Rolf Becker über drei neue Bücher von Doris Lessing
Seitdem ihr berühmter (wohl auch bester) Roman »Das goldene Notizbuch« sie 1978 mit 16jähriger Verspätung endlich auch in Deutschland gebührend bekannt gemacht hat, wird Doris Lessings umfangreiches OEuvre von den Verlagen S. Fischer und Klett-Cotta Buch für Buch nach-importiert, mit ehrenwerter Ausdauer und in verwirrend unchronologischer Abfolge.
Seither auch ist die englische Schriftstellerin wiederholt von deutschen Interviewern aufgesucht worden. In einer dieser Befragungen (jetzt abgedruckt in der »Neuen Rundschau") hat sie ihr Unbehagen darüber geäußert, sich »innerlich zwanzig Jahre zurückversetzen« und Fragen zu ihrem Werk beantworten zu müssen, »als sei ich immer noch die Doris Lessing von damals«.
Man kann der heute 61jährigen Autorin dieses Unbehagen nachfühlen, aber es wird ihr kaum erspart bleiben können. Die beiden neuen alten Lessing-Romane, die dem deutschen Leser in diesen Tagen vorgelegt werden, drängen ihm geradezu Fragen nach der Doris Lessing »von damals« und einen Vergleich der alten mit der neueren Lessing auf.
»Martha Quest« ist von 1952, »Anweisung für einen Abstieg zur Hölle« auch schon zehn Jahre alt. Gehören also beide Romane zu jenen, von denen sich die Autorin »innerlich« mehr oder minder weit entfernt zu haben glaubt? Und welcher von beiden steht uns heute näher?
Die neueste, die Doris Lessing der achtziger Jahre, hat sich bekanntlich der »Space-fiction« verschrieben, einer Literatur kosmologischer Utopien (SPIEGEL 8/1980). Von diesem Genre scheint das Frühwerk »Martha Quest« tatsächlich Lichtjahre entfernt zu sein.
Der Roman hat ein vergleichsweise irdisch-alltägliches Thema: Er beschreibt, gewiß teil-autobiographisch, die Ablösung eines aufgeweckten jungen Mädchens vom als bedrückend empfundenen Elternhaus.
Martha Quest, kolonialenglische Farmerstochter im Rhodesien der Jahre vor 1939, rebelliert gegen britisch-bourgeoise Rassen- und Klassenvorurteile, gegen engherzigen mütterlichen Fürsorgezwang vor allem. Freundschaften mit jungen jüdischen Intellektuellen, Bekanntschaft mit liberalem Bürgertum in der Landeshauptstadt, erste berufliche und sexuelle Erfahrungen, schließlich eine überstürzt geschlossene Ehe sind Stationen ihrer Emanzipation, auf die der Schatten des bevorstehenden Weltkriegs fällt.
Bei »Martha Quest« ist Doris Lessing noch mit den Mitteln des traditionellen psychologisch-realistischen Erzählens ausgekommen. In dem zwei Jahrzehnte später erschienenen Roman »Anweisung für einen Abstieg zur Hölle« hantiert sie mit einer anspruchsvolleren Thematik und moderneren, experimentellen Erzählformen.
Das Buch handelt von einem Mann, der in einem psychischen Zusammenbruch sein Gedächtnis verliert und dabei übersinnliche »höhere« Einsichten gewinnt. Professor Charles Watkins, Altphilologe, erlebt sich als eine Art kosmischen Odysseus, der mit Warnungen vor einer Menschheitskatastrophe und Ahnungen von einer besseren Welt über die Ozeane und schließlich durchs All treibt.
In einer Londoner Klinik streiten zwei Psychiater über die für Watkins angemessene Therapie. Verwandte und Freunde geben Auskunft über sein Vorleben. Am Ende gewinnt er durch Elektroschock seinen sogenannten Realitätssinn, seine verlorene bürgerliche Identität zurück.
Der Roman gibt sich dokumentarisch -- ein fiktives Dossier aus Watkins' Wahnprotokollen, den Äußerungen der Ärzte und Briefzitaten. Er liest sich wie eine Fallstudie aus der Praxis des britischen Psychiaters Ronald D. Laing, der Schizophrenie als eine Form der Selbstverteidigung gegen unerträglichen Außenweltdruck deutet und positiv bewertet.
