FILM Rififi mit Computer
Man kann Rudolf Thomes neuen Film so erzählen: Ein Mann verliebt sich in eine Frau, die ihrerseits die Freundin oder Komplizin eines Gangsters und Koks-Dealers ist. Da beide für ein geplantes Verbrechen den Mann brauchen, ködert ihn die Frau. Dann bereiten sie ihren Coup vor. Die Millionen-Beute schaffen sie ins Ausland. Nachdem sie die Beute verteilt haben, mischt sich eine andere Gang ein ...
Oder man kann Rudolf Thomes Film so erzählen: Auf einer Berliner Vernissage in einer Galerie lernt ein Computer-Ingenieur und Schach-Freak eine französische Schauspielerin kennen, die mit einem Mann liiert ist, der ebenfalls Schach-versessen ist und sich seinen Lebensunterhalt dadurch verdient, daß er gelegentlich mit Antiquitäten handelt. Die drei werden Freunde ...
In dem Film treten der Cellist Mikro Rilling, die Performance-Künstlerin und Minimal-Musikerin Laurie Anderson und eine Trommlergruppe der Basler Fasnacht auf.
Bruno Ganz spielt den Helden. Dominique Laffin, die ihren Ruhm dem feministischen
Film »La femme qui pleure« verdankt, spielt eine Französin, die Bruno Ganz ihren Film »La femme qui pleure« zeigt. Hanns Zischler, der zur Berliner Szene gehört wie zu dem schönen Thome-Film »Berlin Chamissoplatz«, spielt einen Schluri der Berliner Kulturszene.
Ist »System ohne Schatten« also ein Film über die Berliner Szene, in der es nicht so abgesichert zugeht wie in der Hamburger und nicht so lodenhaft chic wie in München? Oder ist »System ohne Schatten« ein Krimi aus der Computer-Welt, in der ein zwielichtiger Dandy und eine nervöse heimatlose Spielerin einen sympathisch unangepaßten Ingenieur aus seiner Bahn reißen, indem sie ihn dazu überreden, mit ihnen und seinem Computer-Wissen eine Bank anzuzapfen?
Der Reiz von Thomes Film resultiert daraus, daß er beides ist und beides nicht ist: ein Krimi und ein Film über ein Lebensgefühl. Denn der Krimi erwächst aus der intellektuellen Spielerei, mit der die drei nichts ernst nehmen außer sich und ihre Beziehungen. Und das Lebensgefühl erwächst daraus, daß sie alles ernster nehmen als sich (Geld vor allem), daß sie Spielchen miteinander veranstalten.
Thomes Film lebt von der undurchschaubaren Zwielichtigkeit seiner Figuren, von einer Story, die ein modernes Verbrechen schildert - Rififi im Zeitalter der Elektronik: Man muß nicht mehr den Tresor knacken, sondern nur noch den Computer-Code. Es gibt wohl kaum einen anderen Krimi, in dem so wenig geschossen, geboxt, eingebrochen, bei Nacht und Nebel geflohen wird.
Trotzdem handelt der Film von kaum etwas anderem. Was seinen Reiz ausmacht: Daß da geschossen, geraubt, Verstecken gespielt wird, zeigt er vor allem in den Attitüden, Wünschen, Hoffnungen und Reaktionen seiner Figuren.
Thomes Film ist so aufregend und spannend, weil das Dreieck, das da den Coup seines Lebens landet, so aufregend und spannend besetzt ist.
Bruno Ganz spielt einen liebenswürdigen, leicht verschrobenen Eigenbrötler, der beim Schachspielen an ein Paar gerät, das ihn nach und nach zur Komplizenschaft überredet. Er spielt einen Vierziger, der sich zurechtfindet (er hat einen guten Job und einen Audi Quattro), ohne angepaßt zu sein. Daß er auf Dominique Laffin trifft, die sich selbst spielt und eine Glücksspielerin dazu, macht aus dem Krimi eine seltsam rauhe und zarte Romanze.
Dominique Laffin ist kaputt und schön, ist skeptisch und romantisch, ist verliebt und realistisch. Und sie hat eine Stimme und einen Akzent, für die allein man in den Film gehen sollte; wenn sie deutsch radebrecht, dann ist das eine Liebeserklärung und eine vernichtende Sprachkritik zugleich.
Hanns Zischler ist der undurchschaubare Dritte. Wenn Berlin Hollywood wäre und die achtziger Jahre die Vierziger, wäre er ein Superstar der Schwarzen Serie, der in Bruno Ganz einen angegammelten Parzifal, einen schütter gewordenen Achtundsechziger trifft.
Da der Film in Berlin gedreht wurde und in Berlin spielt, ist Zischler ein lebender Zeuge für das Berliner Lebensgefühl der Achtziger. Thomes Film ist spannend ohne Krimi-Grobheit und er ist sensibel ohne die fatale Wenders-Nabelschau. Er macht Spaß - wenn man Geduld hat.
Hellmuth Karasek _(Dominique Laffin und Bruno Ganz. )
Dominique Laffin und Bruno Ganz.