Rote Wände - DER SPIEGEL
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AUTOMOBILE / NEBEL-RÜCKSTRAHLER Rote Wände

• aus DER SPIEGEL 51/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit abgeblendeten Scheinwerfern näherte sich der Düsseldorfer Audi-Fahrer Frank Claussen nachts auf der Autobahn bei Bielefeld einem Personenwagen, der nach deutscher Sitte ohne Grund die linke Fahrbahn besetzt hielt. Claussen tippte gegen seinen Lichthupenhebel; er wünschte zu überholen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Denn »plötzlich hatte ich nichts weiter als einen glühendroten Feuerball, vor mir. Geblendet und erschreckt, trat Claussen auf die Bremse und ließ den anderen ziehen.

Der Audi-Fahrer war, wie schon Zehntausende andere deutsche Automobilisten, Opfer einer neuartigen Sicherheits-Leuchte geworden: des roten Nebel-Rückstrahlers. Er hat die doppelte Leucht- und Strahlkraft einer normalen Rückleuchte und wirkt auf Automobilisten, die ihm unverhofft ausgesetzt werden, nach Aussagen Betroffener zumeist »wie eine rote Wand«.

Mit den neuen Rot-Strahlern, die gerade in den letzten Monaten an immer mehr Autohecks montiert wurden, hat sich der schon vor Jahren auf deutschen Straßen aufgeflammte »Lichtkrieg stark verschärft«, wie Günther Baumgartner, Ingenieur bei der ADAC-Straßenwacht in München, bekundete. Ein Straßenwachtfahrer: »Jetzt funken sie aus allen Knopflöchern.«

Vor drei Jahren hatte die Elektro-Industrie Zusatzscheinwerfer präsentiert, die sie erstmals mit Halogen-Glühlampen bestückte -- wahren Wunderkerzen mit der doppelten Leuchtkraft und Reichweite herkömmlicher Auto-Scheinwerfer.

Doch unzählige Kraftfahrer erwiesen sich, wie ein Sprecher des Stuttgarter Elektro-Konzerns Bosch formulierte, »als Lichträuber, die den Habgen-Scheinwerfer als Waffe im Straßenkampf benutzten«. Die Räuber ließen ihre stechend-hellen Weitstrahl-Batterien rücksichtslos leuchten und schreckten, scheuchten und gefährdeten die übrigen Straßenbenutzer.

Genauso kam es mit den Nebel-Rückstrahlern, für deren Entwicklung Bosch mit einem Sicherheitspreis des ADAC ausgezeichnet wurde. Verkehrsfachleute werteten die roten Laternen zwar einhellig als bedeutenden Sicherheitsfaktor für deutsche Autostraßen« wo nach einer meteorologischen Klassifizierung 13 verschiedene Arten Nebel auftreten können. Wegen der furchtlos-forschen Fahrweise deutscher Autobahn-Raser selbst im dichten Nebel war es auch in diesem Jahre zu Massen-Karambolagen gekommen, bei denen sich bis zu fünf Dutzend Autos ineinander verkeilten.

Rasch zeigte sich jedoch, daß etliche Automobilisten mit Hilfe der Sicherheits-Leuchten eher Unsicherheit verbreiteten, indem sie andere Fahrer gezielt mit dem Rot-Strahler traktierten. Und selbst Kraftfahrer, die ihre Lampen nicht böswillig gegen ihresgleichen kehrten, griffen häufig auch bei klarer Sicht bedenkenlos zum Rotlicht-Schalter -- nämlich dann, wenn sie nach den Beobachtungen von Straßenwacht-Ingenieur Baumgartner »einen Dichtauf-Fahrer einfach nur zurückschrecken wollten«. Manche Fahrer werden wiederum selbst bei Nebel geblendet, weil sie zu dicht aufrücken.

Gefahr durch Nebel-Schlußleuchten (die in der Schweiz »wegen mangelnder Erprobung« nicht zugelassen sind) droht außerdem noch, wenn

* der einem Auto mit Rot-Strahler nachfolgende, normal beleuchtete Wagen Infolge Überblendung gleichsam unsichtbar wird,

* die Rot-Strahler unsachgemäß montiert oder falsch eingestellt sind,

* Fahrer das Wetter falsch einschätzen (Nebelleuchten dürfen nur bei Nebel oder Schneefall brennen) oder vergessen, die Leuchten rechtzeitig zu löschen.

Bosch: »Mißbrauch und Einstellfehler machen noch viel Aufklärungsarbeit notwendig.«

Das scheint in der Tat angezeigt bei einem Kraftfahrervolk, dem der Zustand seiner Scheinwerfer offenbar recht gleichgültig ist: Von 12,6 Millionen Personenwagen wurden in der letzten »Beleuchtungs-Woche« nur 77 873 Wagen zur kostenlosen Überprüfung vorgeführt -- und nur 13 630 von ihnen »hatten keine Lichtmängel. 30 Prozent aller Fahrer, so schätzte überdies die Verkehrspolizei, kennen nicht den Unterschied zwischen Stand- und Abblendlicht.

Daher läßt der nächste Schritt der Elektro-Industrie Schlimmes erwarten. Bisher waren die Rot-Strahler nur mit normalen Bilux-Glühlampen ausgerüstet. Bald sollen sie auch extra stark geliefert werden -- mit noch kräftiger und weiter strahlenden Halogen-Birnen.

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