RUSSISCHE PLAKATE Roter Keil
Einst warben sie für die Rote Armee und den 1. Mai, fürs Lesen- und Schreibenlernen und um Hilfe für Hungernde. Dann verstaubten sie im Archiv. Jetzt dienen sie als Delikatesse auf Deutschlands vorweihnachtlichem Büchermarkt: 40 »Plakate der Russischen Revolution 1917-1929«, unter diesem Titel zu einem bibliophilen Mappenwerk gebündelt und offeriert vom West-Berliner Gerhardt Verlag, die Mappe zu 110 Mark.
Die Dokumente revolutionärer Reklame (siehe Bildseite) sind eine Entdeckung des italienischen Photographen Caio Garrubba - er fand sie 1965 in einer Abteilung der Moskauer Lenin-Bibliothek, die dem sowjetischen Besucher gemeinhin verschlossen ist. Kamera-Künstler und Kommunisten-Freund Garrubba erkannte den Reiz der historischen Blätter und erwirkt die Erlaubnis zu ihrer Reproduktion.
Der Reiz ist zwiefach: Die Plakate spiegeln Phasen und Probleme der roten Revolution sowie verschiedene Möglichkeiten und Manieren der frühen, noch nicht gleichgeschalteten Sowjet-Kunst.
Sie rufen 1919 zur Verteidigung von Petersburg gegen den konterrevolutionären Weißgardisten-General Judenitsch auf, 1920 zum Kampf gegen das Analphabetentum, 1921 zur Unterstützung der hungernden Bauern des Wolgagebiets, 1927 zur Überwindung des immer noch virulenten russischen Antisemitismus.
Ihre Stil-Skala reicht vom heroischen Realismus über die volkstümliche Karikatur bis zur gegenstandslosen Kunst des »Suprematisten« El Lissitzki ("Mit dem roten Keil schlagt die Weißen").
Sowohl die italienische wie die deutsche Ausgabe von Garrubbas Plakat -Mappe wurde in Rom gedruckt - auf sieben verschiedenen, möglichst originalnahen Papiersorten und zum überwiegenden Teil in der Originalgröße. Anfang November mußte Verlegerin Renate Gerhardt um die 3000 Exemplare ihrer ersten Auflage bangen: Sie waren auf dem Weg nach Norden in die italienische Flutkatastrophe geraten und liegengeblieben. Aber dann kam das revolutionäre Luxusgut doch noch rechtzeitig zum Festgeschäft.
Um den Absatz zu erleichtern, hat sich die Berliner Verlegerin noch etwas einfallen lassen: Die Buchhändler dürfen die 40 Plakate der 110-Mark-Mappe auch einzeln verkaufen, die zweifarbigen zu fünf, die bunteren zu sieben Mark das Stück. So kommt nicht nur das neue Genre kaufkräftiger Plakatkunst-Sammler in den Genuß der Bolschewisten -Blätter. »Auch der Student«, sagt Renate Gerhardt, »kann sich das eine oder andere Plakat an die Wand pinnen.«
Denn schließlich, so sieht die Verlegerin ein, »diese Sache nur mit dem 110-Mark-Preis anzubieten, wäre ja wohl auch ganz schön unrevolutionär«.
* Plakat-Texte: »Genosse Lenin säubert die Welt vom Unrat«; Arbeiterinnen und Bäuerinnen, zu den Wahlen! Unterm roten Banner in Reih und Glied mit den Männern sind wir der Schrecken der Bourgeoisie«.
Revolutions-Plakat 1919 »Brust an Brust zum Schutze Petersburgs«; Buchumschlag: Plakat »Rote Reiterei- 1919
Hungersnot-Plakat 1921 »Hilf!«; Bildungs-Plakat 1920: »Der Analphabet ist wie ein Blinder«; 1.-Mai-Plakat 1920
Lenin-Plakat 1920*; Wahlplakat 1925*; Plakat gegen Konterrevolution 1920: »Mit dem roten Keil schlagt die Weißen!«