue Chemie-Produkte die Haushalte überschwemmten: Viele tausend Wirkstoffe werden unter mehreren zehntausend Phantasie-Handelsnamen angeboten, unüberschaubar selbst für den Experten, der Vergiftungen erkennen und behandeln soll.

Wenn ein Kind mit Vergiftungserscheinungen eingeliefert wird, geht es fast immer um Minuten. Aber oft ist die Ursache der Vergiftung den Kinderärzten so unerklärlich wie primitiven Medizinmännern das Wirken böser Geister: Die Ingredienzen der meisten Haushaltsmittel werden von den Herstellern als Betriebsgeheimnis gehütet; nur selten wird -- verklausuliert -- auf die Gefährlichkeit der Erzeugnisse hingewiesen.

Meist verfügen nur große Kliniken über das labortechnische Rüstzeug, das Aufschluß darüber gibt, warum die Atmung des Kindes plötzlich aussetzte oder Leber und Nieren nicht mehr funktionierten. 90 von den 100 vergifteten Kindern, die alljährlich in der Bundesrepublik sterben, könnten nach Schätzung der Experten gerettet werden, wenn sich Ursache und Gegenmittel sogleich exakt angeben ließen.

Einen besseren Start im Wettlauf mit der Giftwirkung versprechen sich deutsche Kinderärzte mithin von einer Einrichtung, die es in anderen Industrieländern schon seit mehreren Jahren gibt: von einem Netz zentraler Gift-Informationsstellen, die in Notfällen telephonisch über die gefährlichsten Bestandteile eines Spül- oder Desinfektionsmittels und die richtige Sofortbehandlung Auskunft geben.

Die ersten Giftnotruf-Zentralen entstanden Anfang der fünfziger Jahre in den USA; inzwischen sind es über 500. Eine Zentralstelle beschafft von den Produzenten die Rezepte aller Haushaltsmittel, druckt sie auf Karteikarten und verschickt diese an die Filialen.

Ähnliche Notrufzentren wachen seit mehreren Jahren auch in Brüssel, Kopenhagen, Utrecht, Oslo, Paris, Lyon, London, Stockholm und Zürich über die heimische Handelsware. Die Zürcher Auskunftsstelle, private Stiftung des Schweizerischen Apothekervereins, besitzt mittlerweile mehr als 16 000 Karteikarten.

Den bundesdeutschen Giftkatalog verwaltet der Chemiker Dr. Wolfgang Pietrulla im Bundesgesundheitsamt in Berlin. Ohne gesetzlich dazu gezwungen zu sein, verraten ihm die Chemiefirmen die giftigen Bestandteile ihrer Erzeugnisse, die er dann in seiner Kartei vermerkt. Zu den Empfängern. der vertraulichen Informationen gehören die acht deutschen Gift-Informationszentren, die einen 24-Stunden-Auskunftsdienst eingerichtet haben*.

Die Karteikästen (Inhalt bisher: 636 Karten) füllen sich freilich nur langsam. Jede einzelne Karte muß von einem Expertengremium, das nur wenige Male im Jahr tagt und in der Zwischenzeit allenfalls schriftlichen Kontakt hält, geprüft und gebilligt werden.

Nicht allein die Geheimniskrämerei der Industrie wird jedoch von den Ärzten für den neuzeitlichen GiftmißStändig erreichbar sind folgende Giftzentralen: Berlin, Medizinische Universitätsklinik im Städtischen Krankenhaus Westend (Telephon 305 01, Apparat 466) und Städtische Kinderklinik Berlin-Charlottenburg (3 04 67 97 oder 3 04 03 11/2/3); Freiburg, Universitäts-Kinderklinik (2 01 33 16); Hamburg, II. Medizinische Abteilung des Krankenhauses Barmbek (6 30 10 51, Apparat 345/6); Homburg (Saar), Universitäts-Kinderklinik (47 25 16); Mainz, 12. Medizinische Universitätsklinik (20 72 64); München, Städtisches Krankenhaus rechts der Isar (4 47 72 11); Nürnberg, Medizinische Klinik der Städtischen Krankenanstalten (3 99 31). Geplant sind solche Zentren in Bonn, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt, Göttingen, Heidelberg, Koblenz, Ludwigshafen, Münster, Papenburg und Stuttgart.

stand verantwortlich gemacht: Hauptschuldige sind allzu sorglose Eltern.

