Rhinos in Rio - DER SPIEGEL
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PALÄONTOLOGIE Rhinos in Rio

Zwanzig Jahre lang hat ein indischer Geologe die Fachwelt genasführt. Jetzt muß die Geschichte des Himalaja neu geschrieben werden.
• aus DER SPIEGEL 31/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wann immer er in Paris ist, pflegt der australische Paläontologe John Talent der ausgesucht gut sortierten Fossilienhandlung des Monsieur Alain Carion in der rue St. Louis en l'Ile einen Besuch abzustatten. Dieser Gewohnheit folgte er auch im August des Jahres 1986 - damals erstand er einige Ammoniten aus einem berühmten marokkanischen Grabungsgebiet namens Erfoud.

Zur selben Zeit fügte der indische Geologe Viswa Jit Gupta von der Panjab University seinen zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen über die Geologie des Himalaja zwei weitere hinzu. An die 300 Abhandlungen über dieses Thema hatte Gupta bis dahin verfaßt - ein ebenso fleißiger wie begnadeter Forscher offenbar, auf seinem Gebiet schon fast eine Kapazität. Er hatte aufsehenerregende Fossilienfunde gemacht und, auf diese begründet, in der Kollegenschaft vielbeachtete Theorien über die erdgeschichtliche Entwicklung des indischen Subkontinents entwickelt.

Wieder zu Hause in New South Wales, wo er an der Macquarie University lehrt, nahm John Talent die aus Paris mitgebrachten Ammoniten in näheren Augenschein - es überkam ihn, so erinnert er sich, »Entsetzen, by God, das schiere Entsetzen«. Denn vor sich sah er dieselbe Art von Ammoniten, die im Himalaja gefunden zu haben der geschätzte Kollege Gupta in seiner jüngsten Veröffentlichung angegeben hatte - was nicht möglich sein konnte, denn die Ammoniten aus Erfoud sind so unverwechselbar einzigartig wie der Fingerabdruck eines Menschen.

Dies war das erste Indiz. Es führte John Talent auf die Spur eines wissenschaftlichen Betrugs, der ohnegleichen ist in der Geschichte der Paläontologie: Viswa Gupta hat die Zunft der Erdgeschichtsforscher mehr als zwei Jahrzehnte lang genarrt und genasführt - mit Fossilienfunden, die er nie gemacht hat, und mit Theorien, die so gut wie alle auf Lackmeierei beruhen. »Seine Publikationen basieren auf völlig falschen Angaben«, so Talents Ermittlungsergebnis, das unlängst im Wissenschaftsblatt »Nature« veröffentlicht wurde, unter dem Krimi-Titel »Der Fall der wandernden Fossilien«.

Seitdem üben sich die Paläontologen in aller Welt im Haareraufen. »Wie konnte das nur geschehen?« wunderte sich etwa der Amerikaner Gary Webster, und der Franzose Philippe Janvier fragte: »Weshalb sind wir ihm so lange aufgesessen?« Wie viele ihrer Kollegen waren auch sie Gupta ins Garn gegangen - mit der Folge, so der Deutsche Willi Ziegler, »daß weite Teile der wissenschaftlichen Literatur über die Erdgeschichte des Himalaja von Fehlern durchzogen und damit wertlos sind«.

Daß Guptas Falschspiel erst so spät aufkam, lag vor allem an seinem Geschick, namhafte Paläontologen als Ko-Autoren für seine Publikationen zu gewinnen. Beispielhaft für sein Vorgehen ist die Geschichte mit den Ammoniten, jenen in dicken Kalkschalen behausten Kopffüßern aus den Meeren des Erdaltertums, die der Inder im Himalaja gefunden haben wollte.

Gupta sandte die Fossilien an den angesehenen deutschen Paläontologen Heinrich Erben - verbunden mit der Bitte, der Professor möge die Fundstücke begutachten und das Ergebnis in eine gemeinsame Publikation einbringen. Erben beschrieb getreulich, was er sah, nämlich Ammoniten eines bestimmten erdgeschichtlichen Zeitalters, und sandte einen Bericht entsprechenden Inhalts an Gupta. Der verkoppelte Erbens (richtige) Einordnung der Fossilien mit Angaben über deren (angeblichen) Fundort im indischen »Tidong-Tal 70 Kilometer östlich von Morang« - fertig war eine weitere aufsehenerregende Veröffentlichung: Ammoniten im Gebiet des Himalaja, das war eine kleine Sensation, denn niemals zuvor war ein Forscher dort auch nur auf eines dieser Tierchen vom Stamm der Tintenfische gestoßen.

Zunächst brachte der Fund die Experten in Erklärungsnöte. Denn bis zum Erscheinen von Guptas Bericht im Jahre 1983 hatten sie angenommen, die Meere um das Gebiet des heutigen Indien seien kühl gewesen. Ammoniten jedoch waren ausschließlich in tropisch warmen Gewässern beheimatet. Da den Fachleuten der Name Erben als Mitautor für die Seriosität der Publikation bürgte, änderten sie ihre ursprüngliche Ansicht - mit allen Konsequenzen, die sich daraus für die erdgeschichtlichen Vorgänge auf dem indischen Subkontinent ergaben.

