Rot bekämpft - DER SPIEGEL
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MARC-AUSSTELLUNG Rot bekämpft

• aus DER SPIEGEL 36/1963
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Maler hegte Rehe in seinem Garten im oberbayrischen Sindelsdorf und blätterte stundenlang in Brehms »Tierleben«. Er wollte Tiere darstellen, nicht wie Menschen sie sehen, sondern wie sie sich selbst sehen. Sein Ziel war eine »Animalisierung« der Kunst.

Für Franz Marc hatte die Zahl der dargestellten Tiere Bedeutung (eins = Sinnbild; zwei = Paar; drei = »heilige Drei« oder »Mysterium der Familie"), und erst recht hatten die Farben Symbolwert: »Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, brutal und schwer, und stets die Farbe, die von den andern beiden bekämpft und überwunden werden muß!«

Marcs blaue Pferde, rote Rehe und grüne Kühe sind in ungezählten Bildbänden und auf Hunderttausenden von Postkarten verbreitet. Das Gesamtwerk des in diesem Jahrhundert zweifellos populärsten deutschen Malers dagegen ist noch niemals ausgestellt worden. In Münchens Städtischer Galerie ist jetzt die größte Marc-Ausstellung zu sehen, die es bisher gegeben hat.

Der plakatierte Ausstellungs-Untertitel »Das Gesamtwerk« allerdings ist irreführend, weil einige Marc-Bilder im Kriege zerstört wurden, weil einige andere (zum Beispiel »Die großen blauen Pferde«, »Tierschicksale") nicht hergeliehen wurden und weil eines der Hauptwerke Marcs, »Der Turm der blauen Pferde«, als verschollen gilt. Mare-Experten wollen wissen, dieses aus dem Bestand der Berliner National-Galerie direkt in die Münchner Ausstellung »Entartete Kunst« von 1937 überstellte Gemälde sei heute im Besitz eines amerikanischen Sammlers, der aus fiskalischen Gründen einstweilen das Inkognito wahre.

Tatsächlich ist das Bild 1939 in der inzwischen historischen Luzerner Auktion nicht aufgetaucht, auf der die Nazis moderne Kunst aus öffentlichen deutschen Sammlungen, soweit sie im Dritten Reich als »entartet« diskriminiert worden war, gegen gute Devisen versteigern ließen. In der »Entartete Kunst« -Ausstellung mußte das Bild wieder abgehängt werden, weil es auf die Besucher, die bewundernd vor dem Gebirge aus Pferdeleibern stehenblieben, einen höchst unerwünscht positiven Eindruck machte.

Seitdem hat die Popularität des 1880 in München geborenen, 1916 vor Verdun gefallenen Malers Marc ein für seine künstlerische Bedeutung fast gefährliches Ausmaß angenommen. Den Schaden wiedergutmachen, den »zu viele und zu schlechte (Marc-) Reproduktionen« angerichtet haben, möchte denn auch Galerie-Direktor Hans Konrad Röthel mit der jetzt in München gezeigten großen Marc-Schau.

Marcs Biographie als Frühvollendeter erfüllt in fast idealer Weise die Publikumsvorstellung vom deutschen Künstlerschicksal - abgebrochenes Philosophiestudium, Hungerjahre als Künstler einer noch verfemten Richtung, Heldentod als Artillerieoffizier -, seine Briefe und theoretischen Schriften aus dem Felde weisen ihn als guten Deutschen aus, der auf ein besseres Europa hofft; sein Werk steht fest in der Tradition deutscher Romantik, deren Symbol, die »blaue Blume«, Marc durch das Tier ersetzte: Zusammen mit Wassily Kandinsky gründete er 1911 die Künstlervereinigung »Der Blaue Reiter«. Marc an Kandinsky, 1912: - »Das leichtsinnige Volk der Futuristen soll einen deutschen Kopf kennenlernen.«