Des Romans Botschaft ist demnach klar: Was wir Realitätssinn nennen, ist oft die Verkennung höherer, wahrer Wirklichkeit, und in einer so kranken Welt wie der unseren ist der (Geistes-) Kranke vielleicht der wahre Gesunde.
Dieses Motiv nun ist fortgeschrittenen Lessing-Lesern nur zu vertraut. Im »Goldenen Notizbuch« notiert es sich die Hauptfigur, die Schriftstellerin Anna Wulf, als Idee für eine Erzählung. In der »Viertorigen Stadt«, dem (noch nicht ins Deutsche übersetzten) fünften und letzten Band eines 'Romanzyklus', der mit »Martha Quest« beginnt, taucht es ebenso auf wie in Doris Lessings S.180 erstem »Space-fiction«-Roman »Shikasta« (auch noch unübersetzt).
Hier wie dort und wie in »Anweisung für einen Abstieg zur Hölle« figurieren übersensible Menschen, in denen eine verständnislose Mitwelt nur Geisteskranke, Verrückte sieht, als hellsichtige Katastrophenmelder, als Seismographen eines Unheils, das die Gesellschaft, die Menschheit, den Planeten im ganzen bedroht.
Zugleich und andererseits übermitteln sie Ahnungen von einem befriedeten Weltzustand, die Vision eines paradiesischen Utopia -- beispielsweise eben jener »Viertorigen Stadt«, von der im übrigen schon die junge Martha Quest wachträumt.
Man sieht, das Thema beschäftigt nicht erst die neuere Doris Lessing. Man erkennt, wie sie es immer deutlicher zu einer Botschaft, einer Mahnung ausgeformt hat. Und man könnte nur meinen, die neuere Lessing müsse uns auf jeden Fall stärker interessieren als die frühe, die Geschichte des Professors Watkins zum Beispiel uns näher gehen als die der Martha Quest.
Doch überraschenderweise -- diese Erkenntnis vermittelt die zufällig gleichzeitige deutsche Spätpublikation der beiden zwei Jahrzehnte auseinanderliegenden Romane -- verhält es sich umgekehrt.
»Martha Quest«, das bescheidenere Buch, ist bewegender als die ambitionierte »Anweisung«. Die Verfasserin des Frühwerks zeigt sich mit genauen Menschen-, Gesellschafts- und, nicht zuletzt, wunderbar intensiven Naturschilderungen als kräftige Erzählerin und kluge Psychologin von ihrer besten Seite.
Der spätere Schizophrenie-Roman mit seinem planetarisch-apokalyptischen S.181 Überbau wirkt dagegen fahl und schwerfällig.
Charles Watkins ist, trotz der aus Verwandten- und Bekannten-Aussagen zusammengesetzten Personenbeschreibung, eine wenig überzeugende, einigermaßen leblose Figur, fast so abstrakt wie die auf ihre gegensätzlichen Standpunkte reduzierten und als »Dr. X.« und »Dr. Y.« anonymisierten Psychiater-Rivalen.
Watkins' kosmische Phantasiewelten bleiben trotz der poetischen Anstrengung und der wortreichen Ausführlichkeit, mit denen die Autorin sie ausmalt, ziemlich unanschaulich. Nur peinlich albern, als eine mißglückte Offenbachiade, wirkt ihr Einfall, personifizierte stellare Gottheiten mit Namen wie Merk Ury und Minna Erve launig über das Weltenlos debattieren zu lassen.
Die realistische Erzählerin von 1952 gibt mit der individuellen, privaten Geschichte des Mädchens Martha Quest ohne Anstrengung und ganz nebenbei auch Allgemeines, Zeitgeschichte und Sozialkritik.
Die Autorin der »Anweisung für einen Abstieg zur Hölle«, 1971, hat vor allem Allgemeines im Sinn, kritische und reformatorische Ideen und sogar beinahe mystische. Sie predigt manchmal mehr als daß sie erzählte. Für mich ist es keine Frage, welche Lessing ich vorziehe.
Übrigens erscheint in diesem Herbst noch ein drittes Buch der bewundernswert produktiven Schriftstellerin in deutsch: »Doris Lessings Katzenbuch«. Es handelt nicht nur von Katzen, sondern auch von deren Menschen, und fast hätte ich gesagt, es sei mir das liebste der drei -- aber das wäre doch zu privat.