»Wenn ein Kind ein Jahr alt geworden ist, beginnt eine Gefahrenzeit« erläuterte der Kinderarzt Professor Heinrich Wiesener auf dem Berliner Ärzte-Kolloquium: Das Kind kann sich frei bewegen, will seine Umwelt erkunden und benutzt seinen Mund zur Prüfung jedes erreichbaren Gegenstandes. Dabei entwickelt es mehr Findigkeit und Ausdauer, als ihm die Eltern gewöhnlich zutrauen.

Seit Jahren tüfteln die Juristen des Bonner Gesundheitsministeriums an einem »Bundesgiftgesetz«, das die Hersteller zwingen soll, Eltern und Verbraucher auf den Gefährlichkeitsgrad ihrer Produkte hinzuweisen. Eine vollständige Deklarierungspflicht der chemischen Zusammensetzung freilich möchten die Gesetzesmacher der deutschen Industrie nicht zumuten: In der Bundesrepublik sind -- anders als etwa in den USA -- nur Herstellungsverfahren, nicht jedoch die Substanzen selbst durch Patente geschützt; die Chemie-Firmen haben demnach ein Interesse an der Geheimhaltung.

Zum Aufdruck von Gefahrenstufen auf der Verpackung, so glaubt Pietrulla, werden sich die Produzenten wohl bequemen müssen. Ahnungslosen Hausfrauen stünden dann einige Überraschungen bevor. Der international angesehene Schweizer Toxikologe Professor Franz Borbély etwa teilt alle Gifte in sieben Gefahrenklassen ein -- die Stufen eins bis sechs sind im modernen Haushalt reichlich vertreten: > Zur Giftklasse eins (tödliche Dosis für Erwachsene ein Kilogramm, für Kinder 100 Gramm) gehören Baby-Öle, Rasiercremes, Kerzen.

* Klasse zwei (tödlich für Erwachsene zwischen 300 Gramm und einem Kilogramm, für Kinder zwischen 30 und 100 Gramm) verzeichnet Badezusätze, Haut- und Haarcremes, Haarwasser, Lippenstifte, Dauerwellen-Präparate, Farbstifte.

* Klasse drei (tödliche Dosis für Erwachsene zwischen 30 und 300 Gramm, für Kinder zwischen drei und 30 Gramm) enthält Schaumbäder, Schweißpuder, Kölnisch Wasser, Shampoos, Nagellacke, Nagellackentferner, Spülmittel, Möbelpolituren, Fensterreiniger, Wäschebleicher, Kopierstifte, Stempelfarben, Abführmittel.

* Klasse vier (tödliche Dosis für Erwachsene zwischen drei und 30 Gramm, für Kinder zwischen 0,3 und drei Gramm) nennt Sommersprossencremes, Haarentferner, Parfums, desinfizierende Spülmittel und desinfizierende Seifen, Fleckentferner, Kleiderreiniger, Schmerztabletten.

* Klasse fünf (tödliche Dosis für Erwachsene 0,3 bis drei Gramm, für Kinder drei Hundertstel bis drei Zehntel Gramm) enthält Wund-Desinfektionsmittel, Metallreiniger und viele Schädlingsgifte.

* Klasse sechs (tödlich für Erwachsene schon in wenigen Hundertste] Gramm für Kinder in wenigen Tausendstel Gramm) enthält viele Medikamente und die hochgiftigen Schädlingsbekämpfungsmittel wie beispielsweise E 605.

Unbekannt ist zumeist auch, wie die Teilnehmer des Berliner Symposiums beklagten, welche Gefahren Giftopfern von einer Substanz drohen, die nach alter Volksmär sogar als Heilmittel gegen Vergiftungen gut ist: Milch.

In Wahrheit beschleunigt Milch das Eindringen der meisten Gifte in den Körper. Auf diese Weise kann eine gerade noch verträgliche Giftmenge zur tödlichen Dosis werden.

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