FILM Robinson wird zum Retter
Weh uns Fußkranken des Globalisierungswettlaufs, uns mit dem Klammerbeutel gepuderten Kleinanlegern samt unserem Internet-Anschluss, Wap-Handy und Palm Pilot, uns zur Flexibilität verdammten Einzelkämpfern, die wir auf dem Individualisierungsaltar der New Economy all die Errungenschaften opfern, die unseren humanistisch gebildeten Vorfahren teuer waren.
Seit »Tradition und Nachbarschaft vom digitalen Turbokapitalismus pulverisiert wurden«, seit der Neoliberalismus in Politik und Wirtschaft tobt, »die Prinzipien von Macht und Geld nackt hervortreten« und abendländische Werte »funktional obsolet« wurden - wie »Die Zeit« klagt -, scheint nirgends mehr Rettung aus der Sinnkrise unserer Zivilisation in Sicht - außer in Hollywood.
Tom Hanks heißt der Retter, der wie ein mildäugiger Hippokrates aus Hollywood seine Hand auf das Gebresten der Zeit legt, und »Cast Away - Verschollen« heißt sein Film. Die amerikanische Kritik hat ihn bejubelt, die amerikanischen Zuschauer haben ihn gestürmt, und der Turbokapitalismus hat - siehe die pulverisierten Aktienkurse - beschämt einen Gang zurückgeschaltet. Wer will da noch behaupten, Hollywood sei nichts als Prozac für das Volk?
»Cast Away« ist die Geschichte einer Prüfung. Es erwischt einen zufriedenen Jedermann namens Chuck, der freudig am Globalisierungsrädchen dreht, denn Chucks Lebensaufgabe besteht darin, weltweit die Lieferzeiten von FedEx-Paketen zu verkürzen. Der Zeitsparprofi trägt selbst beim Weihnachtsessen seinen Pager - wir sind im Jahr 1995 - und verspricht seiner Lebensgefährtin am Flugplatz rasch die Ehe, ehe er wieder in einen FedEx-Flieger klettert. Schneller, immer schneller soll die Welt umspannt werden. Ein Job, für seine Symbolkraft gewählt - die Filmemacher (Regie Robert Zemeckis, Drehbuch William Broyles Jr.) hätten das Moppelchen Chuck genauso gut zum Vertreter für Süßwaren machen können.
Dann stürzt er mit dem Flugzeug ab, irgendwo über dem Pazifik, und wird an die Gestade einer einsamen Insel gespült. Alle Mitreisenden sind tot, sein Pager ist kaputt, und seine Uhr tickt nicht mehr. Chuck ist aus der Welt und aus der Zeit gefallen, ein Aussteiger wider Willen. Adieu, Turbokapitalismus. Als Memento mori schwemmt die Flut die Leiche eines Stewards an. Auch ein paar FedEx-Pakete werden an den Strand gespült.
Die Geschichte vom Gestrandeten, der seine Rückversetzung in einen Naturzustand meistern muss, geistert durch die Weltliteratur, seit Daniel Defoe 1719 seinen »Robinson Crusoe«-Roman veröffentlichte. Auch verfilmt wurde sie immer wieder, und seit kurzem variiert das Fernsehen die Crusoe-Story: In mehreren Reality-TV-Reihen - in den USA etwa »Survivor«, bei Sat.1 »Das Inselduell« - unterzogen sich Gruppen meist gut gebauter Selbstdarsteller unter strikter Kamerabewachung den Strapazen des einfachen Lebens.
Die Sehnsucht nach der Wildnis aber, der sich der Endverbraucher - abgefedert durch das mediale Bungee-Seil von Film und Fernsehen - als Stellvertreter der Akteure hingeben darf, wird in diesen aktuellen Crusoe-Erzählungen systematisch diskreditiert. Am Ende sieht der Status quo der technophilen Gegenwart immer sehr verlockend aus.
Natur tut weh, ist eklig und macht einsam. Natur muss bewältigt werden statt erlebt. Die Philosophie der Machbarkeit hat Besitz ergriffen von der alten Erzählung. Hatte der Bibelleser Robinson Crusoe seinen Schiffbruch noch als Schicksal erfahren (und sich diesem demütig unterworfen), das ihm die göttliche Vorsehung zugeteilt hatte, um die Vollkommenheit der Seinsordnung zu erkennen, so sind in »Cast Away« von dieser religiösen Deutung nicht einmal Spurenelemente übrig geblieben.
Der Mittelteil des Films wirkt wie ein Survival-Übungsvideo. Chuck, der unfreiwillige Steinzeitmann, lernt unter Schmerzen, Keile aus Felsbrocken zu hauen, Trinkwasser zu sammeln und Feuer zu machen. Als ihm das schließlich gelingt, singt er keine Choräle, sondern: »Come on, baby, light my fire.« Später erschafft sich Chuck eine rudimentäre Kultur, indem er die Wände seiner Schlafhöhle mit Porträts seiner Geliebten bemalt und sich einen (in einem Paket angeschwemmten) Volleyball zum Gesprächspartner erkürt.
