Rote Ernte
Schon lange handeln Gangsterfilme nicht mehr von Gangstern, sondern von Gangsterfilmen: Ihre Zeit scheint ein auf immer und ewig festgefrorenes Jahr 1929 zu sein, ein Jahr der harten Fäuste und ratternden Maschinengewehre.
Gute Gangsterfilme sind Kriegsfilme aus den ethnischen Sozialschlachten der Alkoholschmuggler und Glücksspielbetreiber. Ihre Atmosphäre aus bedrohlicher Einsamkeit und explosiver Gewalt ergibt sich eher aus dem Stil als aus dem Milieu. Man erkennt gute Gangsterfilme unter anderem daran, wie die Protagonisten ihre Hüte tragen. Und daran, wie sie ihre Vorbilder verarbeiten und weiterentwickeln.
»Miller's Crossing« von Joel Coen (das Drehbuch schrieb der Regisseur zusammen mit seinem Bruder Ethan Coen) ist ein ausgezeichneter Gangsterfilm: Er hat Stil, er hat ein stupendes Zeitgefühl, eine wirkungssichere Geduld - und er versetzt seine Zuschauer in eine Atmosphäre, die wie aus Dashiell-Hammett-Romanen, wie aus Jean-Pierre-Melville-Filmen herüberzuströmen scheint - ohne daß man das Gefühl hätte, hier seien epigonale Plünderer am Werk.
Nein, die Coens sind Erneuerer: Sie können sich die alten Mittel leisten.
In »Miller's Crossing« verlangt der italienische Gangster Johnny Caspar (Jon Polito), der sein Geld mit Wettmanipulationen verdient, von dem irischen Gangster Leo (Albert Finney), der die Stadt beherrscht und bei dem man neben Schnaps, Huren und Glücksspielen auch persönliche Sicherheit kaufen kann, daß er die Beseitigung des kleinen jüdischen Gangsters Bernie Bernbaum (John Turturro) erlaubt: Der habe ihn beim Betrügen von Wetten durch Verrat betrogen - so etwas verderbe die Moral. Doch der Ire verweigert die Erlaubnis. Weil, so schält sich bald heraus, Verna (Marcia Gay Harden), die Schwester des kleinen Schwindlers, den alternden Leo mit ihrer Liebe versorgt.
Hauptheld ist Leos junger Freund Tom Reagan (Gabriel Byrne), der viel trinkt und noch mehr Wettschulden hat. Normalerweise läßt er sich für Leo in Stücke hauen, der dafür normalerweise auf seinen klugen Rat hört. Der Haken ist nur: Verna, die jetzt für ihren Bruder mit dem Boß Leo schläft, liegt lieber und aus Liebe bei seinem Freund und Adjutanten Tom.
Prompt kommen die eisernen Gesetze, auf die Gesetzlose besonders nachdrücklich und blutig achten müssen, durcheinander. Ein Betrüger wird nicht bestraft, zwei Freunde schlafen mit der gleichen Braut, ein Gangster, dem sein Recht nicht zuteil wird, beginnt Amok zu laufen. In der Stadt, die der Mob nach einer genau abgestimmten Hierarchie beherrscht, ist der Teufel los.
Polizeichef und Bürgermeister, korrupt und windelweich, schlagen im Auftrag der Rivalen schlotternd und mit panikartigem Vernichtungswillen los - bald nach der einen, bald nach der anderen Seite. Eine Stadt gerät in einen Bandenkrieg, das Gesetz wird roh und laut gebrochen, während scheinbar seine Einhaltung herbeigeschossen wird: Es ist wie eine filmische Bestätigung von Hammetts »Roter Ernte«.
Tom gerät zwischen alle Fronten. Immer wieder wird er furchtbar zusammengeschlagen, immer wieder rappelt er sich auf - und spielt ein tödlich bedrohliches Doppelspiel: Während er seinen mächtigen Freund Leo im Bett betrügt und im Gangsterkrieg verrät, dient in Wahrheit alles dazu, die alten Gangsterordnungen und Freundschaftshierarchien wiederherzustellen. In dieser brutalen und kältesten Welt ist nur auf heroische Freundschaft Verlaß: »Miller's Crossing« erinnert in seiner lakonischen Melancholie und Sentimentalität an Hammetts »Gläsernen Schlüssel«.
»Miller's Crossing« - das ist eine Geschichte, die scheinbar vor Action, vor Mord und Totschlag birst. Doch Joel Coen ist kein Pyrotechniker, der mit seinem Kino ein wildes Feuerwerk veranstaltet, sondern ein Stilist, der die lauernde Gewalt und ihre ständig drohenden Orgien in von Huträndern überschattete Gesichter legt, in karge Dialoge, die das meiste mit dem sagen, was sie verschweigen. Ein Film, der seine dramatische Wucht aus Großaufnahmen von Gesichtern bezieht: den Verrat der Liebe, den Hochmut der Gewalt, die Angst vor der Erniedrigung. Wie einst Melville setzt Coen ebenso eindringlich wie schlüssig Zeichen: ein Hut, der im Traum über eine Waldlichtung weht, ein Wald, durch den mit Mantel und Hut zur Exekution geschritten wird.
Ausbrüche winselnder Angst, Explosionen unvorstellbarer Roheit - sowenig das mit dem Leben, soviel das mit dem Kino zu tun hat, »Miller's Crossing« ist eine filmische Chiffre für ein Zeitgefühl, das sich im Gangster von 1929 manifestiert. Ein spätes, kein verspätetes Meisterwerk der Schwarzen Serie.
Hellmuth Karasek