Für den Lyriker Rainer Maria Rilke war der Besuch einer Marc-Ausstellung »ergreifend« und »ein Ereignis«; für die Dichterin Else Lasker-Schüler, der er auf Feldpostkarten Aquarelle malte, war Marc »ein Großbiblischer«. Vor der Wissenschaft hatte Marc allen schuldigen Respekt, technischer Fortschritt dagegen war ihm verhaßt: »Eisenbahn - die platteste Plebejererfindung; Flugmaschine - kann sie irgendwie dem Geist dienen?«

Vollends unwiderstehlich ist konventionellem deutschem Kunstsinn der bevorzugte Gegenstand Marcscher Malerei: Rehe und Rehkitze, Pferde und Fohlen, Kühe und Kälber, Katzen und Eichkätzchen. Die Art allerdings, wie die Tiere gemalt wurden, mißfiel der Majorität der Interessenten zunächst und auf lange Zeit durchaus. Denn so rückschrittlich Marc die Technik sah, so bedingungslos fortschrittlich verfuhr er in Sachen der Kunst.

Kandinsky berichtete, daß Marcs Bilder

auf der ersten Ausstellung des »Blauen Reiters« 1911 in München allabendlich gereinigt werden mußten, weil sie von Besuchern angespuckt, worden waren. Und noch im Nachruf für Franz Marc, den die »Münchner Neuesten Nachrichten« 1916 druckten, formulierte das Blatt die Gewißheit daß sich Marc bei längerer Lebensdauer »aus jenen Absonderlichkeiten losgerungen«, haben würde, ein Pferd blau und eine Kuh gelb darzustellen.

Nichts spricht dafür, daß diese Kritikerhoffnung von 1916 je in Erfüllung gegangen wäre, zumal Marc von 1914 an zuweilen sogar abstrakte Bilder gemalt- hat, in deren Formen, auch wenn sie animalischen Konturen ähneln, keine - Gegenstände mehr zu erkennen sind. Die gegenwärtige Münchner Ausstellung, deren dreihundert Exponate bei über hundert Leihgebern zusammengetragen werden mußten, zeigt überdeutlich die Etappen-Entwicklung Marcs.

Marc, zunächst unter dem Einfluß seiner zeitgebundenen Münchner Lehrer, hatte in Paris - er war 1907, am Hochzeitsabend seiner ersten Ehe, nach dort geflohen, ohne Frau - Bilder von französischen Impressionisten und von van Gogh gesehen, der nicht ohne Einfluß blieb. Erst um 1910, nach seiner Bekanntschaft mit dem (1914 gefallenen) Maler August Macke und einem Verwandten Mackes, dem Kunstsammler Bernhard Koehler, der ihm monatlich 200 Mark aussetzte, begann Marc, Formen und Farben gegen jede Konvention expressionistisch zu handhaben.

Marc, 1911: »Es gibt keine 'Gegenstände' und keine 'Farben' in der Kunst, sondern nur Ausdruck.« Die Wiederentdeckung der Farben und Formen als eines autonomen malerischen Mittels, unabhängig vom Naturvorbild, ist von Marc und seinen Zeitgenossen unter Schmerzen vollzogen, aber von kaum einem anderen als ihm dem Publikum so einleuchtend gemacht worden. Das Publikum quittierte die Lehre mit Bewunderung: Bereits in den ersten zwei Wochen der Münchner Marc-Schau kamen nicht weniger als 15 000 Besucher.

Zwar fehlen in München am Ziel, das »Gesamtwerk« auszustellen, einige Stücke. Dafür sind mindestens vier Bilder aufgenommen, deren Authentizität umstritten ist. Galerie-Direktor Röthel hofft, daß sich über sie eine Diskussion entwickelt, bei der die Frage der Urheberschaft endgültig geklärt wird: »Wenn jemand ein Bild hat, das bisher 400 000 Mark wert ist, und ich sage, es ist nur 400 Mark wert, würde doch daraus der größte Unsinn entstehen. Wir wollen nur die Diskussion der Fachleute in Gang setzen.«

Marc-Gemälde »Blaues Pferd«

»Es gibt keine Gegenstände ...

Maler Marc, zweite Ehefrau

... sondern nur Ausdruck«

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