Nach derselben Methode hatte Gupta der Fachwelt im Laufe der Jahre eine ganze Menagerie von Fossilien präsentiert, die vorher in der Mikrofauna des Himalaja unbekannt gewesen waren: Bestimmte Conodonten, zähnchenförmige Gebilde aus phosphorsaurem Kalk, die nur im Nordosten Amerikas vorkommen; Fusulinen, kunstvoll gebaute Kalkgehäuse von einzelligen Tieren, die sonst nur auf dem amerikanischen Kontinent auftauchen; Crinoiden, Reste von Seelilien, die in Teilen von Europa und Nordamerika verbreitet sind; Brachiopoden, die nur im Gebiet der Eifel gefunden wurden - bis Gupta 1987 behauptete, die zweischaligen Armfüßer auch aus dem Felsengrund des Karakorum geschlagen zu haben.

Jeder für sich genommen, waren die von Gupta publizierten Funde zwar ziemlich erstaunlich, erregten aber keinen Verdacht bei den Erdhistorikern. Erst jetzt, nachdem sie Guptas OEuvre in seiner Gesamtheit studiert haben, kommen die Geologen darauf, welch bodenlosem Blödsinn sie aufgesessen sind. Denn wären Guptas Funde echt, hätte es im Erdaltertum eine Meeresverbindung zwischen Europa, Asien und Amerika geben müssen - doch damals, vor 350 Millionen Jahren, hing die gesamte Landmasse noch fest zusammen, vereint im Urkontinent Pangäa, der vom Urmeer Panthalassa umgeben war.

Erst vor etwa 200 Millionen Jahren, in der Jurazeit, brach diese urzeitliche Landmasse in Kontinente auseinander, die langsam voneinander wegdrifteten. 150 Millionen Jahre danach prallte der (bis dahin eigenständige) indische Subkontinent auf den asiatischen Kontinent. Wo die beiden Landmassen aufeinanderstießen, faltete sich die Erdkruste zu jenem Gebirgsmassiv auf, das 50 Millionen Jahre später unter der Bezeichnung Himalaja zum Schummelplatz des Geologen Gupta werden sollte.

Der mühte sich, wenn auch nicht redlich, eine Art von System in seinen sich im Laufe der Jahre vermehrenden Zoo maritimer Fossilien zu bringen - das Ergebnis läßt die Experten heute ob ihrer früheren Blindheit erschauern. Denn Gupta schuf nicht einmal ein in sich logisch geschlossenes Wahnsystem, sondern, so Willi Ziegler, Direktor des Senckenberg-Instituts in Frankfurt, »das vollständige Chaos - da stimmt nichts, aber auch schon gar nichts zusammen«.

Daß sie so lange auf Gupta hereingefallen sind, liegt auch daran, daß das Bild, das die Geowissenschaftler von den erdgeschichtlichen Ereignissen haben, einem unvollständigen Mosaik gleicht, zusammengesetzt aus vielen Einzelbeobachtungen, deren Richtigkeit und Bedeutung sich häufig erst nach vielen Jahren erweist.

Mit einiger Sicherheit vermögen die Paläontologen das Alter und die »Stratigraphie«, die Aufeinanderfolge von Gesteinsablagerungen, bestimmen. Sie tun dies unter anderem anhand sogenannter Leitfossilien - Versteinerungen charakteristischer Pflanzen und Tiere, die zu unterschiedlichen Zeiten existiert haben: Erdschichten mit gleichen Fossilien müssen zur gleichen Zeit entstanden und ebenso alt sein wie die darin eingeschlossenen versteinerten Lebewesen.

Gupta jedoch ließ immer wieder Fossilien aus verschiedenen Zeiten in denselben Gesteinsschichten auftauchen. »Es ist einfach unerklärlich, daß er mit solchen bizarren Ungereimtheiten so lange durchkam«, wundert sich John Talent, der auch erst durch die in Paris gekauften Ammoniten aus Erfoud auf das Treiben des Inders aufmerksam wurde.

Talent fiel auf, daß die Ammoniten auf den Photos, die in Guptas Publikation über den Fund im Himalaja abgedruckt waren, dieselben Merkmale aufwiesen, die Ammoniten aus Erfoud kennzeichnen: Infolge des hohen Eisengehalts der Erde sind sie rot-schwarz gefärbt und von auffälligem Glanz.

Mit detektivischem Spürsinn durchstöberte Talent daraufhin das Konvolut an Veröffentlichungen, das Guptas Ansehen begründet hatte - er stieß auf ein Gespinst von über 100 Fälschungen: Mal hatte Gupta Conodonten, die aus dem Kalksteingebiet von Amsdell Creek im US-Staat New York stammten, als Fundstücke aus dem Himalaja ausgegeben; mal hatte er, offenbar konfus geworden, für ein und dasselbe Fossilien-Exemplar zwei 600 Kilometer voneinander entfernte Fundstellen genannt.

Dann wieder wollte er einen vor 300 Millionen Jahren in den Seen des heutigen China beheimateten Fisch im Himalaja gefunden haben - obwohl der indische Subkontinent damals noch weit vor der Küste Asiens lag. »Es ist schon bemerkenswert«, notierte Talent ironisch, »daß ein Süßwasserfisch so weit durchs Meer schwimmen kann.«

Seine so exklusiven Funde hat sich Gupta, so jedenfalls vermutet Talent, im Fossilienversand besorgt - etwa bei Monsieur Carion in Paris oder den Geological Enterprises in Oklahoma, wo zum Beispiel Fusulinen im Achterpack für zwei Dollar zu haben sind.

Es sei schon ziemlich erstaunlich, so Talent, mit welcher Leichtfertigkeit viele Forscher dem Kollegen Gupta aufgesessen seien: »Dessen Funde waren ungefähr so glaubhaft wie die Behauptung, daß es in Rio Rhinozerosse gebe oder Känguruhs in Kaschmir.«

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