RAUMFAHRT / SOWJET-RAKETEN Roter Spargel
Zehn Jahre hüteten die Russen ihr Geheimnis. Zehn Jahre lang rätselte der Westen, welcher Geniestreich den Sowjets ihren Vorsprung in der Raumfahrt eingebracht habe: exotische Treibstoffe, gigantische Raketen-Triebwerke oder etwa gar Atomantrieb.
Zehn Tage lang, bis letzten Sonntag, durften nun auf dem diesjährigen Pariser Aerosalon Fachleute und Laien eines der legendären Riesen-Fahrzeuge bestaunen, mit denen die Sowjets -schon lange vor den Amerikanern -- tonnenschwere Lasten, den ersten Welt-Umrunder Jurij Gagarin und die erste dreiköpfige Kosmonauten-Mannschaft ("Woßchod I") ins All befördert haben: die Sowjetrakete »Wostok« seit dem Eröffnungstag das meistbegaffte Schaustück in Paris.
Zum erstenmal zeigten die Sowjets nebeneinander die Trägerrakete und die Raumkapsel der »Wostok«-Serie, und westliche Experten konnten sich nunmehr zusammenreimen, wie die Sowjets ihre anfänglichen Rekorde in der bemannten Raumfahrt errungen hatten.
Das Konstruktionsprinzip der Wostok-Raumkapsel (die schon im Frühjahr 1965 auf einer Wirtschaftsausstellung in Moskau vorgeführt worden war) weicht grundlegend von dem der US-Raumschiffe ab: Die Kommandokapsel für den Raumfahrer ist kugelförmig, nicht -- wie bei Mercury, Gemini und Apollo -- in der Form eines Kegels ausgebildet.
Drei kreisrunde Öffnungen unterbrechen die mit einer Ritze-reflektierenden Folie überzogene Kugelfläche der 2,4 Tonnen schweren Wostok-Kapsel: Eine ermöglicht den Ausstoß des Bremsfallschirms der Kapsel bei der Landung, eine zweite dient als Zugangsklappe zu diversen Bordgeräten, die dritte als Einstiegsluke für den Kosmonauten und zugleich als Öffnung, durch die sich die Wostok-Piloten samt Schleudersitz und Fallschirm aus der Kapsel katapultierten.
Das Hauptinteresse westlicher Experten auf der Luft-Schau in Paris freilich galt dem Trägerfahrzeug, das die Kugelkapseln himmelwärts gehoben hatte: der »Wostok«-Rakete.
Die Raumrakete beeindruckte westliche Beobachter, wie der britische Raketenfachmann Kenneth W. Gatland formulierte, »durch ihr überaus logisches und zugleich bestechend einfaches Konzept«. Zwei Entscheidungen, so bewies die in Paris gezeigte Wostok-Trägerrakete, haben die fast ein Jahrzehnt währende Weltraum-Überlegenheit der Russen begründet:
> Jahre vor den Amerikanern entschieden sich die Sowjets, um höhere Schubleistungen zu erzielen, für das Prinzip der Bündelung mehrerer Treibsätze.
> Zur Verwirklichung dieser Idee griffen sie auf bereits bewährte, einfache und in Groß-Serie gefertigte Triebwerke zurück -- während die Amerikaner für fast jede Raketen-Generation neue, stärkere Motoren konstruierten.
Als »nackten Wahnsinn« hatten noch Anfang der fünfziger Jahre amerikanische Antriebs-Experten den Plan Wernher von Brauns bezeichnet, 51 Raketen-Triebwerke gleichsam wie Spargel zu einem schubkräftigen Mond-Vehikel zu bündeln. Es schien ihnen unvorstellbar, daß so viele Raketen-Aggregate präzise genug zusammenarbeiten konnten.
Aber um jene Zeit, lange bevor auch von Braun seine Bündel-Ideen in die Wirklichkeit umsetzen durfte, fertigten sowjetische Konstrukteure offenbar schon erste Prototypen nach diesem Prinzip.
Vier Raketen-Motoren, zu einer Gruppe gebündelt, bildeten den Antrieb der Erststufe jener sowjetischen Interkontinental-Rakete, die 1957 erprobt wurde und noch im selben Jahr die ersten »Sputniks« in den Himmel hob. Die Triebwerke für dieses Projekt waren aus den Motoren entwickelt worden, die deutsche Raketen-Techniker Ende des Krieges in Peenemünde für die V-2 gebaut hatten.
Als es dann galt, die schon beträchtliche Schubleistung der 30 Meter langen Sputnik-Rakete so zu erhöhen, daß sie auch bemannte Raumschiffe ins All heben konnte, fanden die Sowjets -- wie sich nun in Paris zeigte -- die einfachste und zugleich effektvollste Lösung: Sie hängten vier zusätzliche, mit dem gleichen Motorentyp ausgestattete Hilfsraketen an die Außenwand der schon vorhandenen Rakete. Die 20 gleichartigen Triebwerke am Heck des neuen Vehikels wurden beim Start alle gleichzeitig gezündet und vereinigten ihre glühenden Gasströme zu einem gigantischen Feuerstrahl.
Damit verfügten die Sowjets schon um 1960 über erprobte Raketen mit einer nutzbaren Schubleistung von annähernd 600 Tonnen (entsprechend etwa 28 Millionen PS) -- eine Größenordnung, die amerikanische Raumfahrt-Techniker erst Jahre später mit den gleichfalls nach dem Bündelprinzip arbeitenden Raketen vom Typ »Saturn I« erreichten.
Die neuen, in Paris ebenfalls gezeigten Forschungs-Satelliten »Proton« (13 Tonnen) können allerdings von den nunmehr bekannten »Wostok« -Treibsätzen ebensowenig ins All gehievt worden sein wie die Ende April erstmals erprobte Raumkapsel vom Typ »Sojus« (geschätztes Gewicht: 15 Tonnen).
Es gilt als sicher, daß die Sowjets für diese neue Raketen-Generation -- wie die Amerikaner -- größere Triebwerke entwickeln mußten. Doch während das Wernher-von-Braun-Team in Amerika einen Sprung ins Gigantische wagte -- jeder der fünf Motoren für die Grundstufe der Mondrakete »Saturn V« (erster Testflug: voraussichtlich im Juni dieses Jahres> wird 680 Tonnen Schub erzeugen, mehr als die 20 Wostok-Triebwerke zusammen -, bleiben die Sowjets offenbar bei ihrem Prinzip, viel Kleines zu addieren, um Größeres zu bewirken.
Nach westlichen Mutmaßungen ist die von den Russen zur Erprobung des Mondes konstruierte Rakete wiederum aus zwanzig Teil-Antriebssystemen aufgebaut. Jedes dieser Triebwerke wird etwa 120 Tonnen Schub erzeugen. Das aber würde bedeuten, daß die Sowjets mit ihrer Mondrakete insgesamt nur 2400 Tonnen Schubleistung erreichen werden -- 1000 Tonnen weniger als die Amerikaner mit der Saturn V.
Dies wiederum bekräftigt die Vermutung, daß die Sowjets, anders als die Amerikaner, nicht im Direktflug von der Erde zum Mond und zurück, sondern von einer vorher in Erdnähe zusammengebauten Weltraumstation zu dem großen Raumabenteuer starten wollen.