SPIEGEL-Essay Robert Schneider
hat als Autor ein Wechselbad der Gefühle durchleben müssen. Während sein erster, später auch verfilmter Roman »Schlafes Bruder« 1992 von der Literaturkritik nahezu einhellig begrüßt wurde, hagelte es auf seine »Luftgängerin«, zu Beginn dieses Jahres erschienen, ebenso unisono Verrisse. Auch der Verkaufserfolg blieb hinter den Erwartungen zurück: Die bisherige Auflage der Geschichte eines engelgleichen Wesens liegt knapp über 100 000 - wenig angesichts des vorherigen Millionenerfolgs.
Der Österreicher Schneider, 37, in Bregenz geboren und als Adoptivkind in einem Bergdorf in Vorarlberg aufgewachsen, hat - nach einer ersten Enttäuschung - betont gute Miene zu all dem gemacht und sich in Interviews und auf einer umfangreichen Lesetournee von der munteren Seite gezeigt. Doch sein romantischer Aufruf zu einem »neuen Ton des Miteinanders«, zu mehr Gefühl und Tagträumerei, zu »Schwachheit, Irritation, Zaudern« dürfte auch der eigenen wunden Seele zu danken sein - und einer wachen Wahrnehmung dessen, welche Sehnsüchte seine Zuhörer und vor allem Zuhörerinnen zumeist in beträchtlicher Zahl in die Lesungen treiben. »Wir verlachen uns gegenseitig«, bedauert der Dichter in seinem SPIEGEL-Essay - ein Plädoyer gegen den bloß ironischen und zynischen Umgangston der heutigen Mediendemokratie.