TARZAN Rohes Hack
Ähnlichen Klang brachte in der Geschichte der abendländischen Tonkunst nur noch der Chopper von Regensburg zustande, es trug ihm eine Geldbuße ein. Dem Johnny Weissmuller aber gereichte der Ton zum Ruhm: »Aiiaiiiiaiiiiiiiaaijaiijaaaaaaaaau!«
Es war die Stimme des Herrn. Tarzan brachte dazu die Hände zehn Zentimeter vor den Mund, klappte die Handkanten um 45 Grad nach außen, holte tief Luft und wölbte die Brust. Am vorletzten Freitag starb Weissmuller in Acapulco.
Der Gewaltige, Herrscher des Urwalds, fünffacher Olympiasieger 1924 und 1928 (erst Mark Spitz gewann mehr Gold) war der erste Mensch der Welt, der 100 Meter Kraul in weniger als 60 Sekunden bewältigte - er war auch im Alter kein bißchen leise. Gern erschreckte er als Greis mit seinem Ruf die Insassen kalifornischer Pflegeheime. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« aber schrieb wie Hans Albers: »Good bye, Johnny.«
1931 wurde der Athlet für Hollywood entdeckt, bis 1948 ist er neunzehnmal Tarzan gewesen. So gut wie er war keiner. Dem Elmo Lincoln, Tarzan Nummer eins, blieb der letzte Schrei versagt, denn 1917 war der Tonfilm noch weit. Tarzan Nummer drei, Percy Tabler (1921) war zu fett, Herman Brix (1935) bloß Kugelstoßer. Miles O'Keefe war 1981 zu sehr in die ausladende Bo Derek verstrickt. Ihnen, wie allen 12 anderen fehlte Johnny Weissmullers Unschuld des wahrhaft Weisen: »Ich Tarzan, du Jane.«
Das Wort Tarzan kommt aus der Affensprache und heißt »weiße Haut«, denn eine Äffin hat das Menschenkind gehegt. So erdachte es der Amerikaner Edgar Rice Burroughs für ein Groschenheft im Jahr 1912.
Burroughs war Soldat gewesen, Kuhtreiber, Polizist und, letzte Station vor dem Durchbruch in die Weltliteratur, Vertreter für Bleistiftspitzer.
Seine Romane vom edlen Wilden schottischer Abstammung machten ihn zum Multimillionär. Bevor er 1950 starb, wurden zwei Städte (in Kalifornien und Texas) mit dem Namen Tarzana gesegnet.
Den dunklen Kontinent hat er nie betreten.
Burroughs und sein Clan verkauften oder hielten die Lizenzen für Schallplatten und Hörspiele, die Comic strips erschienen in 141 Tages- und 156 Wochenzeitungen. Vor allem an den 26 Tarzan-Romanen aber hangelten sich die Feuilletonisten durchs Dickicht der Theorie wie an Lianen.
»Tarzan ist die Projektion des Spießers, des Antiintellektuellen, des sozial, politisch, moralisch und sexuell frustrierten Mannes«, erkannte die »Welt«.
»Immer wieder wird Tarzan mit Königinnen und Priesterinnen konfrontiert, die ihn ihren Göttern opfern wollen.« Zum Schlachtfest aber kommt es nie, weil »er ein Gott ist, und zwar der mächtigere« - also sprach »Die Zeit«.
»Genüßlich ausgespielte Details wie die braune Hand auf der nackten Schulter«, schrieb Kritiker Hans C. Blumenberg, verschafften dem Leser am nackten Wilden »untergründige Erregung«.
»Keineswegs nur das trivialisierte Sinnbild paradiesischer Unschuld (Adam und Eva)« machte Kritiker Wolf Donner an der »amerikanischen Ehe« (wohl: Tarzan und Jane) aus. Da sei auch der »fatale Einschlag vom Ideal des Nazi-Recken und seines blonden 'Mädels'«.
Burroughs' Tarzan aber kämpfte gegen Commies und Nazis gleichermaßen. Im Kalten Krieg hatte ihn Stalin liquidieren wollen, im Weltkrieg Hitler. Als in dem Film »Tarzan und die Nazis« das Äffchen Cheetah in ein reichsdeutsches Mikrophon brabbelt, merken in Berlin die Rundfunkleute auf: »Der Führer spricht.«
Der höheren Kritik gilt Tarzan mal als Sadist, mal als Masochist, mal als Sadomasochist und neuerdings als der erste Grüne. Rassist ist der Negerbezwinger ohnehin. Verdeckte Homo-Erotik habe Burroughs riskiert, entdeckte die »New York Times Book Review«, Mordlust, Blutrausch, Vatermordphantasien ebenso.
Dem Edgar Rice Burroughs aber war sein Geschöpf von Adel. Denn Tarzan, Abkömmling des schottischen Lords Greystoke und seiner Gemahlin, verabscheut nichts mehr als flache Gespräche. Im Alleingang lernt er Englisch aus Büchern. Bei seinen Trips in die Zivilisation verschlingt er ganze Bibliotheken. Rohes Hack liebt er, aber dem Kannibalismus erliegt er dann doch nicht: »Er wußte nur, daß er das Fleisch dieses schwarzen Mannes nicht essen mochte. Der Jahrtausende alte Instinkt bewahrte ihn.«
Tarzans Film-Schrei ist eine synthetische Mixtur aus Kamelblöken, Hyänengeheul, Hundeknurren und, allegro marziale, dem Wimmern einer Geigensaite in g.
Weissmuller konnte ihn fast so natürlich wie im Film - eine Leistung, die Mark Spitz wohl nie erbringen wird. Und niemand verkörperte wie Weissmuller in Tarzan, so die Schriftstellerin Heidi Pataki, die kindliche, »halbbewußte Rebellion gegen die Restriktionen der bürgerlichen Gesellschaft«.
Derzeit bemüht sich der englische Regisseur Hugh Hudson ("Die Stunde des Siegers") um einen »authentischen« Tarzan in seinem Film »Greystoke« - strikt nach Burroughs' erstem Roman. Da soll Tarzan gar sein väterliches Erbe im Hochland antreten.
In dem Film, es wird Nummer 42 sein, wird denn womöglich auch gepflegt parliert werden. Das allerdings wäre der Sündenfall. Niemand wußte das besser als Johnny Weissmullers Regisseur.
Einmal wollte der Schwimmer an die Grenzen seiner schauspielerischen Fähigkeiten reichen und änderte die Aussage »Du gehen« eigenmächtig in »Du gehen schnell«. Da wies ihn der Regisseur zurecht: »Quatsch nicht soviel.« Das ist der Mythos, auf den Punkt gebracht.