GESELLSCHAFT / SELBSTMORD Rettender Streik
Spring doch, du Feigling!« riefen Zuschauer dem zögernden Lebensmüden zu, der auf dem 30 Meter hohen Sims eines Wasserturms kauerte: Jürgen Peters, 19, Tankwart aus Kassel, stürzte sich vom Turm in die Tiefe.
»Bild« war dabei, als Peters starb. Eine Photoreportage vom Tod des Tankwarts brachte das Blatt auf der ersten Seite. Den Ruf aus der Menge machten die Redakteure zur Schlagzeile -- und damit möglicherweise zur Aufforderung an eine unbekannte Zahl von potentiellen Selbstmördern.
Zu dieser Vermutung berechtigt eine Studie, die jetzt In der amerikanischen Zeitschrift »Archives of General Psychiatry« erschienen ist: Sensationelle Presseberichte über Selbstmordfälle, so lautet das Fazit der Untersuchung, ermutigen offensichtlich viele suizidgefährdete Leser, ihrer Freitod-Neigung nachzugeben.
Der Autor der Studie, der Mediziner Jerome A. Motto von der Universität von Kalifornien, konnte erstmals nachweisen, was die Suizidforscher schon seit langem zu wissen glauben. Häufig, so konnten die Wissenschaftler immer wieder beobachten, handelten Selbstmörder als Anschlußtäter -- etwa nach dem Freitod Prominenter oder nach besonders aufsehenerregenden Selbstmordfällen.
Dem Sex-Idol Marilyn Monroe beispielsweise, das sich 1962 mit Schlaftabletten vergiftete, folgten zahlreiche Fans in den Tod -- sie starben auf die gleiche Weise wie ihr Vorbild. Und als sich im letzten Jahr in Prag der Student Jan Palach öffentlich mit Benzin übergoß und verbrannte, gaben sich binnen einer Woche sechs weitere junge Tschechen den Feuertod.
Einen statistischen Beweis für den Zusammenhang zwischen Selbstmord-Meldungen und Anschlußtaten hat nun Suizidforscher Motto erbracht. Die Gelegenheit dazu bot ihm ein Zeitungsstreik in Detroit (US-Staat Michigan), der insgesamt 268 Tage dauerte; es war der längste Zeitungsstreik der Pressegeschichte.
In der Zelt vom 17. November 1967 bis zum 10. August 1968 erschienen in Detroit (1,7 Millionen Einwohner) keine Tageszeitungen -- mithin auch keine Selbstmordberichte. Motto nutzte die Nachrichtensperre: Er verglich die Selbstmörder-Rate in dem zeitungslosen Jahr mit den Freitod-Statistiken der vier vorhergehenden Jahre und den entsprechenden Zahlen im Jahr nach dem Presse-Streik.
Resultat der statistischen Analyse: Während des Zeitungsstreiks lag die Zahl der Selbstmörder im Raum von Detroit um 20 Prozent unter der Durchschnittsquote der vorangegangenen vier Jahre. Im Streikjahr starben weniger Menschen den Freitod als in jedem der vier Jahre zuvor.
Freilich, das Ergebnis dieses allgemeinen Zahlenvergleichs erlaubte, wie Motto betont, zunächst nur vage Schlußfolgerungen: Auch in den früheren Untersuchungsperioden war die Selbstmörder-Rate von Jahr zu Jahr gesunken. Deutlichere Spuren des Zeitungsstreiks zeigten sich erst, als der Suizidforscher die Todesstatistik aufschlüsselte.
Dabei ermittelte Motto, daß die Selbstmordziffern besonders in bestimmten Bevölkerungsgruppen zurückgegangen waren. Dramatisch verringerte sich die Freitod-Rate der weiblichen Einwohner von Detroit -- ihre Selbstmord-Quote sank im Streikjahr um etwa 60 Prozent unter den Durchschnittswert der Vorjahre. Einen weniger markanten, wenngleich spürbaren Rückgang der Selbstmordfälle fand Motto zudem in den jüngeren Bevölkerungsgruppen, den Altersklassen zwischen 15 und 35 Jahren.
Suizidforscher Motto hält es für charakteristisch, daß die Zahl der Selbstmorde während des Detroiter Zeitungsstreiks gerade bei Frauen und Jugendlichen zurückging -- beide Gruppen sind nach Ansicht Mottos besonders anfällig für die »subtile Verherrlichung« von Selbstmördern durch die Presse: Vor allem bei Frauen unter 35 Jahren, so deutet Motto seine Befunde, könnten gefühlsbeladene Selbstmordberichte leicht »ein morbides Interesse am Tod« wecken.
Offenbar beeinflussen die Pressemeldungen Selbstmörder auch bei der Auswahl der Todesart. Während des Zeitungsstreiks in Detroit wurden manche Selbstmordarten nicht mehr, andere kaum noch registriert, so zum Beispiel Vergiften, Ertränken und Todesstürze.
Statt dessen stieg im gleichen Zeitraum der Anteil der Selbstmörder, die sich auf klassische Weise umbrachten mit Schußwaffen.