Rituale der Glatzen - DER SPIEGEL
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KINO Rituale der Glatzen

Zwei besessene Hamburger Nachwuchsregisseure machen mit einem Film über die Skinhead-Szene international Furore - nur in Deutschland ist ihr Werk unerwünscht.
• aus DER SPIEGEL 40/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Junge, den sie Tiger nannten, verblutete während der Fußballweltmeisterschaft 1998. Er war in die falsche Kneipe gegangen und hatte für die falsche Mannschaft gejubelt. Um die Kerle am Tresen zu provozieren, na klar. Tatsächlich ging einer von denen mit einer abgeschlagenen Bierflasche auf Tiger los, der lag schnell am Boden, und die Polizei ließ sich Zeit. War ja nur ein Punk. Tiger war 21, als er starb.

Ihm ist der Film gewidmet, den die Zwillingsbrüder Dominik und Benjamin Reding gedreht haben, denn Tiger sollte eigentlich eine kleine Rolle in »Oi! Warning« kriegen. »Die meisten haben keine Ahnung, wie viele junge Leute da draußen krepieren«, sagt Dominik. »Die Sterblichkeitsrate von Punks und Skins ist enorm.«

Auch in »Oi! Warning« stirbt ein junger Bauwagen-Punk, aber die Brutalität dieser Szene erklärt noch lange nicht, warum die Reding-Brüder in den letzten sieben Jahren gegen »eine Mauer des Schweigens« (Benjamin) in der deutschen Filmförderung anrennen mussten.

So lange arbeiten sie schon an »Oi! Warning«, ihrem Schwarzweißdrama über jugendliche Skin-Glatzen. Die Redings haben »Oi!« nicht einfach nur gedreht. Sie leben für ihren Film, rund um die Uhr. Er ist »mit uns verwachsen«, sagt Benjamin, »irgendwann hatten wir das Gefühl: Wenn wir das jetzt nicht drehen, wird diese Geschichte nie erzählt«. 141 Aktenordner haben die Brüder mit »Oi!«-Unterlagen gefüllt; die meisten davon verstopfen - zusammen mit Filmrollen, Filmplakaten und CD-Stapeln - das Erdgeschoss eines winzigen, renovierungsbedürftigen Mietreihenhauses in Hamburg-Billstedt.

Hier, wo der soziale Wohnungsbau häufig ins Asoziale abrutscht, haben die Zwillinge ihre Zwei-Mann-Firma namens »Schlammtaucher« eingerichtet. Zwischen den Schreibtischen haust Dominik auch privat. Für weniger als 900 000 Mark haben die sparsamen Brüder - als Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten - ihr Debütwerk auf beachtlichem Niveau fertig gestellt. Dominik, der »Oi!« als Abschlussfilm an der Hamburger Kunsthochschule vorlegt, hat im Brüderteam »das Visuelle« übernommen; Benjamin dagegen, als Schauspieler ausgebildet und als Hörspielsprecher gefragt, die Arbeit mit den Darstellern.

»Oi! Warning« erzählt eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Der 17-jährige Janosch (Sascha Backhaus) haut aus seinem bürgerlichen Elternhaus am Bodensee ab und fährt zu seinem heimlichen Vorbild ins Ruhrgebiet. Koma (Simon Goerts) ist inzwischen in der Skin-Szene aktiv, sammelt Trophäen als Amateurboxer und nimmt den schmächtigen Janosch unter seine Fittiche.

Der bemüht sich nach Kräften, bei den Männlichkeitsriten der Glatzen mitzuhalten, und brüllt bei Konzerten eifrig »Oi! Oi!«, jenen Schlachtruf der Szene, der für Spaß am Saufen, Feiern und Prügeln steht. Aber bald lockt ihn die unbekümmerte Freiheit und Freundlichkeit eines Feuer schluckenden Punks (Jens Veith). Janosch löst sich aus Komas Bann, und der rächt sich mit einer feigen, grausamen Tat.