Gerade diese minutiöse Schilderung des Alltags aber übt offenbar einen großen identifikatorischen Reiz auf die Zuschauer aus, denn »Cast Away« lädt zu der Frage ein: Wie hätte ich mich an Chucks Stelle geschlagen? Wäre ich auf die Idee gekommen, die Kufen der Damenschlittschuhe (ein anderes Paket) als Messer einzusetzen? Hätte ich begriffen, dass sich aus dem Tüll eines Abendkleids (noch ein Paket) ein Fischnetz basteln lässt? Wie steht es um meine Boyscout-Fähigkeiten?
In den langen, beobachtenden Einstellungen, die nur mit natürlichen Geräuschen unterlegt sind, begreift auch der letzte Zuschauer, warum Tom Hanks, 44, so versessen darauf war, diesen Film zu drehen. Die Grundidee stammte von ihm, er hat sie jahrelang verfolgt, bis ihm sein Erfolg schließlich erlaubte, die fast allen Hollywood-Regeln widersprechende Einmann-Show zu verwirklichen.
Die Leinwand gehört ihm, und das Archaische der Erzählung legt dem Zuschauer nahe, dass er den Darsteller gleichsam in einem Zustand der Unschuld betrachtet - alles Gemachte, die ganze hochkomplizierte Apparatur des Filmens scheint abzufallen von dieser Gestalt, die ihre nackte Haut retten will. Die Natürlichkeit, immer schon Ziel des klassischen amerikanischen Schauspielstils, wird hier nahezu zum Selbstzweck: nicht mehr darstellen, sondern sein.
Doch der Naturalismus enthält eine Sehnsucht nach metaphysischer Erlösung. Schon in ihrem Welterfolg »Forrest Gump« (1994) hatten Hanks und Zemeckis eine messianische Parabel erzählt. Noch deutlicher als der reine Tor Gump ist nun Chuck derjenige, der für uns alle die Sünden der Zivilisation büßt - unser Schmerzensmann und Erlöser.
Die Zeit in der Wildnis ist seine Prüfung, und der Film lässt gar nicht erst die Frage aufkommen, ob sie vielleicht etwas anderes sein könnte - eine Chance zur Freiheit, ein Neubeginn.
Von den Plakaten, mit denen »Cast Away« in Deutschland beworben wird, starrt Chuck mit leidumwölktem Gesicht herunter, und im Film hat er sich - nach vier Jahren - zu einem abgezehrten, wallebärtigen Eremiten im Lendenschurz heruntergefastet (dafür mussten die Dreharbeiten für ein Jahr unterbrochen werden, in dem Hanks mit Hilfe von Ernährungsberater und Fitness-Coach etwa 25 Kilo abnahm).
Weil von Gott nicht mehr die Rede ist, muss der Mensch sein Heilsversprechen übernehmen. Darum wird Chuck nicht - wie seinerzeit Robinson Crusoe - gerettet, sondern nimmt sein Schicksal selbst in die Hand. Als eine Art Segel angeschwemmt wird, verlässt er auf einem selbst gebauten Floß die Insel. Wie E. T. will Chuck eigentlich immer nur eines - nach Hause in die Kuhwärme der Gemeinschaft, heim zur Geliebten, deren Bild er jahrelang gehütet hat. Er ist draußen, und er will wieder rein.
Wer vom Außenseiter erzählt, der erzählt immer auch von der Gesellschaft. Gerade die Crusoe-Geschichte bietet die Gelegenheit, die domestizierte Welt mit dem fremden, verwunderten Blick des heimkehrenden Wilden zu betrachten. Warum ist alles so, wie es ist? Und ist es gut so?
Doch »Cast Away« vermeidet peinlich jedwede Zivilisationskritik. Der auferstandene Chuck (man hatte, wie er erfährt, an seiner statt feierlich einen leeren Sarg beerdigt) darf ein Feuerzeug schnappen lassen und ratlos-pikiert ein üppiges Meeresfrüchte-Buffet mustern.
Aber dass er in die beste aller denkbaren Welten heimgekehrt ist, daran lässt der Film keinen Zweifel. Chucks Ankunft im Alltag vollzieht sich, als seine einstige Lebensgefährtin ihm seinen alten Jeep zurückgibt und er sich ans Steuer setzt, als hätte er nicht vier Jahre lang Zeit gehabt, über die Sinnlosigkeit beschleunigter Fortbewegung nachzudenken.
Die Moderne hat ihn wieder, er ist noch etwas betäubt, aber erleichtert über seine Ankunft in der Gemeinschaft. Niemand ist eine Insel, schon gar nicht Chuck. Sinnkrise? Turbokapitalismus? Wer »Cast Away« gesehen hat, wird jeden Nasdaq-Absturz verschmerzen. Wir können dankbar sein für die Segnungen der Zivilisation. Wenn das kein Trost ist. SUSANNE WEINGARTEN