In expressiven Schwarzweißbildern zeigt »Oi! Warning« den Reiz, den alkoholduselige Pogo-Gruppenekstasen und Massenschlägereien ausüben, aber die Erzählhaltung des Films wahrt immer Abstand zu den archaischen Ritualen der Glatzen. Nur wer Dutzende von moralischen Warnflaggen missachtet, kann »Oi!« als Gewalt verherrlichende Hymne auf die Freuden des Skin-Lebens verstehen.

Im Ausland schien man auf dieses Drama über die Anziehungskraft der rohen Gewalt nur gewartet zu haben. Neben der St.-Pauli-Jungsfabel »Absolute Giganten« war »Oi! Warning« der einzige deutsche Film, der dieses Jahr beim Sundance-Festival in den USA gezeigt wurde.

Inzwischen ist das Glatzendrama auf mehr als 20 Filmfestspiele weltweit eingeladen worden, acht Auszeichnungen hat es gewonnen und ist in Branchenblättern wie »Variety« anerkennend besprochen worden. Im Billstedter Reihenhaus hängt die Urkunde, mit der die angesehene amerikanische »Directors Guild of America« vergangenes Jahr die Redings als »außerordentliche Nachwuchstalente« würdigte.

Nur in Deutschland bewiesen die Experten in den Filmgremien wieder (wie jüngst bei Farhad Yawaris »Dolphins"), dass sie Geld und Auszeichnungen am liebsten bekannten Größen zuschustern. Fast überall wurden die Förderanträge der punkigen, unberechenbaren Newcomer mit den Stoppelhaarschnitten, den schweren Stiefeln und den Ohrringen abgelehnt - vielleicht auch aus der Angst heraus, ein rechtsradikales Machwerk zu unterstützen und sich politisch in die Nesseln zu setzen.

Kürzlich wollte sich das zuständige Komitee nicht zu einem »Wertvoll« für »Oi! Warning« durchringen, einem Prädikat, mit dem selbst die Pubertätsflause »Harte Jungs« bedacht wurde. Verwiesen wurde auf handwerkliche Mängel; vor allem aber klagten die Prüfer, der Film gehe »in vielen Szenen einfach zu weit«, seine »pädagogische Wirkung« sei »sehr zweifelhaft«. Ausgerechnet die Junkie-Ballade »Trainspotting« hielt das Gremium als leuchtendes, didaktisch wertvolles Vorbild dagegen.

Auch die Teilnahme an einem hoch dotierten Wettbewerb für Nachwuchsfilmer wurde ihnen, ärgert sich Benjamin, »mit fadenscheinigen Ausreden« ursprünglich verweigert. Gewonnen haben sie den Wettbewerb dann natürlich nicht. Dementsprechend können sich die Brüder, inzwischen 31, in Rage reden ("Manchmal kriegst du die heilige Wut"), auch wenn ihr Werk endlich einen engagierten kleinen Verleih gefunden hat und am 19. Oktober in zahlreichen Kinos starten wird.

Dabei ist das rein rhetorische Interesse groß. »Alle reden von rechtsradikaler Gewalt«, beschwert sich Dominik, »wir sind die Einzigen, die einen Film über die Skinhead-Szene gemacht haben, und wir werden totgeschwiegen.«

Damit ihr Film echt wirkt, haben sie drei (unterschiedlich begabte) Laien als männliche Hauptdarsteller gecastet. »Wir wollten Leute, denen man abnimmt, dass sie die Straße kennen«, sagt Dominik. Darum haben sie auch darauf geachtet, dass jeder Schnürsenkel richtig (parallel, nicht über Kreuz) gebunden war, jeder Aufnäher und jede übers Bett gepinnte Flagge authentisch wirkten. Den Soundtrack lieferte unter anderem Loikämie, eine Skin-Band aus Plauen.

Die Redings haben sich bewusst die Szene der unpolitischen Sauf- und Rauf-Skins ausgesucht, »damit die Zuschauer nicht sagen können: Das ist nicht meine Welt«, erklärt Dominik. »Von Nazi-Skins, die ,Heil Hitler' rufen, könnten sie sich viel leichter abgrenzen.« SUSANNE WEINGARTEN

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